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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wo Unternehmen kaum Bewerber finden

31.08.2019

Oldenburg /Region Verkehrte Welt auf dem Ausbildungsmarkt? Nachdem es jahrelang teilweise deutlich mehr Bewerber als offene Stellen gab, kehrt sich dieser Trend gerade um. 565.000 der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Ausbildungsstellen standen im Jahr 2018 nur noch 536.000 Bewerber gegenüber. In Niedersachsen ist dieser Schnittpunkt noch nicht ganz überschritten. Noch nicht, denn: Kamen im Jahr 2010 rechnerisch noch mehr als 1,35 Bewerber auf eine Ausbildungsstelle, gab es 2018 fast ebenso viele Stellen wie Stellensuchende.

In einer Kooperation von Correctiv und der Nordwest-Zeitung wurden die vom Statistischen Bundesamt zur Verfügung gestellten Daten für den Nordwesten untersucht. Dabei zeigt sich: Der bundes- und landesweite Trend kommt auch zwischen Nordsee und Südoldenburg an – jedoch sind nicht alle Landkreise und nicht alle Branchen gleichermaßen betroffen.

Handwerk betroffen

Im gesamten Nordwesten fehlen Azubis vor allem in Handwerksberufen, in der Gastronomie, der Lebensmittelherstellung, in der Ver- und Entsorgungsbranche. Im Ammerland etwa kamen auf 64 ausgeschriebene Stellen im Hochbau gerade einmal acht Bewerber. Im Gartenbau bewarben sich nur 14 Suchende auf die 80 ausgeschriebenen Stellen. Und nur sechs Bewerber gab es auf die 42 zu besetzenden Ausbildungsstellen in der Lebensmittel- und Genussmittelherstellung im Landkreis Vechta.

Gerade im Oldenburger Münsterland ist die Situation für Unternehmen schwierig. Dort bewarben sich rechnerisch nur 0,68 Ausbildungssuchende auf eine Stelle, ähnlich im Landkreis Cloppenburg (0,89). Im krassen Gegensatz dazu bewarben sich in Delmenhorst 2,14 Personen auf eine Stelle.

Doch wie ist es zu erklären, dass es in vielen Bereichen ein Überangebot an Stellen ohne genügend Bewerber gibt? Eine Ursache wird in der zunehmenden Akademisierung gesehen. „Vor den Folgen des Akademisierungswahns hat das Handwerk jahrelang gewarnt, unsere Warnungen verhallten allerdings ungehört. Jetzt zeigt sich, dass die Warnungen berechtigt waren: Die gesellschaftliche Wertschätzung für eine berufliche Ausbildung und eine berufliche Tätigkeit im Handwerk ist gesunken“, sagt Sarah Kempf, Referatsleiterin Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Kai Vensler, Geschäftsbereichsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer Oldenburg, sieht unter anderem wegen der Niedersächsischen Meisterprämie grundsätzlich einen positiven Trend hin zur Ausbildung im Handwerk. Aber neben dem demografischen Wandel sieht er auch ein Imageproblem in manchen Branchen: „Im Bereich Sanitär werden aber nicht nur verstopfte Toiletten gereinigt, sondern unter dem Stichwort ,Smart Home’ ganz andere Schwerpunkte gesetzt.“

Verschiedene Probleme

„Die Unternehmen sehen mittlerweile den Mangel an Fachkräften als wesentliches Geschäftsrisiko an und wollen den Bedarf durch Ausbildung im dualen System decken – und das ist genau richtig!“, sagt Stefan Bünting, Bereichsleiter Ausbildung und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer Oldenburg.

Bünting sieht auch sinkende Schülerzahlen als Grund für das Ungleichgewicht. Unter diesen weniger werdenden Bewerbern gebe es natürlich auch qualitative Unterschiede. „Die Schulabgänger von heute – die Generation Z – haben natürlich andere Stärken und Schwächen als die jungen Menschen vor zehn oder zwanzig Jahren“, sagt Bünting. „So sind sie mit digitalen Medien aufgewachsen. Darauf müssen sich die Unternehmen einstellen, das können sie als Chance nutzen.“ Andererseits würden Unternehmer und Ausbilder „nicht gerade selten“ von Defiziten in Mathematik und Rechtschreibung berichten.

Aber nicht nur die Unternehmer haben Probleme. Anders als die Zahlen vermuten lassen, gibt es in vielen Branchen weiterhin zu viele Bewerber auf zu wenige Stellen. Im Nordwesten wollen sich beispielsweise viel mehr junge Leute zur Arzt- und Praxishilfe, im Tourismus und Sport sowie im Bereich Informatik, Softwareentwicklung und Programmierung ausbilden lassen, als es offene Stellen gibt. Im Landkreis Oldenburg gab es im Bereich Tourismus und Sport 2018 vier Stellen – und 21 Bewerber. Bei Arzt- und Praxishilfen waren es 71 Bewerber auf 24 Stellen.

Ein weiteres Beispiel nennt Iris Krause, die für die Koordination der Ausbildungsmesse job4u (13. bis 14. September, Weser-Ems-Hallen Oldenburg) zuständig ist. „Bei der Polizei gibt es traditionell mehr Bewerber als Stellen“, sagt sie. Der Verein job4u versuche hier gezielt Bewerber, die bei den Einstellungstests durchfallen, anzusprechen und von anderen Alternativen zu überzeugen – und als Nachwuchskräfte für die Region zu gewinnen, denn: „Viele kommen aus einem anderen Bundesland.“ Erfolgreich sei diese Taktik allerdings „nur bedingt“.

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Als Grund führt Krause unter anderem die „Mauer im Kopf“ an: Viele junge Menschen hätten nur einen Plan A, wenn es um Ausbildung oder Studium geht. „Diesen Plan wollen sie unbedingt verfolgen.“ Um diese Mauer möglichst zu vermeiden, setzen die Mitarbeiter von job4u immer auf Alternativen und versuchen, auch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen davon zu überzeugen. Hier sieht Krause vor allem ein gesellschaftliches Problem. „Wer feststellt, dass etwas nicht zu einem passt, ist um eine Erkenntnis reicher“, sagt sie. Angesehen werde es aber als Scheitern. „Diese Einstellung muss sich ändern.“

Hinzu komme, dass viele Schülerinnen und Schüler, die sich am Ende ihrer Schullaufbahn nach passenden Ausbildungsplätzen umsehen, nur die „Big Player“ kennen würden. „Vielen ist gar nicht bewusst, wie viele unterschiedliche Betriebe im eigenen Ort oder im eigenen Landkreis ausbilden“, sagt Krause. Ein Problem, welches auch Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammer erkannt haben. Freie Stellen, auch für Praktika, „kommen automatisch in eine bundesweite App, dem ,Lehrstellenradar’“, sagt Vensler. „Kreishandwerkerschaften haben oft noch eigene Börsen und die Agentur für Arbeit ebenfalls.“

Ein ähnliches Prinzip verfolgt auch die IHK: Auf der bundesweiten Internetplattform IHK-Lehrstellenbörse „bieten Betriebe Ausbildungsplätze an. Schulabgänger können dort auch ihr eigenes Profil hinterlegen“, so Bünting.

Brachliegendes Potenzial

Krause erlebt die empfundene Alternativlosigkeit oft auch bei einer anderen Gruppe. „Fast 30 Prozent brechen ihr Studium ab, diese hohe Quote müssen wir auffangen.“ Hier greife auch ein anderer Faktor, der bei Betrieben immer stärker in den Mittelpunkt rückt: die Ausbildung von Älteren. Laut Bildungsbericht 2019 waren Auszubildende 2017 bei Ausbildungsbeginn durchschnittlich 19,9 Jahre alt. Aber 12,3 Prozent waren 24 oder älter. „Wir stellen fest, dass das Alter eine immer kleinere Rolle spielt“, sagt Krause. Viele Betriebe wären zudem sehr offen für die Beschäftigung von Geflüchteten.

Ein weiteres brachliegendes Potenzial sind un- und geringqualifizierte Arbeitslose. Rund zwei Millionen oft ältere Menschen fallen laut Correctiv in diese Kategorie.

Um dem Problem des fehlenden Nachwuchses zu begegnen, beweisen manche Betriebe Kreativität. Die Baumschule zu Jeddeloh Pflanzenhandels-GmbH zum Beispiel: Auszubildende können hier unter bestimmten Umständen auf dem Gelände wohnen. Andere Betriebe stellen dem Nachwuchs Autos zur Verfügung, um die Mobilität zu erhöhen. „Die Situation hat sich deutlich verschoben“, sagt Isa Kuhlmann von der Jeddeloher Baumschule. Es werde zunehmend schwieriger Auszubildende zu finden, deswegen suche der Pflanzenhandel auch weit gestreut. Bewerbungen sind sogar per WhatsApp möglich.

Aber noch viel wichtiger: „Wir zeigen von Anfang an Perspektiven auf“, sagt Kuhlmann. Schon während der Aus- spiele die Weiterbildung eine große Rolle. Und auch danach: ob Unterstützung beim berufsbegleitenden Studium oder beim Auslandsjahr.

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von NWZonline mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org


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