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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wie Chemie im Haus eine ganze Familie krank machte

22.09.2017

Westerstede /Dörverden Wie wird ein junger, aufstrebender Regionalbanker zum bundesweit bekannten Umweltaktivisten?

Karl-Jürgen Prull, 57 Jahre alt, lächelt bitter. Dann sagt er: „Durch jahrelange schmerzhafte Erfahrung am eigenen Leibe.“

Seine Leidensbilanz, Stand 1997: 64 stationäre Krankenhausaufenthalte, mehr als 200 antibiotische Behandlungen; zuletzt war Prull 170 von 230 Arbeitstagen krankgeschrieben. Sein Sohn durchlitt derweil sieben Lungenentzündungen. Seine Ehefrau quälte täglich eine massive Hausstauballergie.

Dann trug Prull sein Wohnhaus in Dörverden (Landkreis Verden) ab, „bis auf den Rohbau“, wie er sagt. 220 000 Mark kosteten ihn Abriss und Neubau, aber danach ließen seine Leiden nach. Auch Lungenentzündungen und Allergie waren im Hause Prull fortan Vergangenheit.

Chemie gegen Käfer

Prull hat keinen Zweifel, was seine Familie krank gemacht hatte. Es waren Chemikalien wie Lindan, ein Nervengift. Sie waren 1984 beim Hausbau mit Holzschutzmitteln auf die freiliegenden Balken aufgetragen worden und gelangten von dort in die Raumluft, in die Teppiche, in den Staub.

Die deutsche Norm DIN 68 800 vom September 1956 erklärte den chemischen Holzschutz gegen Pilzbefall und Insekten zum Standard: „Zu Vermeidung von Schäden“, so heißt es gleich im ersten Absatz der Norm, müsse das Haus „soweit erforderlich, auch chemisch geschützt werden“. Landesverordnungen folgten, Nordrhein-Westfalen erklärte 1957 gleich das ganze Land zum „Befallsgebiet“ für den Holzbockkäfer.

Man kann trefflich darüber streiten, ob das einer Verpflichtung zum chemischen Holzschutz gleichkommt. Prull jedenfalls nennt die Norm verbindlich; jeder Handwerker, der das Holz nicht entsprechend behandelt habe, hätte bei Pilz- oder Holzbockbefall regresspflichtig gemacht werden können.

Holzschutzmittel wurden zum Standard, so kam Lindan in die Häuser, auch PCN und PCP, zwei Pilz- und Insektengifte, und sogar Dioxin, das bei der PCP-Herstellung entsteht. Mittel, die in Deutschland mittlerweile nicht mehr produziert werden oder sogar verboten sind.

Hoher Dioxin-Wert

Karl-Jürgen Prull geht davon aus, dass es in Deutschland Millionen von Bauten gibt, in denen eine gesundheitsgefährdende Schadstoffbelastung nachzuweisen ist. Er legt den Immobilien-Prospekt einer Bank auf den Tisch, schlägt die Seiten auf und tippt mit dem Finger willkürlich auf einige Verkaufsangebote: „Baujahr 1963, 1977, 1982 – die bewerben hier Sondermüll auf Hochglanzpapier!“

Ist das Übertreibung? Spinnerei? Panikmache gar?

Prull sagt, er sei weder ein Naivling noch ein Millionär, selbstverständlich habe er sein Haus vor der Sanierung damals durchmessen lassen. Es fand sich: mengenweise Lindan im Holz und in der Raumluft.

Die Messungen kosten Geld, schnell werden dabei 1500 Euro aus der eigenen Tasche fällig. In einem aktuellen Beispielfall, ein Fertighaus aus den 70er-Jahren im Kreis Verden, hat der Westersteder Bundesabgeordnete Peter Meiwald (51), umweltpolitischer Sprecher der Grünen, die Kosten übernommen. Meiwald wollte Belege; er sagt, das Thema gewinne aktuell an Brisanz: Weil im Zuge der Energiesparverordnung immer mehr ältere Häuser gedämmt werden, würden giftige Stoffe in der Raumluft buchstäblich eingeschlossen mit den Hausbewohnern.

Ein Messwert aus dem Verdener Fertighaus: In einer Staubprobe vom Dachboden fanden die Prüfer des beauftragten Bremer Umweltinstituts eine Belastung mit dem giftigen Seveso-Dioxin in Höhe von 29 100 Pikogramm. Die Prüfer schreiben in ihrem Bericht, dass „Handlungen angezeigt wären“.

Es ist ein unzulässiger Vergleich, das weiß auch Karl-Jürgen Prull, aber er weist trotzdem darauf hin: Der EU-Grenzwert für Dioxin im Fleisch liegt bei 1,25 Pikogramm.

2015 hat Prull dann auch sein Elternhaus durchmessen lassen, in dem heute sein Sohn wohnt. Im Holz fanden die Prüfer mehr als 50 Jahre nach der chemischen Behandlung „sehr hohe Konzentrationen“ von PCP und PCN, außerdem „sehr hohe“ Belastungen mit Lindan und Dioxinen. Nach anschließenden Luftproben-Untersuchungen kamen die Prüfer zu dem Schluss: „Wir empfehlen die Sanierung des Dachstuhls. Die beste Sanierungsmöglichkeit ist das Entfernen der belasteten Hölzer.“

Karl-Jürgen Prull riss zum zweiten Mal in seinem Leben ein Haus ab und baute neu, „diesmal aber nur zur Hälfte“, sagt er. Kosten: 240 000 Euro.

Fragen an die Regierung

Aber was sagen all die Messwerte konkret aus? Welche Schlüsse darf man daraus ziehen, welche muss man ziehen? Es gibt, anders als etwa bei Lebensmitteln, keine Grenzwerte, die es einzuhalten gilt.

Peter Meiwald und die Fraktion der Grünen haben wiederholt Anfragen an die Bundesregierung gestellt, um Hinweise zu erhalten. Eine Frage lautete: Welche Mengen an Dioxinen in Holz erachtet die Bundesregierung als nicht gesundheitsschädlich?

Antwort: „Das behandelte Holz als solches stellt keine Gesundheitsgefahr dar. Entscheidend ist, ob und welche Stoffe emittiert werden und dann vom menschlichen Organismus aufgenommen werden.“

Nächste Frage: Welche Menge an Dioxinen in Staub erachtet die Bundesregierung als nicht gesundheitsschädlich?

Antwort: „Derzeit liegen keine Informationen zur täglichen Staubaufnahme vor.“

Dann eine allgemeinere Frage: Welche Auswirkungen haben nach Kenntnis der Bundesregierung Dioxine als Verunreinigung von Holzschutzmitteln auf die Gesundheit der Bewohner in entsprechenden Räumen?

Antwort: „Über tatsächliche Schädigungen der Gesundheit durch Dioxine aus Holzschutzmitteln liegen der Bundesregierung keine Kenntnisse vor.“

Es fehlt an Forschung

Zusammengefasst: Es fehlt an Einsichten, es fehlt an Forschung. Klaus-Jürgen Prull schlägt vor, verstorben Krebs-, Parkinson- oder Multiple-Sklerose-Patienten auf Dioxine zu untersuchen. Das Universitätsklinikum Freiburg hat eine Skizze für ein solches Forschungsprojekt entworfen, das Vorhaben liegt auf Eis.

Noch eine Frage der Grünen: Plant die Bundesregierung entsprechende Forschungsprojekte?

Antwort: Nein.

Sollte es verpflichtende Messungen geben? Müsste der Staat freiwillige Messungen wenigstens unterstützen? Wer bezahlt die daraus folgenden Sanierungen? Und zuvorderst: Brauchen wir Grenzwerte für Schadstoffe in der Raumluft?

Im Untersuchungsbericht weist das Bremer Umweltinstitut nach seiner Empfehlung zur Entfernung der belasteten Hölzer darauf hin: „Bitte bedenken Sie, dass mit Holzschutzmittelwirkstoffen behandeltes Holz Sondermüll ist und entsprechend entsorgt werden muss.“

Karl–Jürgen Prull sagt: „Das, was hier läuft, ist der größte unbegleitete Menschenversuch in der deutschen Geschichte seit 1950.“