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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Bösewicht oder Opfer?

31.12.2016

Bremen /Oldenburg Für die Staatsanwaltschaft ist er ein skrupelloser Rechtsbrecher, der für den eigenen Vorteil seine Geschäftspartner belogen und betrogen hat, der sich mit falschen Angaben über seine wirtschaftliche Situation und mit gefälschten Bilanzen Kredite erschwindelte und der deshalb entsprechend bestraft werden müsse.

Niels Stolberg selbst sieht sich völlig anders. Er habe als geschäftsführender Gesellschafter der Beluga-Reederei mit allen Mitteln versucht, sein Unternehmen und die mehr als 400 Arbeitsplätze durch die Schifffahrtskrise zu bringen. Dabei habe er schwere Fahler gemacht, für die er nun geradezustehen habe. Sein Verhalten sei mit einem Kapitän auf einem Teeclipper vergleichbar, der unter vollen Segeln versucht habe, seinen Windjammer durch einen Orkan zu steuern – und dabei Schiffbruch erlitten habe.

Stolberg also ein Bösewicht, der hinter Gitter gehört, oder eher ein Opfer widriger Verhältnisse, das es gut meinte, aber schlecht machte? – Seit einem Jahr versucht sich die Große Wirtschaftsstrafkammer des Bremer Landgerichts dieser Frage zu nähern, und ein Ende des Verfahrens ist derzeit nicht in Sicht. Woche für Woche erleben die interessierten Prozessbeobachter ein zähes juristisches Ringen um den Zusammenbruch der ehemaligen Vorzeigewerft.

Nachdem das Gericht ursprünglich geglaubt hatte, es könne im Oktober ein Urteil gesprochen werden, hat sich inzwischen herausgestellt, dass es mindestens bis März 2017 weitergehen wird. Zahlreiche Zeugen sollen noch vernommen werden, um die komplizierten Vorgänge, die in einer 800-Seiten-Anklageschrift dargestellt werden, zu erhellen.

Sowohl Verteidiger als auch Gericht hätten einige der Vorwürfe gegen Stolberg und drei weitere mitangeklagte Beluga-Manager bereits abgehakt – wenn die Staatsanwaltschaft mitgemacht hätte. Doch die Anklage sah in dem Vorhaben einen Verstoß gegen die gerichtliche Aufklärungspflicht und verweigerte einer entsprechenden Übereinkunft die nötige Zustimmung.

Während die Staatsanwaltschaft die Beweisaufnahme längst noch nicht abgeschlossen sieht, ist für Stolbergs Verteidiger ein großer Teil der Anklage bereits völlig zusammengebrochen. So könne beispielsweise von Kreditbetrug keine Rede sein, wenn unrichtige Angaben im Rahmen von Kreditverhandlungen für die Darlehensgewährung „nicht erheblich“ gewesen seien.

Nach Ansicht der Stolberg-Anwälte habe die entsprechende Befragen von Bankzeugen eindeutig ergeben, dass die betroffenen Banken kein Interesse daran gehabt hätten, die „kreative Darstellung“ des Beluga-Eigenkapitals bei der Finanzierung von Schiffsneubauten genau zu überprüfen. Vielmehr hätten sie Stolberg so intensiv umworben, dass man bei einer Bank die Korken habe knallen lassen, als es nach jahrelangen Bemühungen gelungen sei, dem Reeder einen Kredit zu verkaufen.

Auch den Vorwurf besonders schweren Betrugs halten die Verteidiger für geplatzt. So habe ein Hamburger Reeder als Zeuge schlüssig dargelegt, dass er durch den angeblichen Betrug keinerlei finanziellen Schaden erlitten habe und er sich nicht im Geringsten betrogen fühle. Auf das intensive Nachfragen einer Staatsanwältin reagierte der Zeuge mit der Bitte, sie möge endlich aufhören, ihm so unqualifizierte Fragen zu stellen.

Die Reaktion der Anklage: Gegen den Hamburger Reeder wird inzwischen wegen Falschaussage ermittelt. Da es außerdem noch weitere Ermittlungsverfahren im Fall Beluga – beispielsweise gegen Mitarbeiter des Investors Oaktree und gegen Stolbergs Steuerberater – gibt, steht schon fest, dass sich die Justiz im Jahr 2017 nicht nur im Stolberg-Prozess, sondern auch in anderen Verfahren mit dem Beluga-Zusammenbruch beschäftigen wird.

Jürgen Westerhoff
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2055

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