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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

So gelangt der Plastikmüll ins Meer – und in unsere Körper

18.06.2018
Frage: Herr Wolff, wie viel Plastikmüll gelangt schätzungsweise jährlich ins Meer?
Wolff: Laut der Kunststoffherstellervereinigung Plastics-Europe lag die weltweite Produktion von Plastik im Jahr 2016 bei circa 335 bis 380 Millionen Tonnen und steigt von Jahr zu Jahr an. Bis zu zehn Prozent dieses Plastiks endet als Müll in den Meeren. Das sind dann allein für das Jahr 2016 circa 35 Millionen Tonnen Plastik, die in den Ozeanen landen. Das sind allerdings Schätzungen, aber auf ein paar Millionen kommt es hier nicht an, es ist einfach zu viel. Egal wo Sie hingehen auf unserem Planeten, unser Müll ist schon da – und zwar in großen Mengen.
Frage: Wie verteilt sich der Plastikmüll im Meer?
Wolff: Geschätzt liegen 15 Prozent des Plastikmülls an den Stränden, 15 Prozent schwimmen an der Oberfläche und 70 Prozent liegen am Boden der Meere oder schweben in der Wassersäule. Der Müll auf dem Boden ist unsichtbar und auch „unholbar“. Da die Meere mehrere Kilometer tief sind, kann man das Plastik dort auch nicht mit normalem Aufwand herausholen. Selbst wenn man es versuchen würde, würde man dabei Flora und Fauna in der Tiefsee zerstören.
Frage: Wie steht es um Plastikmüll an der Nordsee?
Wolff: Wenn wir nicht dauernd aufräumen würden, wäre der Strand voller Müll. Da würde ja keiner mehr hinfahren, um Urlaub zu machen. Deshalb ist die Tourismusindustrie schwer am Arbeiten, die Strände sauber zu machen.

Der Experte

Wolff ist Leiter der Arbeitsgruppe „Physikalische Ozeanographie-Theorie“ am Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Universität Oldenburg.

Derzeit arbeitet er als Projektkoordinator an einem vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderten Forschungsprojekt zu Makroplastik in der Nordsee.

    www.macroplastics.de

Frage: Wie gelangen Joghurtbecher und Co. in das Wasser?
Wolff: Größerer Müll gelangt über viele Wege in die Meere. Zum Beispiel wird durch die Flüsse treibender Müll ins Meer transportiert. Fasern von Synthetiktextilien aus Waschmaschinen sowie Partikel aus Kosmetika, die durch die Klärwerke nicht herausgefiltert werden können, Folien aus der Landwirtschaft oder wilde Mülldeponien sorgen für einen stetigen Zuwachs. Auch durch die Fischerei- und Schifffahrtsindustrie wird Plastikmüll erzeugt und teilweise unsachgemäß entsorgt. Überall, wo der Mensch tätig ist, geht eben Plastik in die Umwelt verloren.
Frage: Oft ist Plastikmüll im Meer für den Menschen gar nicht sichtbar. Warum?
Wolff: Im Ozean wird der Müll durch Sonnenstrahlung, extrem kalte oder extrem warme Temperaturen und Wellenschlag spröde. Plastik zerfällt also in immer kleinere Teile, die durch Wissenschaftler unter dem Mikroskop fast gar nicht zählbar sind. Wenn diese kleinen Plastikstückchen noch weiter zerfallen, spricht man von Nanoplastik.
Frage: Sind diese kleinen Plastikteilchen auch für den Menschen gefährlich?
Wolff: Ja. Mikroplastikpartikel haben die Eigenschaft, andere Schadstoffe im Meer wie einen Schwamm aufzusaugen und auf bedenkliche Konzen-trationen zu bringen. Diese sind zum Beispiel genauso groß wie das Futter von in der Wassersäule treibenden Tierchen und werden deshalb von diesen Lebewesen mit Nahrung verwechselt und aufgenommen. Die sind an der untersten Stelle der Nahrungskette. Also ernähren sich von diesen Tierchen dann größere Lebewesen und so wandert das Plastik in der Nahrungskette hinauf, bis es als Fisch auf unserem Teller landet. So gelangen das Plastik und die Schadstoffe in unsere Körper.
Frage: Wie sieht es mit den Tieren aus?
Wolff: Plastikmüll ist für viele Lebewesen lebensgefährlich. Vögel, die in der Nähe des Meeres nisten, bauen zum Beispiel ihre Nester aus Plastiknetzteilen. Viele dieser Vögel und ihre Nachkommen verheddern sich in diesen Netzteilen und verhungern oder werden stranguliert. Ein Beispiel ist der Eissturmvogel. Er ernährt sich ausschließlich auf See. In 95 Prozent der Mägen von am Strand gefundenen toten Vögeln befand sich Plastik. Im Durchschnitt waren es 0,3 Gramm. Im oberen Bereich hat also ein Vogel auch mal 0,6 Gramm im Magen, dann hätte ein Mensch vergleichsweise 60 Gramm Plastik im Magen. Vom Volumen her ist das dann so groß wie ein Fußball. Dieses Plastik kann im Magen nicht kleiner gemacht werden, verstopft den Übergang zum Darm und dann verhungern die Vögel oft.
Frage: Ist Plastik im Meer in einer gewissen Art und Weise abbaubar?
Wolff: Nein, nicht in absehbaren Zeiträumen von Tausenden von Jahren. Auch wenn zum Teil über den natürlichen Abbau von Plastik durch Bakterien berichtet wird, geschieht das doch meist unter Laborbedingungen, also mit viel Licht und Wärme – im Gegensatz zur Tiefsee, wo es kalt und dunkel ist. Der Plastikmüll, der schon im Meer ist, und in großen Mengen dazukommt, wird nicht durch Kompostierung verschwinden. Er wird kleiner, aber er geht nicht weg.
Frage: Wie kann man dem Problem „Plastikmüll im Meer“ entgegenwirken?
Wolff: Die Ausmaße dieses Problems sind mittlerweile so extrem, dass Anstrengungen auf allen Ebenen und von allen Beteiligten gefordert sind. Also von der Industrie, Behörden, Regierungen und von jedem einzelnen Menschen. Auf globaler Ebene müssen effizientere Müllsammel- und Verwertungsmethoden eingesetzt werden.
Frage: Was kann der einzelne Mensch tun?
Wolff: Es ist dringend erforderlich, die Menge an Plastik im Alltag zu reduzieren. Das bedeutet nicht den vollständigen Verzicht auf Plastik, sondern die Vermeidung von „Single-Use-Plastik“ – Plastik, das nur einmal benutzt wird, wie zum Beispiel Obsttüten, Plastiktüten, Coffee-to-go-Becher oder Trinkhalme.
Anna-Lena Sachs
Volontärin, 2. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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