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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Schattenwirtschaft Im Nordwesten: So läuft das miese Geschäft mit der Ausbeutung

22.04.2017

Bad Zwischenahn /Wilhelmshaven /Oldenburg Kein schöner Tag zum Hausbau. Es ist kalt, windig, regnerisch. Den fünf Rumänen, die etwas ratlos vor dem Bauzaun in Bad Zwischenahn stehen, wäre es egal gewesen.

Die Hände in den Taschen. Die Gesichter wettergegerbt.

Sie wollen Geld verdienen in Deutschland, mit harter, ehrlicher Arbeit. Für ihre Familien in der Heimat. Dafür haben sie im Februar die Reise durch halb Europa auf sich genommen – ins gelobte Land, mit Mindestlöhnen und Arbeitnehmerrechten. Jetzt sind Mustafa, Mihai, Florin, Constantin und Virgil einfach nur frustriert.

Nicht viel los auf der Baustelle an der Oldenburger Straße an diesem Nachmittag. Zwei italienische Arbeiter stützen einen Schuttcontainer mit Stangen ab. Der Bauleiter schaut skeptisch. Ein Wohn- und Geschäftshaus entsteht hier: neun Wohnungen, drei Gewerbeeinheiten, zwei Arztpraxen. Dunkler Klinker unter düsterem Himmel.

Der Rohbau ist längst fertig, das Dach drauf. Für die Innenarbeiten wurden unter anderem die fünf rumänischen Trockenbauer angeheuert. Von einem Subunternehmer eines Subunternehmers. Auf den versprochenen Lohn warten sie nach mehr als vier Wochen Arbeit vergeblich.

Nur Geld für Essen

„Wie kann sowas in Deutschland passieren?“, fragt Constantin auf rumänisch. Er und seine Kollegen machen auf der Baustelle keinen Finger mehr krumm. Für einige Tage haben sie noch eine Unterkunft in Edewecht. Die Zeit drängt.

Daniela Reim übersetzt, Beraterin für mobile Beschäftigte aus Oldenburg, eine von vier in Niedersachsen, letzte Hoffnung für Geprellte. „Die Männer warten auf ihr Geld, sie wollen zurück nach Rumänien“, sagt Reim. Was sie in den Taschen haben, reicht nicht einmal für die Fahrt.

Am 24. Februar haben die fünf Rumänen nach eigenen Angaben angefangen, auf der Baustelle zu arbeiten: zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, von montags bis samstags. Und manchmal auch sonntags. „Sie sollten leise arbeiten, damit die Nachbarn sich nicht beschweren“, übersetzt Daniela Reim.

Angeworben wurden die fünf demnach von zwei Herren namens Boncai und Vatamanu, rumänische Nachunternehmer einer Firma aus Friesoythe, wiederum Nachunternehmer der Gebrüder Neumann GmbH aus Emden, Generalunternehmer des Bauprojekts.

Ihnen seien zehn Euro pro Quadratmeter versprochen worden, erzählen die Rumänen. Dass der Mindestlohn bei 11,30 Euro die Stunde liegt? „Wussten wir nicht.“

Schattenwirtschaft hat Volumen von 330 Milliarden Euro

Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung nehmen nach einer Studie des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung und der Universität Linz ab. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt ist mit 10,4 Prozent (Vorjahr 10,8) demnach so niedrig wie noch nie seit 1995.

In der Schattenwirtschaft werden 2017 laut der Schätzung Leistungen im Wert von 330 Milliarden Euro erbracht, 6 Milliarden Euro weniger als 2016. Die staatlichen Einbußen durch hinterzogene Steuern und Sozialabgaben werden von Experten auf rund 60 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Betroffen von Schwarzarbeit sind vor allem Baugewerbe und Handwerk – gefolgt von Gastronomie und haushaltsnahen Dienstleistungen.

Insgesamt hätten sie etwa 900 Quadratmeter geschafft: Boden, Wände, Decken, erzählen die Rumänen. Macht 9000 Euro. Etwa 200 Euro hätten sie schrittweise pro Kopf bekommen – fürs Essen. Fehlen noch 1600 Euro netto für jeden. Die Männer beschweren sich – vergeblich.

„Ihnen ist bewusst, in welcher Situation sie gelandet sind, beziehungsweise, dass sie schwarz beschäftigt worden sind, deshalb sind sie zu einem Kompromiss bereit, so dass jeder mit 1000 Euro zufrieden wäre“, schreibt Daniela Reim Ende März an den Generalunternehmer. „Bitte regeln Sie das, sonst werde ich gezwungen, andere Maßnahmen zu ergreifen.“ Zum Beispiel den Zoll einschalten.

Da oben hätten sie gearbeitet. Mihai zeigt auf den fensterlosen 1. Stock. Seitdem sie die Kelle niedergelegt haben, hat sich offenbar nicht viel getan. Der Bauleiter zuckt beim Anblick der fünf Rumänen die Schultern. „Wir sind nicht Schuld“, sagt er. Die Subunternehmer seien bezahlt worden.

Daniela Reim bekommt Post aus Bremen. Othmar Traber, Rechtsanwalt der Gebrüder Neumann GmbH, weist alle Vorwürfe zurück. „Unsere Mandantin lehnt jegliche Form von Schwarzarbeit oder untertarifliche Beschäftigung ab“, schreibt er. Nachforschungen hätten ergeben, „dass offenbar mehrere Nachunternehmer in die Leistungskette entgegen den vertraglichen Vereinbarungen und ohne Wissen und Wollen unserer Mandantin einbezogen wurden.“

Tricks bei Mindestlohn

Was im Zweifelsfall allerdings nicht hilft, weil der Generalunternehmer auch die Generalhaftung hat.

Die Fleischindustrie ist berüchtigt für die Ausbeutung von ausländischen Arbeitnehmern, für unwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen. Auch in der Baubranche gibt es Missstände. „Es wird mit allen Tricks gearbeitet, um den Mindestlohn zu umgehen“, sagt Daniela Reim.

Wie auch der Fall von zwölf rumänischen Bauarbeitern in Wilhelmshaven zeigt. „Die Arbeiter haben mich am 18. März kontaktiert, da sie zurück nach Rumänien wollten und der Arbeitgeber sie nicht bezahlen wollte“, erzählt Daniela Reim. „Als ich bei ihnen ankam, habe ich Schlimmstes erlebt.“ Die Arbeiter, obwohl über mehrere Monate beschäftigt, seien nicht angemeldet worden, hätten keine Lohnabrechnungen gehabt, keine Konten und in überbelegten Zimmern auf Matratzen geschlafen.

Und wieder die übliche Kette: Eine Immobilienfirma aus Wilhelmshaven hat einen Subunternehmer aus Bielefeld beauftragt, der wiederum ein Unternehmen aus Moers beauftragt hat, das die rumänischen Arbeiter anwirbt.

Das Baugewerbe selbst nennt das Ausmaß und die Erscheinungsformen von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung bedrohlich. „Wir beobachten in der Bauwirtschaft immer öfter Formen der organisierten Kriminalität“, sagt 2016 der damalige Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB), Harald Schröer. „Die Arbeiter erhalten keinen Mindestlohn, Steuern und Sozialabgaben werden auch nicht entrichtet.“

Die Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt kritisiert die Vergabe von Projekten an einen Generalunternehmer. Das nehme dem Auftraggeber Einflussmöglichkeiten und löse einen Kostendruck aus, der weitergereicht werde.

Der Zoll kontrolliert im Herbst 2014 die Großbaustelle für eine neue Berufsbildende Schule in Oldenburg. Auch hier schuften ausländische Arbeitskräfte hart für kleines Geld, werden Löhne nicht gezahlt. Die Gewerkschaft spricht von zwei Dutzend Rumänen. Die Arbeiter wurden danach formal als Selbstständige geführt, tatsächlich aber als Arbeitnehmer eingesetzt.

Die Stadt Oldenburg hat den Bau an einen Bielefelder Generalunternehmer vergeben. Eines der Subunternehmen ist ein bayerischer Metallbau-Betrieb, der den Trockenausbau an eine Münchner Firma weitergereicht hat. Über diesen Betrieb werden die Rumänen beschäftigt.

Razzia auf Baustelle

Sommer 2016, wieder Oldenburg. Polizei und Zoll suchen mit einem Großaufgebot auf dem Geländer der ehemaligen Kaserne Donnerschwee nach Belegen für Schwarzarbeit. In den Fokus der Ermittler gerät eine Baufirma aus Marl. Wieder geht es aber um ein ganzes Firmengeflecht. Die Behörden vermuten Verstöße gegen Sozialabgabengesetze. Von einem Schaden von etwa fünf Millionen Euro ist die Rede.

Bundesweit hat der Zoll allein im Jahr 2015 rund 400.000 Prüfungen durchgeführt und 106 .000 Strafverfahren ausgelöst. Die aufgedeckte Schadenssumme liegt bei 820 Millionen Euro.

Für die fünf Rumänen in Bad Zwischenahn geht die Sache glimpflich aus. Sie erhalten im April ihr Geld: 1000 Euro pro Person, bar auf Hand, sagt Daniela Reim.

Zwei von ihnen versuchen jetzt im Raum Hannover noch einmal ihr Glück auf einer Baustelle in Deutschland. Die anderen drei haben sich lieber gleich auf den Heimweg nach Rumänien gemacht.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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