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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wie anonyme Hinweise Patienten schützen sollen

24.10.2017

Oldenburg Wäre vielleicht alles ganz anders gekommen? Hätte der Klinikmörder vielleicht gestoppt werden können? Könnten Mordopfer heute vielleicht noch leben – wenn es im Klinikum Oldenburg damals, als der Krankenpfleger Niels Högel auf Station 211 arbeitete, bereits das „Business Keeper Monitoring System“ gegeben hätte, kurz: „BKMS“? Ein anonymes Hinweisgeberportal, einen geheimen Briefkasten, ein sogenanntes Whistleblowing-System?

Vielleicht, vielleicht, vielleicht – Klinikchef Dr. Dirk Tenzer, 45 Jahre alt, schaut ein wenig genervt, wenn er solche Fragen beantworten soll. „Das ist ein System, um Regelverstöße aller Art aufzudecken“, erklärt er dann geduldig, „und keines, das in erster Linie Mordtaten entdecken soll.“ Tenzer sagt aber auch, dass es die Mordserie Högel war, die den Anlass gab, ein solches Programm einzukaufen. Im Maßnahmenkatalog „Patientensicherheit“, den das Klinikum nach Bekanntwerden der Mordfälle vorstellte, stand die Einrichtung eines Whistleblowing-Systems auf Platz 1.

„Ein Stück Familie“

Högel arbeitete von 1999 bis 2002 im Klinikum Oldenburg. Im Dezember 2002 wechselte er mit einem guten Arbeitszeugnis ans Klinikum Delmenhorst. Mittlerweile weiß man, dass der Krankenpfleger in Oldenburg mutmaßlich mindestens 36 Patienten getötet hat und mindestens 54 weitere Patienten in Delmenhorst, bevor er 2005 aufflog.

Größte Mordserie

Mindestens 90 Menschen soll der Klinikmörder Niels Högel in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben, davon gehen die Ermittlungen der Soko „Kardio“ aus. Es ist die größte Mordserie in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Alle Hintergründe zum Fall finden Sie in unserem Spezial im Internet:

www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess

Ebenso weiß man, dass es frühzeitig Auffälligkeiten gab. In Oldenburg zum Beispiel trafen sich Ärzte und Pfleger bereits im August 2001 auf Station 211, um über die ungewöhnliche Häufung von Reanimationen und Sterbefällen zu diskutieren. Högel, auch das weiß man heute, fühlte sich ertappt und meldete sich erst einmal krank. Folgen hatte die Besprechung aber keine für ihn, niemand schaltete die Behörden ein, niemand rief die Polizei.

Dirk Tenzer hat mit vielen Mitarbeitern über die Ereignisse von damals gesprochen. „Es gab Mitarbeiter, die sich sicher waren, dass mit Niels Högel etwas nicht stimmte. Die meisten sprachen aber von einem komisches Gefühl, das sie bei Högel hatten“, sagt er. „Aber wenn ich ein Bauchgefühl habe, heißt das ja nicht, dass es richtig ist.“

Denn auch das weiß man, seit das Oldenburger Bauchgefühl zu keinen Konsequenzen führte: Im Berufsalltag gibt es offenbar kaum eine erschreckendere Vorstellung als die, einen Kollegen einem falschen Verdacht auszusetzen. „So eine Station ist ein Stück Familie“, weiß Tenzer, „die Kollegen verbringen dort Weihnachten und Ostern zusammen.“ Würde man jemals wieder zusammenarbeiten können, wenn sich ein schlimmer Verdacht als falsch herausstellen sollte?

Elektronischer Postkasten

An dieser Stelle setzt BKMS ein, das elektronische Meldesystem: ein Internet-Portal, über das Mitarbeiter anonym Hinweise abgeben können. „Wir wollen Schwellen abbauen“, sagt Tenzer. „Es geht darum, Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, ein schlechtes Gefühl zu äußern.“ Letztlich sei das BKMS nur ein „weiterer Kommunikationskanal“, der neben den üblichen genutzt werden könne.

In großen Konzernen sind Whistleblowing-Systeme häufig längst Alltag, bei Siemens, bei der Bahn, bei MAN. Auch das Landeskriminalamt nutzt es für anonyme Zeugen. Das Klinikum Oldenburg war bundesweit das erste Krankenhaus, das ein solches System installierte, dicht gefolgt vom Universitätsklinikum Mannheim, das 2014 von einem Hygieneskandal erschüttert worden war.

2014 kündigt das Klinikum den geheimen Briefkasten erstmals an, Mitte 2016 ist er installiert. Es gibt Rundschreiben, Aushänge, Mitarbeiterinformationen im Klinikum: Liebe Kollegen, wir haben jetzt ein neues Meldesystem. Von Klinikrechnern aus lässt sich darauf zugreifen, aber ebenso von zu Hause oder von unterwegs.

Ein Klick, schon sind die Mitarbeiter auf der Startseite: „Wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt unserer Arbeit“, steht da in Fettschrift. Und: „Zu einem offenen, fairen und respektvollen Miteinander gehört auch die Einhaltung gesetzlicher, gesellschaftlicher und klinikeigener Regeln.“ Links daneben ein grauer Knopf, „Meldung abgeben“.

Noch ein Klick, ab jetzt wird der Hinweisgeber (neudeutsch: „Whistleblower“), Schritt für Schritt durch das System geführt. Immer wieder ploppen Sicherheitshinweise auf: „Wenn Sie anonym bleiben möchten, geben Sie keine persönlichen Daten an.“ Und so landet man schließlich beim Meldefeld, 4096 Zeichen hat man Platz, auf einen Regelverstoß hinzuweisen, das entspricht einer beschriebenen DIN-A4-Seite. Wieder ein grauer Knopf: „abschicken“.

Was an der einen Stelle jemand abschickt, kommt an anderer Stelle an: Im Verwaltungstrakt meldet ein Rechner „Aktivität“. Benjamin Grade, 39 Jahre alt, Jurist, Leiter der Stabsstelle „Recht und Compliance“ im Klinikum, loggt sich in das Whistleblowing-System ein. Er muss mehrere Passwörter eingeben, die nur er kennt. Klinikchef Tenzer zum Beispiel hat keinen Zugang.

Grade macht nun dreierlei.

Erstens prüft er: Ist die Meldung hier bei mir überhaupt richtig? Geht es tatsächlich um einen Regelverstoß, womöglich sogar um eine strafbare Handlung? Oder will hier nur jemand Dampf ablassen? Sich beschweren, schimpfen?

Zweitens schaut er: Wie plausibel ist der Hinweis, was steckt dahinter? Das, was Grade jetzt macht, nennt sich bei staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen: „Prüfung eines Anfangsverdachts“.

Drittens guckt Grade: Hat der Hinweisgeber ein Postfach eingerichtet? Jeder Mitarbeiter kann zwar im Verborgenen bleiben – er kann aber auch in einen anonymen Mail-Austausch treten mit Grade. Gut die Hälfte der Hinweisgeber hat bisher diese Möglichkeit genutzt. Grade betont: „Es ist nicht unser Ziel, den Hinweisgeber zu finden.“

Nach einem Jahr gab es rund 2000 Zugriffe auf die Meldeseite. Wie viele konkrete Hinweise eingingen, dazu äußert sich die Klinikleitung nicht. Nur so viel: Die Polizei einschalten musste man noch in keinem Fall. „Bislang hat sich das System vor allem als super Mittel bewährt, Missverständnisse aufzuklären“, sagt Grade.

Klinikchef Tenzer ist es wichtig, dass die Nutzung des Systems kein „Verpfeifen“ von Kollegen sei, auch wenn die englische Wortschöpfung „Whistleblowing“ grob übersetzt genau das bedeutet. „Wir wollen uns nicht gegenseitig bespitzeln“, sagt er. Er räumt aber ein, dass es auch kritische Stimmen im Haus gibt, die genau das befürchten.

Tenzer sagt, es geht um Vergehen wie Korruption, Diebstahl, Gewalt, kurz: Dinge, die das Ansehen des Klinikums schädigen oder den wirtschaftlichen Erfolg. Nie wieder sollen im Klinikum wichtige, vielleicht sogar lebenswichtige Hinweise nur deshalb nicht weitergegeben werden, weil ein Hinweisgeber Angst vor Enttarnung hat. Das lässt sich das Klinikum nun eine fünfstellige Summe im Jahr kosten.

Im Winter will Tenzer das Whistleblowing-System auch nach außen öffnen. Patienten, ihre Angehörigen, Lieferanten, Geschäftspartner sollen dann ebenfalls die Möglichkeiten bekommen, Hinweise abzugeben.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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