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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Kauflos glücklich seit (fast) drei Jahren

01.12.2018

Oldenburg „Mein Neujahrsvorsatz für 2016 war, nichts Neues mehr zu kaufen.“ Anna Menke sitzt am Küchentisch. Vor ihr steht ein mit Ostfriesenrosen verziertes mehrteiliges Teeservice. „Ich hatte ja schon alles, was ich brauche“, sagt die 27-Jährige und blickt schulterzuckend aus dem Fenster.

Gemeinsam mit ihrem Mann lebt die gebürtige Augustfehnerin in Oldenburg-Etzhorn. In der großzügigen Diele des ehemaligen Bauernhauses steht ein antiker Schrank aus dunkelbraunem Holz, den Anna Menke selbst aufgearbeitet hat. Schwarz-weiße Kühe grasen friedlich auf einer angrenzenden Weide. Aus einem alten Kastenradio ertönt leise Musik.

„Zunächst war die Aktion für ein Jahr gedacht“, sagt die angehende Pastorin, die im September ihr Examen in Theologie bestanden hat. Im März kommenden Jahres beginnt sie ihr Vikariat in der Kirchengemeinde Ohmstede.

Chemie belastet Gesundheit der Arbeiter

„Mir war immer klar, dass die Modeindustrie die Kleidung nicht unter fairen Produktionsbedingungen herstellt und Menschen teilweise ausgebeutet werden“, sagt sie. Doch erst die Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“ in Hamburg, wo sie zu der Zeit lebte, löste etwas in ihr aus.

„Erst da habe ich mir bewusst gemacht, was für einen schlechten Einfluss die Mode auch auf die Umwelt hat.“ So würden sich nach dem Einfärben von Kleidungsstücken oft auch nahe gelegene Bäche und Flüsse verfärben. Grün oder blau. Die Chemie belaste die Gesundheit der Arbeiter, die Natur – und letztlich auch die Menschen, die die Kleidung am Ende tragen würden.

Große Modehäuser wie H&M, Primark oder C&A würden innerhalb von zwei Wochen neue Kollektionen herausbringen. „Das geht nicht mehr um Mode, sondern darum, zu verkaufen und den Leuten zu indoktrinieren, dass sie etwas Neues brauchen. Dabei sind es die Menschen und die Umwelt, die darunter leiden.“ Für Anna Menke stand schnell fest: „Das wollte ich nicht weiter unterstützen.“

Die Oldenburgerin hat selbstgebackene Quitten-Muffins aufgetischt. Seit ihrem elften Lebensjahr ist sie Vegetarierin. Aus einer großen Kanne dampft frischer Ostfriesentee. Eine weiße Decke mit blauen Blumenverzierungen liegt auf dem Esstisch.

„Ich habe damals mit einer Freundin darüber gesprochen und sie hat mir gesagt, dass ich doch einen Blog über meine Erfahrungen schreiben soll. Das habe ich dann getan.“ Und so begann das Projekt unter dem Namen „kauflos glücklich“.

„Wenn ich etwas benötige, kaufe ich es gebraucht“, sagt sie. So habe das Kleidungsstück, das Küchengerät, das Möbelstück oder auch das Buch seinen ökologischen Fußabdruck schon hinter sich. „Vieles habe ich auch aussortiert und selbst weitergegeben.“ Oft stelle sie sich die Frage, was ihr wirklich wichtig sei. „Die Sachen, die ich habe, dafür habe ich mich bewusst entschieden. Es ist ein Kreislauf.“

Doch war die Umstellung wirklich so einfach? „In Hamburg gibt es viele Secondhand-Läden“, sagt Anna Menke, die auch den Einzelhandel vor Ort unterstützen möchte. Zudem gebe es Tauschplattformen im Internet. Auch anschließend in Göttingen, wo sie ihr Studium beendete, oder nun in Oldenburg sei es möglich, gebrauchte Kleidung zu kaufen. „Es kommt natürlich darauf an, was man selber aus der Situation macht.“ Und: „Ich war auch früher nicht unbedingt eine Shopping-Queen. Es hat sich gut angefühlt, die Sachen auch mal aufzubrauchen.“

Im Supermarkt kommt Käse in die Tupperbox

Fast automatisch weitete sich ihr Vorsatz auf andere Bereiche aus. „Ich habe mich immer mehr mit dem Thema Müllvermeidung auseinander gesetzt.“ Den Anfang machte sie beim Bäcker, zu dem sie ihren Brotbeutel mitbrachte. Und auch im Supermarkt um die Ecke gebe man ihr den Käse in ihrer Tupperbox mit. „Die sind da sehr entspannt“, sagt Anna Menke. „Es ist alles eine Kopfsache. Man muss manchmal nur mit den Leuten reden.“

Und auch in Sachen Körperpflege dachte die 27-Jährige um. „Ich hatte wirklich viele Bodylotions – die letzte habe ich gerade erst aufgebraucht.“ Gleiches galt für Gesichtscreme. Einige Kosmetika wie beispielsweise Deo bereitet Anna Menke mittlerweile selbst zu. „Das funktioniert sehr gut und ich weiß, was drin ist.“ Neben dem Herd stehen schon Stärke, Natron, Lavendelöl und ein leerer Deoroller bereit.

Ausnahmen sind erlaubt

Doch ein paar Ausnahmen macht die junge, zierliche Frau. „Ich habe im Internet ein Rezept für Zahnpulver gefunden, das sich aus Heilerde und Natron zusammensetzt.“ Aber: „Ich habe mit einem befreundeten Zahnarzt gesprochen und der sagte, dass Fluorid wichtig für die Zähne ist.“ Es härte sie und mache sie resistenter gegen Säuren. „Also benutze ich jetzt morgens das Zahnpulver und abends eine Zahnpasta einer Naturkosmetikfirma. Konventionelle Zahnpasta enthält nämlich – wie viele andere Pflege und Kosmetikprodukte – Mikroplastik.“

Und auch ihren Fahrradhelm hat Anna Menke neu gekauft – nachdem sie sich über die Produktionsweisen informierte. „Sicherheit geht vor.“

„Ich will niemanden zwingen oder überreden, so zu leben wie ich, aber ich würde mir wünschen, dass die Menschen bewusster konsumieren. Man kann die Augen nicht mehr verschließen vor Klimawandel, Umweltverschmutzung und schlechten Produktionsbedingungen. Das wäre sehr ignorant. Man muss sich damit beschäftigen.“ Es sei ein Thema, das immer präsenter werde, sagt sie und fügt hinzu: „Aber auch ich bin weit davon entfernt eine ‚Zero-Wasterin‘ zu sein – besser geht immer.“

So begann sie, ihre Lebensmittel hauptsächlich über Foodsharing zu besorgen, eine Plattform zum Verteilen von überschüssigen Lebensmitteln. „In Oldenburg ist das noch nicht so sehr bekannt“, sagt Anna Menke. „Dabei gibt es riesige Mengen an Lebensmitteln, die weggeschmissen werden.“

Dinge reparieren, statt neu kaufen

Beim Foodsharing nehme sie alles mit, weil es vor allem darum gehe, übergebliebene Lebensmittel zu retten. Natürlich bevorzuge sie Bio-Produkte. „Es geht mir darum, wie produziert wird. Ich komme aus einer Familie mit landwirtschaftlichem Hintergrund – am besten wäre es, wenn Bio-Standards einfach ganz normal wären.“ Oft geht sie auch auf den Wochenmarkt, um die regionale Landwirtschaft zu unterstützen. „Im Alltag ist das mit dem ‚Nichts-Neu-Kaufen‘ und der Müllvermeidung bei mir gar nicht mehr so ein riesen Thema“, sagt sie.

Und die 27-Jährige hat noch einen Tipp: „Dinge reparieren statt sie neu zu kaufen, und damit ihre Lebensdauer verlängern. Damit bringt man den Dingen – seien es nun Klamotten, Möbel oder was auch immer – gleichzeitig viel mehr Wertschätzung entgegen.“ Viele Neukäufe im Haushalt würden sich vermeiden lassen, indem man Einweg- durch Mehrwegprodukte ersetzt. Also zum Beispiel: Stofftücher statt der Küchenrolle, Stoff- statt Papiertaschentücher, Topfhauben oder Bienenwachstücher statt Frischhaltefolie bis hin zur Menstruationstasse oder Stoffbinden statt Tampons.

Ein großes Thema war in diesem Sommer die Hochzeit von Anna Menke. „Wir haben erst mal nur standesamtlich geheiratet und zuerst wollte ich dafür gar kein Brautkleid haben, sondern einfach ein Kleid anziehen, das sowieso schon bei mir im Schrank hing.“

Doch dann kam doch alles ein wenig anders: „In Berlin habe ich in einem Secondhandladen einen Jumpsuit mit Neckholder gefunden, in den ich mich irgendwie verliebt habe.“ Da dieser komplett verschnitten war, musste der Einteiler noch geändert werden. „Am Ende habe ich inklusive Umnähen 35 Euro gezahlt“, sagt sie. Die Brautschuhe erhielt sie von ihrer Mutter.

Getragenes Brautkleid

Bleibt sie ihren Regeln auch im nächsten Jahr bei ihrer kirchlichen Trauung treu? „Ich möchte auf keinen Fall für ein Kleid, das ich nur einmal trage, super viel Geld ausgeben und, dass es extra für mich produziert wird“, sagt Anna Menke. Natürlich habe ihre Mutter sie sofort gefragt, ob sie gemeinsam auf Kleidsuche gehen. „Ich hoffe, dass wir auch schöne Kleider im Secondhand-Laden finden – und dass das Kleid, das mir gefällt, dann auch passt“, sagt die Oldenburgerin, die sich bereits einen Plan B gemacht hat. „In Köln gibt es ein Geschäft, das alte Kleider umnäht.“

Aufgeben oder verzweifeln – das passt nicht zu der angehenden Pastorin.

Auch bei ihren Möbeln geht sie wenig Kompromisse ein. Einzig einen neuen Kühlschrank kaufte sich das frisch verheiratete Paar zum Umzug. „Aber der hat auch eine bessere Energieeffizienzklasse“, sagt Anna Menke mit einem Lächeln – und hat noch einen nachhaltigen Tipp für Geschenke zum Weihnachtsfest: „Zeit statt Zeug schenken.“


Den Blog „kauflos glücklich“ gibt’s unter   kauflosgluecklich.blogspot.com 
Ein Video zu der Reportage gibt’s unter   http://bit.ly/sach-an-zeit-statt-zeug 
Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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