• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Hat das Inselidyll noch eine Zukunft?

24.07.2019

Spiekeroog Manchmal wird es Christian Kiesow einfach zu viel. Er geht dann runter zum Hafen, steigt auf sein 13 Meter langes Boot und fährt hinaus aufs Meer. Sanft schlagen Wellen an die Bootswände, bis zum Horizont ist nur Wasser zu sehen. Alles still, keine Menschen. Von der Hektik auf der Insel ist hier weit und breit nichts zu spüren.

Auf Spiekeroog ist es im Sommer rappelvoll. 800 Menschen leben auf der Insel, in der Hochsaison kommen noch einmal bis zu 4000 Touristen hinzu. Hunderte Menschen schieben sich dann durch die Hauptstraße Norderloog des Inseldorfes. In den Restaurants gibt es einen Platz nur mit Tischreservierung.

Eigentlich ist das gut. Fast alle Insulaner leben vom Tourismus, auch Kiesow und seine Frau Frauke. Die Familien der beiden leben schon seit Jahrhunderten auf Spiekeroog. Doch die Insel hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Der Erfolg des Tourismus hat seine Spuren hinterlassen.

Der Bädertourismus hat auf Spiekeroog Tradition. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Touristen auf die Insel. Doch erst mit der Anerkennung Spiekeroogs als Nordseeheilbad 1969 wurde der Tourismus nach und nach professionalisiert.

Insel ist ihr Zuhause

Schon Kiesows Eltern lebten vom Tourismus, sie vermieteten Zimmer. Kiesow selbst und seine Frau arbeiten seit 35 Jahren in der Gastronomie. Sie betreiben ein Restaurant und eine Kneipe. „Ich weiß aber nicht, ob ich das unserem Sohn so empfehlen würde“, sagt Christian Kiesow, 52 Jahre alt. Sohn Knut studiert in Göttingen Politik und will beruflich ganz andere Wege gehen.

Durch den Besucheransturm der vergangenen Jahre hat sich das Leben auf der Insel verändert. Jährlich zählt die Insel 600 000 Übernachtungen plus noch einmal 85 000 Tagesgäste. In einem Auszug aus dem Tourismuskonzept Spiekeroogs heißt es dazu: „Der Tourismus ist der einzige Wirtschaftszweig der Insel und bewegt sich, seit Jahren, auf einem hohen Niveau.“

Es ist ein später Nachmittag unter der Woche. In ein paar Stunden öffnet das Restaurant der Kiesows „De Balken“. In der Kneipe direkt nebenan sitzen schon die ersten Touristen mit einem Bier in der Hand. Christian Kiesow tritt aus der Kneipentür hinaus: braun gebrannt, im Gesicht ein Lächeln. Wenig später stößt seine Frau hinzu. Frauke Kiesow, ebenfalls braun gebrannt, hat strahlend blaue Augen, in ihrem blonden Haar trägt sie eine Sonnenbrille. Die beiden wirken wie einem Werbeprospekt für Spiekeroog entsprungen.

Die Kiesows kennen den Großteil der Insulaner. „Hi!“, „Na?“ – im Minutentakt grüßt Frauke Kiesow zur Straße hinüber, sie winkt, sie zwinkert, sie lächelt. „Ich hätte mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können, dass ich Ansässige hier nicht mit Namen kenne, aber das kommt heute doch schon vor“, sagt Christian Kiesow.

„Einfach nur wohlfühlen“, „Entdecken Sie die Sehnsuchtsinsel Spiekeroog“ – das sind die Schlagworte, mit denen die Insel wirbt. Auf den Straßen fahren keine Autos. Das Lauteste, was man am Nachmittag hört, ist ein Rasenmäher. Wie Puppenhäuschen stehen die Ladengeschäfte an der Dorfstraße, weiße Fensterrahmen, grüne Dächer, beschattet von mächtigen Eichen, Linden und Kastanien. Auf einem Werbeschild heißt es: „Du hast heute nichts erlebt? Auch gut.“

Wer die Hauptstraße Norderloog in Richtung der Museumspferdebahn entlangläuft, kommt unweigerlich am Rathaus vorbei. Seit 2014 arbeitet dort Bürgermeister Matthias Piszczan, der bei seinem Amtsantritt verkündete, dass Spiekeroog seine zweite Heimat sei. Denn der gebürtige Ammerländer und seine Ehefrau unterhalten wie viele andere Insulaner auch seit Jahren Ferienwohnungen auf der Insel. Der 58-Jährige ist voll des Lobes für den historischen Ortskern. Spiekeroog soll weiterhin lebenswert bleiben. „Die Inselmitte besteht aus denkmalgeschützten Häusern. Es ist gemütlich. Fast schon wie in Bullerbü“, sagt er.

Damit das Gesicht der Insel erhalten bleibt, gibt es die Baugestaltungssatzung, frei auf der Webseite der Gemeinde einsehbar. Beispielsweise ist darin festgelegt, dass mit einigen Ausnahmen alle Dächer auf der Insel rot bis rotbraun sein müssen. „Außenwände sind mit Klinkern oder Ziegeln in den Farben Rot bis Rotbraun zu verblenden oder mit weiß geschlemmter oder weiß geputzter Außenhaut herzustellen.“ Mit diesen Vorgaben soll die „inseltypische Bebauung“ erhalten werden. So viele Vorgaben gefallen nicht jedem. Gastronom Christian Kiesow findet, dass die „Reglementierungswut“ auf Spiekeroog schon besondere Ausmaße angenommen habe.

Diskussionen um Bauvorgaben werden auch deutlich als der mittlerweile wegen Betrugs verurteilte Reeder Niels Stolberg noch kräftig in Spiekerooger Immobilien investierte. Mehr als ein dutzend Häuser soll er auf der Insel besessen haben. Für ein Objekt waren beispielsweise Dachgauben im Bauplan vorgesehen. Diese Vorbauten stießen auf der Insel auf wenig Gegenliebe.

Wenig Spielraum

Viel Spielraum hat Spiekeroog nicht, wenn es auch in Zukunft klein und beschaulich wie Bullerbü bleiben will. Die Wohnraumkapazitäten sind deshalb begrenzt. Das birgt große Nachteile. Die Immobilienpreise sind explodiert. Gastronomen und Hoteliers haben große Schwierigkeiten, ihr Personal unterzubringen. „Wir lieben den Spiekerooger Strand – aber leider können unsere Mitarbeiter da nicht wohnen“, heißt es in einer Anzeige im „Spiekerooger Inselboten“. Und weiter: „Wenn Sie über einen Verkauf nachdenken, denken Sie an uns!“ Der Wohnraummangel auf der Insel ist in den vergangenen Jahren zu einem akuten Problem geworden. Die Quadratmeterpreise auf Spiekeroog liegen mit 8000 bis 10 000 Euro auf einem Niveau mit der Hamburger Hafencity oder Schwabing, einem Stadtteil im Münchner Zentrum. Nur Sylt ist noch teurer. Hier kostet der Quadratmeter bis zu 14 000 Euro.

„Leider hat auch bei uns der Trend zur ,Versyltung‘ eingesetzt“, sagt Bürgermeister Piszczan. Ende März hat die Niedersächsische Landesregierung das Wohnraumschutzgesetz auf den Weg gebracht. Dies soll verhindern, dass Wohnraum für Ferienwohnungen zweckentfremdet wird.

Problem Wohnraum

Es sei schwierig, Leute zu finden, die auf der Insel arbeiten und dauerhaft leben wollen. Ein Großteil des verfügbaren Wohnraums steht für den Tourismus zur Verfügung. „Es ist als Arbeitgeber schwierig etwas zu kaufen, um einen Mitarbeiter da reinzukriegen. Das ist eine derartige Minusrechnung, dass das kaum zu wuppen ist“, sagt Gastronom Christian Kiesow.

Doch es gibt Ideen, dem Wohnraummangel auf Spiekeroog entgegen zu wirken. Hotelneubauten müssen fort an auch eine Dauerwohnung vorhalten. Ob das etwas hilft? Christian Kiesow hat da so seine Zweifel. „Das ist im Ansatz eine gute Idee. Nur bezweifle ich, dass am Ende des Tages die Wohnung von einem Spiekerooger besetzt wird. Denn ich glaube eher, dass beispielsweise ein Investor vom Festland die Wohnung besetzen wird.“

Es bleiben vorerst unruhige Zeiten auf Spiekeroog. Gastronom Christian Kiesow wird wahrscheinlich noch häufiger mit seinem Boot hinaus aufs Meer fahren müssen.

Genießen Sie erholsame Tage in fantastischen Hotels. Bei uns finden Sie Städtereisen, Wellnessurlaub oder Familienferien mit bis zu 67% Ermäßigung. Testen Sie uns!

NWZ-Reisedeals ab 99,99 €
Genießen Sie erholsame Tage in fantastischen Hotels. Bei uns finden Sie Städtereisen, Wellnessurlaub oder Familienferien mit bis zu 67% Ermäßigung. Testen Sie uns!

Tatiana Gropius Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2003
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.