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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Neue Debatte Zu Organspenden: Wie tot sind Hirntote?

13.01.2015

Oldenburg /Bremerhaven Da ist eine Frau mit schweren Kopfverletzungen, ihre Ärzte haben sie für tot erklärt. Jetzt liegt die Frau auf dem Operationstisch, sie ist Organspenderin. Die Ärzte haben der Frau bereits den Bauch aufgeschnitten, als sie plötzlich die Organentnahme stoppen – jemand hat einen Fehler bei der Hirntod-Diagnose bemerkt.

Und schon brennt diese Frage in allen Köpfen, bei Organspendern, Krankenhauspersonal, Angehörigen: Haben die Ärzte einer lebenden, fühlenden Frau den Bauch aufgeschnitten?

Das Klinikum Bremerhaven, in dem es laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ Anfang Dezember zu dem Vorfall kam, widerspricht: Die Patientin sei eindeutig tot gewesen, teilte ein Sprecher am Montag mit; Grund des Abbruchs sei „ein formaler Fehler in der Dokumentation“ gewesen. Am Abend bestätigte dann auch die Bundesärztekammer „nach eingehender Analyse“ den Hirntod der Frau: „Sämtliche Hirnfunktionen waren erloschen.“

Zahl der Organspender seit Jahren stark Rückläufig

Nach dem starken Rückgang der Organspenden aufgrund des Transplantations-Skandals in 2012 hat sich diese dramatische Entwicklung nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in 2013 noch weiter verschärft. Die Zahl der Organspender ist bundesweit um 16,3 Prozent von 1046 Spendern in 2012 auf lediglich 876 gesunken. Dies entspricht einem Durchschnitt von 10,9 Spendern pro eine Million Einwohner, in 2012 waren es noch 12,8 Spender pro eine Million Einwohner. Die Summe der gespendeten Organe sank von 3511 im Jahr 2012 auf 3034 in 2013 (minus 13,6 Prozent).

Dr. Rainer Hess, Hauptamtlicher Vorstand für Restrukturierung der DSO, appelliert an alle Partner, gemeinsam zu einer Verbesserung der Situation beizutragen. „Unsere Aufgabe ist es, die Krankenhäuser, insbesondere auch die Transplantationsbeauftragten, professionell in ihrer Aufgabe zu unterstützen. Nur gemeinsam können wir für die Organspende das Vertrauen zurückgewinnen, das sie verdient“, meint Hess.

Mit Blick auf die immer wieder aufflackernde Debatte hat der Gesetzgeber bei der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997 eine konkrete Definition des Todeszeitpunkts bewusst vermieden. Im Gesetz heißt es, nur Toten dürften lebenswichtige Organe entnommen werden. Die Entnahme sei unzulässig, wenn nicht zuvor der endgültige Ausfall des Gehirns festgestellt worden sei.

Die beiden großen Kirchen haben Anfang der 90er Jahre das Hirntod-Kriterium unterstützt. „Mit dem Hirntod fehlt dem Menschen die unersetzbare körperliche Grundlage für sein geistiges Dasein in dieser Welt. Der unter allen Lebewesen einzigartige menschliche Geist ist körperlich ausschließlich an das Gehirn gebunden“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Also kein Grund zur Beunruhigung?

„Versagen der Politik“

Keineswegs. „Einen Super-Gau“ nennt der Oldenburger Neurochirurg Professor Dr. Andreas Zieger den Bremerhavener Fall: „Das ist doch genau das, wovor die Menschen Angst haben!“

Der 65 Jahre alte Mediziner beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Komapatienten und somit mit der Grenze zwischen Leben und Tod, zuletzt als Chefarzt der Klinik für Neurorehabilitation im Evangelischen Krankenhaus. Er sieht nun „die alten, unerledigten Fragen“ wieder aufgeworfen: „Wie tot sind Hirntote? Stimmt das Hirntod-Konzept überhaupt noch?“

Die Organentnahme wird in Deutschland durch das Transplantationsgesetz geregelt, kurz TPG genannt. Darin heißt es: „Die Entnahme von Organen ist nur zulässig, wenn der Tod des Organ- oder Gewebespenders nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.“

Hintergrund-Artikel zum Thema: „Wir brauchen eine Kultur des Sterbens“

Tot ist ein Organspender laut TPG nach dem „endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“. Diesen Ausfall müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander nach Richtlinien der Bundesärztekammer feststellen. Die beiden Ärzte dürfen nichts mit der Organentnahme oder -transplantation zu tun haben, heißt es im Gesetz.

Mediziner Zieger kann von Hirntoten erzählen, die schwitzen. Wachsen. Sich bewegen (im schlimmsten Fall während der Organentnahme). Es gibt Hirntote, die gesunde Kinder ausgetragen haben.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) definiert: „Das Gehirn ist übergeordnetes Steuerorgan aller elementaren Lebensvorgänge. Mit seinem Tod ist auch der Mensch in seiner Ganzheit gestorben.“

Zieger hält diese Definition längst für wissenschaftlich widerlegt. Er nennt es daher „einen Skandal“, dass die „Grundlagen der Begründung der Transplantationsmedizin“, nämlich die Definition von Leben und Tod, nicht aufgearbeitet werden.

Mehr noch: Er nennt es ein Versagen der Politik, dass sie diese Frage der Bundesärztekammer („das ist ein lockerer Zusammenschluss von Ärzten, die sich selbst beaufsichtigen“), der DSO und der „mächtigen Lobby der Transplantationschirurgie“ überlassen hat. Zieger fordert einen öffentlichen Diskurs über das Thema. Diese existenzielle Frage dürfe die Bevölkerung nicht den medizinischen Experten überlassen.

Rückendeckung erhält der Oldenburger Arzt von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Lebensfragen dürfen nicht privatrechtlichen Organisationen übertragen werden“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Er fordert eine schnelle Anpassung des Transplantationsgesetzes: Künftig sollten nicht zwei Ärzte des Entnahme-Krankenhauses die Hirntod-Diagnose stellen, sondern „mindestens drei Kompetenzteams aus speziell qualifizierten Neurologen“. Diese Teams sollten „staatlich verantwortet“ beim Robert-Koch-Institut angesiedelt sein. Brysch mahnt „allerhöchste Sorgfalt und Professionalität“ an.

Die erwartet auch Andreas Zieger, der die „unzureichende Ausbildung der Ärzte“ beklagt und ihren „schlampigen Umgang“ mit dem Thema.

Unter Tränen

Der Fall in Bremerhaven müsse nun aufgearbeitet werden, so Zieger weiter: von Patientenschützern, Ärztekammer, Behindertenbeauftragten, Politikern.

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Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet von „erheblicher Aufregung“ im Klinikum Bremerhaven nach dem Vorfall am Operationstisch: „Mitarbeiter erzählten unter Tränen davon, andere kündigten an, sich nun ganz aus der Organspende zurückziehen zu wollen.“

Anzunehmen ist, dass die Organspende-Bereitschaft in Deutschland insgesamt weiter sinken wird. Seit dem Transplantations-Skandal 2012 (ein Göttinger Mediziner hatte Krankenakten gefälscht, damit Patienten schneller an ein Spenderorgan kamen) ist die Zahl der Organspender jährlich um eine zweistellige Prozentzahl gesunken.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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