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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

73-jähriger Rentner verklagt Kaffeefahrt-Firma

19.05.2017

Cloppenburg /Lastrup /Bremen Günter Niemüller* geht es nicht immer so gut. Den Schlaganfall vor vielen Jahren, den hat er eigentlich ganz gut weggesteckt. Es sind mehr die alltäglichen Wehwehchen, die das Alter so mit sich bringt. Hin und wieder vergesse er mal etwas, sagt seine Tochter Frauke Niemüller*. So fängt es meistens an. Am Anfang verliert man noch Kleinigkeiten, am Ende die Sprache.

Da kommt das Angebot des Lastruper Verkäufers Jürgen R. gerade recht. Er verkauft dem 73-Jährigen Nahrungsergänzungsmittel – zunächst auf Kaffeefahrten, dann sogar bei Niemüller zu Hause im Wohnzimmer. 2599 Euro soll die Sechs-Monats-Kur kosten. Im Internet gibt es vergleichbare Kuren bereits für knapp über 200 Euro. Doch das weiß der Senior nicht. „Er war mit dem Produkt zufrieden“, sagt Verkäufer Jürgen R.. „Der Günter“, so nennt er Niemüller, sei schon einige Male mit ihm „auf Veranstaltung“ gewesen, ein guter Kunde, von dem Jürgen R. nach eigener Auskunft sogar weiß, dass er vor einiger Zeit eine größere Menge Geld bekommen habe.

Auf die Frage, ob der Verkauf der Nahrungsergänzungsmittel überteuert und sittenwidrig gewesen ist, will R. nicht antworten. Er wiederholt: Der Kunde sei zufrieden gewesen. Dass Günter Niemüller zwischenzeitlich Schwierigkeiten dabei gehabt haben soll, die abgeschlossenen Verträge überhaupt noch zu durchschauen, erwähnt Verkäufer Jürgen R. nicht. Ihr Vater habe bei R. angerufen und gefragt, ob er die Ware für die letzte Bestellung schon bekommen hat, sagt dessen Tochter. „Er hat es einfach nicht mehr gewusst.“

Für Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen, ist der Fall klar. „Es ist ungeheuerlich, auf welche Weise hier die Hilflosigkeit eines Menschen zur Geldschneiderei ausgenutzt wird“, sagt Oelmann.

Die juristische Bewertung des Geschäfts wird wohl demnächst ein Gericht vornehmen. Denn die Tochter des Seniors hat einen Anwalt eingeschaltet, der Senior hat Anzeige bei der Polizei in Bremen erstattet.

Herausgekommen waren die Geschäfte, die die Bremer Verbraucherzentrale als Abzocke bezeichnet, so: Ein Kundenberater einer Bank hatte sich bei Frauke Niemüller gemeldet. Da gehe etwas seltsames auf dem Konto ihres Vaters vonstatten. 2599 Euro sollten auf das Konto von Jürgen R. überwiesen werden. Die Tochter stoppte die Zahlung – und addierte die Summen, die vom Konto ihres Vaters bereits an R. und an das Kaffeefahrten-Unternehmen „Claudias Clubreisen“ mit Sitz in Cloppenburg geflossen waren, zusammen. Stolze 9596 Euro.

Die NWZ fragt bei der Firma nach. Der Geschäftsführer will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er bestätigt, dass R. einer seiner Verkäufer gewesen sei. Doch der Preis für das Produkt sei zu hoch gewesen. Als er den Vertrag gesehen habe, habe er R. zur Rede gestellt und entlassen. Die Kur koste bei dem Unternehmen, das Kaffeefahrten organisiert, lediglich 599 Euro.

Der letzte Vertrag, den Senior Günter Niemüller bei einem Haustürgeschäft mit Jürgen R. abgeschlossen hat, ist inzwischen widerrufen, die Ware zurückgeschickt. Und auf Nahrungsergänzung muss Günter Niemüller trotzdem nicht verzichten: Seine Tochter hat sie ihm günstig gekauft. Im Discounter.

* Namen geändert

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