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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Warum Bauern ihren Ferkeln den Schwanz abschneiden

17.03.2016

Oldenburger Land Draußen am Schweinestall klebt ein riesiges Schweinebild, das Schwein auf dem Bild hat einen lustigen Ringelschwanz.

Drinnen im Schweinestall haben die Schweine keinen Ringelschwanz. Alle vier Wochen, wenn die neuen Ferkel da sind, kommt der Bauer und schneidet ihnen die Schwänze ab, genauer: das letzte Drittel des Schwanzes.

Der Bauer zieht also seine Draußenkleidung aus, er duscht, er geht durch die Hygieneschleuse, er zieht seine Drinnenkleidung an. Dann schiebt er seinen Rollwagen die Buchten entlang, hebt Ferkel für Ferkel hoch, 1400 Tiere, drückt ihre Schwanzspitze gegen den glühenden Heißschneider. Die Spitze fällt, die Hitze verschweißt die Wunde, der Bauer setzt das Ferkel zurück in die Bucht.

„Es tut nicht weh“, sagt Rolf Hülsmann, der Bauer.

Eigentlich ist das, was Hülsmann da tut, ungesetzlich. Das deutsche Tierschutzgesetz, Paragraf 6, verbietet das Amputieren von Körperteilen bei Wirbeltieren. Die EU-Richtlinie 2008/120/EG konkretisiert das Verbot für Schweine: „Ein Kupieren darf nicht routinemäßig durchgeführt werden.“ Ausnahmen sind mit tierärztlicher Genehmigung erlaubt.

Aber die Ausnahme ist in Deutschland längst die Regel. Fachleute schätzen, dass bis zu 99 Prozent der Ferkel aus konventioneller Haltung kupiert werden. Einen Ringelschwanz haben Schweine fast nur noch auf Bildern.

Kupieren? Manche Leute sprechen lieber von „massenhafter Verstümmelung“. Edith Kaminski zum Beispiel, 66 Jahre alt, Sprecherin der Tierschutzgruppe Wildeshausen. „Ich bin keine Fanatikerin“, sagt sie über sich selbst, „ich bin mitfühlend.“ E-Mails schließt sie mit dem Gruß „Zum Wohle der Tiere“.

Verstümmeln? In seinem Stall in Osterscheps spricht Bauer Hülsmann, 53 Jahre alt, von „praktiziertem Tierschutz“.

Schweine sind Allesfresser, sie knabbern sich sogar gegenseitig an. „Caudophagie“ nennen das die Fachleute: Schwanzbeißen. Wenn das Schwanzbeißen fortgeschritten ist, kommt es im Stall zu einem ...

„... Blutbad!“ Dr. Gerald Otto, 41 Jahre alt, guckt ein bisschen erschrocken; er wollte das Wort eigentlich vermeiden. Otto ist Tierschutzbeauftragter bei „Böseler Goldschmaus“ in Garrel, er sitzt in einem Konferenzraum des Schlachthofs und zählt die Folgen des Schwanzbeißens auf: blutige Akutverletzungen, böse Abszesse, Entzündungen im ganzen Rückenbereich.

Neben Otto sitzt Carolin Holling, 29 Jahre alt, Doktorandin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Holling hat mit Otto an einer Studie zum Schwanzbeißen gearbeitet. Sie sagt: „Letztlich geht es um die Frage, was mehr Leid bedeutet – Kannibalismus oder Kupieren?“

Bauer Hülsmann hat da keinen Zweifel. Er setzt den Heißschneider an und sagt: „Sehen Sie was? Hören Sie was? Kein Quieken, kein Zucken!“ Tatsächlich zeigen die Ferkel keine Reaktion. Hülsmann heftet dem Ferkel dann auch noch die amtlich vorgeschriebene Marke ans Ohr. Das Ferkel quiekt kurz.

Ist das Kupieren so harmlos? Was weiß man eigentlich über Schweineschwänze?

Nachfrage beim Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf bei Rostock. Antwort: Viel weiß man nicht.

Dr. Winfried Otten kennt „physiologische und Verhaltensreaktionen nach dem Kupieren, die deutlich auf Schmerzempfindung hinweisen“. Er sagt aber auch, dass „das Einziehen von Ohrmarken stärker belastend ist als das Schwanzkupieren“.

Edith Kaminski, die Tierschützerin, sieht es so: „Schweine sind hochsensible Tiere.“ Die Natur hält sie für „folgerichtig“ – „wenn dem Schwein ein Schwanz wächst, dann gibt es einen Grund dafür“.

Diesen Grund kennen die Wissenschaftler freilich auch nicht. „Über die Bedeutung des Schwanzes ist so gut wie nichts bekannt“, sagt Dr.Otten. „Es gibt jedoch Hinweise, dass die Schwanzhaltung und -bewegung ein Indikator für den emotionalen Zustand des Tieres sind.“

Und was sagt dann ein fehlender Schwanz aus?

Für Edith Kaminski sagt er vor allem etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus. „Die ganze Diskussion Abschneiden oder nicht, die gehört sich nicht! Wir reden hier von fühlenden Wesen!“

Für Rolf Hülsmann hingegen sagt der fehlende Schwanz etwas über fühlende Menschen aus. „Schwanzbeißen tritt nun mal auf – und das bedeutet Tierleid“, sagt er. „Ich würde doch gern auf das Kupieren verzichten, wenn es anders wäre. Für uns bedeutet das nur Arbeit. “

Deutliches Ergebnis

Die Studie der Tierärzlichen Hochschule Hannover, an der Gerald Otto und Carolin Holling mitgewirkt haben, trägt den sperrigen Titel: „Erprobung von praxistauglichen Lösungen zum Verzicht des Kupierens der Schwänze bei Schweinen unter besonderer Betrachtung der wirtschaftlichen Folgen“. Gefördert wurde die Studie vom Niedersächsischen Tierschutzplan der Landesregierung.

Die Forscher haben in Zuchtbetrieben kupierte und unkupierte Tiere beobachtet. Bei den kupierten Ferkeln traten im Versuchszeitraum so gut wie keine Schwanzverletzungen auf. Bei den unkupierten Tieren behielten durchschnittlich nur 53,5 Prozent einen unverletztem Schwanz, in einzelnen Betrieben waren es sogar nur knapp über 30 Prozent. Die Forscher notierten für die unkupierten Schweine „ein deutliches Mehr an Schmerzen und Tierleid“. Eine praxistaugliche Lösung zum Verzicht aufs Kupieren fanden sie nicht.

Aber warum beißen die Tiere überhaupt?

Wissenschaftlicher sprechen von einem „multifaktoriellen Problem“. Belegdichte, Stallklima, Fütterung, Langeweile – ein fehlerhaftes Detail könne schon Ursache sein.

Gerald Otto nennt ein Beispiel. In einem Betreib war kurz die Fütterungsanlage ausgefallen. Die Tiere fingen an zu beißen, „über Nacht“.

Carolin Holling ist sich sicher: „Schwanzbeißen hat nichts mit der sogenannten Massentierhaltung zu tun.“ Schwanzbeißen habe es schon früher gegeben und gebe es auch in Bio-Betrieben.

Allerdings, so Winfried Otten vom Leibniz-Institut, hatten und haben auch diese Betriebe „eingeschränkte, also keine natürlichen Haltungsbedingungen“. Bei Wildschweinen sei Schwanzbeißen hingegen unbekannt.

Die Haltungsbedingungen – für Tierschützerin Kaminski sind sie die Wurzel des Übels. „Aber was macht man? Man ändert nicht die Haltungsbedingungen, sondern man passt die Tiere den Haltungsbedingungen an, um aus ihnen so viel Geld wie möglich herauszuwirtschaften!“

Natürliche Haltungsbedingungen? Bauer Hülsmann schnaubt. Dann zeigt er durchs Stallfenster nach draußen: „Wir können die Tiere ja da aufs Feld lassen und gucken, wer am Ende des Winters noch übrig ist!“

Er seufzt. Letztlich, so Hülsmann, sei man sich ja einig: Alle würden am liebsten aufs Kupieren verzichten.

Was kann man also tun?

Edith Kaminski sagt: „Wir müssen alle umdenken.“ Sie empfiehlt weniger Fleischkonsum, „Klasse statt Masse“.

„Weiterforschen“, rät Gerald Otto. Es gebe viele Studien und bislang wenig Erfolge. „Aber ich glaube, dass die Branche auf dem Weg ist.“

Rolf Hülsmann lässt seinen Blick über die Buchten schweifen. Er ist sich sicher, dass es den Schweinen heute besser geht als früher; sie seien gesünder, es gebe weniger Verluste. Ihm selbst geht es dagegen schlechter: Der Schweinepreis steht auf einem Rekordtief, die Schweinemäster haben im vergangenen Jahr ein Minus von 40 Prozent verbucht. In diesem Jahr soll es noch schlimmer werden. Das viele Geld, von dem Edith Kaminski spricht – bei Hülsmann ist es nicht.

„Wir sind ja zu Veränderungen bereit“, sagt der Landwirt. „Aber es muss fachlich sinnvoll sein – und finanzierbar für uns Bauern.“

(Die TiHo-Studie im Internet: http://www.ml.niedersachsen.de/portal/search.php?_psmand=7&q=abschlu%C3%9Fbericht&cp=2 )

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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