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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Die Schatten der Vergangenheit

16.01.2018

Oldenburg Eigentlich stehen bei der EWE alle Zeichen auf Neuanfang. Vor wenigen Tagen hat ein neuer Vorstandschef sein Amt angetreten, Personalvorstand und Technikvorstand folgen in Kürze, und in den Pressemitteilungen des Unternehmens geht es wieder um Glasfaserausbau und Strompreise, nicht um Krisen. Doch am Donnerstag wird der Energieversorger noch einmal von unrühmlichen Vorfällen in der Vergangenheit eingeholt: Das Landgericht Oldenburg verhandelt über die Kündigungsklage von Ex-Vorstandschef Matthias Brückmann.

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Besonders pikant: Im Gerichtssaal könnten die aktuelle und die ehemalige Führungsriege des Energieversorgers zusammenprallen. Das Gericht hat nicht nur das persönliche Erscheinen von Kläger Brückmann angeordnet, als Zeugen sind zudem der aktuelle Marktvorstand Michael Heidkamp und der frühere Personalchef Nikolaus Behr geladen. Behr hatte das Unternehmen nach einer Bespitzelungsaffäre vor eineinhalb Jahren verlassen müssen – und will jetzt offenbar zum juristischen Gegenschlag ausholen. Als Zuschauer angesagt hat sich zudem Christian C., Ex-Mitarbeiter und Opfer der Spitzelaffäre, der mit der EWE seit Jahren einen Rechtsstreit führt.

Spende oder Sponsoring?

Ex-Chef Brückmann hat die EWE verklagt, weil er seine fristlose Entlassung im Februar 2017 für unwirksam erklären lassen will und 450.000 Euro Gehalt nachfordert. Die EWE hält an der Kündigung fest und verlangt im Gegenzug 40.000 Euro zu viel gezahlte Tantiemen von Brückmann zurück.

WEitere Prozesse folgen

Weitere Prozesse im Zusammenhang mit der EWE sollen in den kommenden Wochen folgen. Ex-Vorstand Behr klagt in der Peilsender-Affäre Ende Februar vor dem Landgericht Hamburg auf Schadenersatz gegen eine ehemalige Anwaltskanzlei der EWE.

Ex-Mitarbeiter Christian C. will wegen der Bespitzelung Schadenersatz von Behr, der EWE AG und der EWE Netz. Das Landgericht Lübeck verhandelt im April. Christian C. hat zudem die EWE Netz und deren Vorsitzenden der Geschäftsführung, Torsten Maus, wegen Prozessbetrugs verklagt. Ein für diese Woche geplanter Gütetermin vor dem Arbeitsgericht Oldenburg wurde verschoben.

Brückmann musste offiziell wegen einer „Vielzahl diverser grober Verfehlungen“ gehen. Das Gericht interessiert sich nach NWZ-Informationen aber vor allem für einen Vorgang: die Zahlung von 253.000 Euro an die Stiftung der Boxer-Brüder Klitschko, die Brückmann im März 2016 auf einer Gala in Kiew zugesagt haben soll. Dabei wird es um die Frage gehen, ob die Summe eine (bedingungslose) Spende war oder Teil einer Sponsoring-Vereinbarung (Geld gegen Werbeleistung).

Das ist deshalb von Bedeutung, weil der EWE-Aufsichtsrat im Dezember 2015 eine neue Konzernanweisung zum Umgang mit Spenden beschloss (übrigens auf Anregung von Matthias Brückmann). Künftig sollte der Vorstand lediglich über ein Spendenbudget in Höhe von 50.000 Euro frei verfügen dürfen, zuvor lag die Summe bei 500.000 Euro. Nach Meinung verschiedener Wirtschaftsprüfer und Juristen, die den Vorgang im Auftrag der EWE bewerteten, verstieß Brückmann mit der eigenmächtigen Spendenzusage gegen die Unternehmensregeln. Dass es sich bei der Summe um eine Spende handelte, ist nach Meinung der Prüfer belegt: Auf der Zahlungsanweisung stand das Wort „Spende“.

Das Landgericht will sich am Donnerstag allerdings selbst ein Urteil bilden. Nach NWZ-Informationen könnte Brückmann in dem Rechtsstreit seinen Ex-Kollegen Heidkamp belasten, um seine Position zu verbessern. Danach will der Ex-Vorstandschef aussagen, dass er seinen Vorstandskollegen bei einer Besprechung am 20. Juli 2016 von der erfolgten Spendenzusage an die Klitschko-Foundation berichtet habe. Dieser sei damit einverstanden gewesen. An der „Vorstandsbesprechung“ habe auch Behr teilgenommen.

Wie es aus anderer Quelle hieß, soll dieses Gespräch anlässlich eines Besuchs beim Softwarehersteller SAP in Heidelberg stattgefunden haben. Brückmann soll dabei angeblich von einem „Fehler“ gesprochen haben, den er bei der Zusage an die Klitschko-Stiftung gemacht habe. Spannend wird sein, was Heidkamp und Behr vor Gericht dazu sagen.

Den vertraulichen Untersuchungsberichten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der Rechtsanwaltskanzlei DLA Piper zufolge hatte Brückmann später gegenüber dem EWE-Aufsichtsrat erklärt, dass er tatsächlich zunächst ein Sponsoring mit Wladimir Klitschko verabredet habe. Ex-Boxweltmeister Klitschko sollte für Werbetermine nach Oldenburg kommen. Ein Sponsoringvertrag kam aber nie zustande. Wegen „unvorhersehbarer Ereignisse“, so heißt es in den Berichten, sei dann laut Brückmann eine „Vorab- bzw. Einmalzahlung in Form einer Spende“ an die Stiftung geleistet worden.

Zweite Unterschrift

Unter diese Zahlungsanweisung setzte Vorstandskollege Michael Heidkamp am 24. Oktober 2016 die vorgeschriebene zweite Unterschrift. Dieses habe er allerdings „im Vertrauen auf eine Gegenleistung“ getan, so äußerte sich Heidkamp später gegenüber den Wirtschaftsprüfern. Die Anwälte von DLA Piper halten Heidkamp in ihrem Bericht zugute, dass er die Zahlungsanforderung „in einem Rahmen“ unterzeichnet habe, „der (wohl bewusst) keine Prüfung zuließ und in dem Vertrauen auf die falschen Informationen von Herrn Brückmann“.

Gar nichts von einer Sponsoring-Absprache wissen will übrigens der Empfänger des Geldes, Wladimir Klitschko. Er erklärte nach der Entlassung von Brückmann, der damalige EWE-Chef sei „proaktiv“ auf ihn zugekommen und habe sich „spontan“ zu einer Spende bereit erklärt. „An diese Spende waren zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Bedingungen geknüpft“, so Klitschko: „Herr Brückmann hat diese Spende freiwillig und bedingungslos getätigt.“

Brückmann selbst äußert sich aktuell nicht zu dem laufenden Verfahren. Sein Anwalt Bernd-Wilhelm Schmitz hatte aber bereits nach Brückmanns Entlassung die Vorwürfe „haltlos“ genannt.

Vor Gericht wird die Brückmann-Seite vermutlich argumentieren, dass die Konzernanweisung „Spenden“, gegen die der damalige Chef verstoßen haben soll, erst zum 1. Juni 2016 in Kraft getreten sei. Die Zusage der 253.000 Euro sei aber bereits im März erfolgt. Die EWE-Juristen verweisen hingegen auf das Datum der Überweisung im Oktober 2016. Brückmann hätte laut Vorschrift dafür die Zustimmung seiner Vorstandskollegen und des Aufsichtsrats benötigt. Darüber hinaus, so heißt es im Gutachten von DLA Piper, hätte auch nach den alten Unternehmensregeln der Gesamtvorstand über eine solche Spende abstimmen müssen.

All das wird das Landgericht versuchen nachzuzeichnen. Bislang steht nur ein Termin fest, das Gericht hofft auf eine gütliche Einigung. Sollte es dazu nicht kommen, können weitere Termine folgen. Weitere Zeugen könnten gehört werden, auch eine Ladung Wladimir Klitschkos ist nicht ausgeschlossen.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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