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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Verschleppt und ausgebeutet

03.05.2013

Im Nordwesten Die Deutschen kamen in der Nacht. Um 2 Uhr früh rissen sie Familie Krysztofiak aus dem Schlaf, „ihr habt 15 Minuten Zeit, das Nötigste zu packen“, riefen sie. Am Bahnhof von Lodz wartete bereits der Güterzug, er brachte die Krysztofiaks ins 900 Kilometer entfernte Oldenburg. Im Lager an der Butjadinger Straße wies man ihnen Betten zu, jeder bekam ein „P“ an die Kleidung geheftet: „Pole“.

Das war im Mai 1942, Henryk (14) und Wladyslaw (9) Krysztofiak waren jetzt Zwangsarbeiter auf einem Oldenburger Bauernhof.

Ebenso wie Volodymyr Badyora (16) aus der Ukraine, er wurde einem Bauern aus Mansholt zugeteilt wurde.

Oder Sofia Sumara (19) aus Russland, die in der Kammgarnfabrik Delmenhorst arbeiten musste.

Verdrängte Geschichte

71 Jahre später steht Dr. Katharina Hoffmann (58) mal wieder auf dem Friedhof Ohmstede, ganz hinten links hinter der Hecke.

Da ragt zwischen Bäumen das orthodoxe Kreuz mit den kyrillischen Buchstaben auf, das ein russischer Geistlicher nach Kriegsende aufstellen ließ. Da liegt die Steinplatte der Kirchengemeinde aus den 80ern mit den Worten: „Hier ruhen 324 ausländische und deutsche Kriegstote“. Da steht das Stahlgitter, das Schüler 2004 aufgestellt haben; vier Schilder benennen daneben in vier Sprachen das Leid der Zwangsarbeiter. „Hier kann man die verschiedenen Schichten der Geschichte ablesen“, sagt Hoffmann.

Laut Hoffmanns Doktorarbeit von 1999 geht die Geschichte so: Zwangsarbeit war in Oldenburg bis 1945 „gesellschaftlich akzeptiert“ – und danach konnte das Thema jahrzehntelang verdrängt werden. Es versteckte sich ja hinter einer Friedhofshecke, in kyrillischen Buchstaben, unter einer grauen Platte.

Bis in den 90er Jahren ein Mann Fragen stellte.

Günter Heuzeroth kippt Rosenblütentee in schlanke Tassen. Der Heilpädagoge wird bald 80, und er kann sich gut erinnern: an die Naziaufmärsche zu Hause im Westerwald. Die Hitlerbildchen überall. Die verschwundenen Juden. Die grauen Reihen der Zwangsarbeiter. „Ich wollte immer wissen: Was passierte da mit den Menschen?“

1970 kam Heuzeroth nach Oldenburg, die Stadt war neu, die alten Fragen blieben. Er stöberte in Archiven, er sprach mit Zeitzeugen. „Eine Sisyphos-Arbeit“, sagt er. Er schrieb ein Buch über Juden in Oldenburg, eines über Sinti und Roma, 1993 erschien schließ Band 1 seiner Dokumentensammlung „Die im Dreck lebten“, fünf weitere Bände folgten. Auf die erste Buchseite schrieb er: „Geschichte wiederholt sich nicht, wohl aber menschliche Schicksale, wenn aus ihr keine Lehren gezogen werden.“

Das hier war das Schicksal von Henryk und Wladyslaw Krysztofiak: Zwölf Stunden mussten sie täglich auf dem Feld arbeiten, danach ging es zurück ins Lager. Zwischen 20 und 6 Uhr herrschte Ausgehverbot. Wenigstens gab es auf dem Bauerhof ausreichend zu essen, stellten die Brüder fest.

Anderen erging es schlechter. 371 Gramm Brot, 36 Gramm Fleisch, 18 Gramm Fett – das war die Tagesration eines Ostarbeiters 1942. Reihenweise kippten die Arbeiter beim Bau der Oldenburger Umgehungsstraße um, auf großen Wagen wurden die Leichen abtransportiert.

Nicht nur Arbeiter starben. In Ohmstede sind 111 Kinder unter drei Jahren begraben, die meisten von ihnen überlebten das Fleckfieber nicht.

„Die Dimensionen haben mich überrascht“, sagt Heuzeroth. Es gibt einen Plan von Zwangsarbeiterlagern in der Stadt Oldenburg, er zeigt 60 Lager, „das war ein Netz“, so Heuzeroth. „Allein das Durchgangslager am Rennplatz: 45 Baracken gab es da, 45 000 Ausländer kamen dort an!“

Heute steht auf dem Rennplatz eine Wohnsiedlung, vom Sammelgrab aus kann man sie sehen.

Katharina Hoffmann wohnt ganz in der Nähe. „Was in Oldenburg geschah, unterschied sich nicht von dem, was in anderen Regionen geschah“, sagt sie. Die Bauern, die Handwerker, die Industrie, sie alle waren angewiesen auf Arbeitskräfte. „Die Leute akzeptierten das – die meisten verbanden es aber nicht mit einem Unrechtssystem.“

Zahl der Toten unklar

Es gab Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Frankreich, Holland, Belgien. Ganz unten in der rassistischen Hierarchie standen die Osteuropäer: die mit dem „P“ an der Jacke oder dem „OST“ für Ostarbeiter. Wie viele Arbeiter es insgesamt waren, ließ sich nie beziffern. Hoffmann fand heraus, dass in der Oldenburger Landwirtschaft zeitweise 61 Prozent Ausländer arbeiteten. In Deutschland gab es fünf Millionen Zwangsarbeiter.

Auch die Zahl der Toten blieb unklar. Mindestens 324 Zwangsarbeiter liegen in Ohmstede, weitere 54 sind auf dem Jüdischen Friedhof an der Oldenburger Dedestraße begraben, noch einmal 30 auf dem Katholischen Friedhof an der Ammerländer Heerstraße.

Und mindestens 58 starben in der Heilanstalt Wehnen.

Auf dem Küchentisch von Dr. Ingo Harms (62) in Oldenburg-Eversten liegt ein Foto, es zeigt ein Gräberfeld. Harms, ein Historiker, erforschte das Thema „Euthanasie in Wehnen“ – und deckte so den Mord an zahlreichen Zwangsarbeitern auf.

„Die Zwangsarbeit war moderne Sklaverei“, sagt Harms, „und das schlimmste Vergehen eines Sklaven ist es, arbeitsunfähig zu werden.“

So wie Sofia Sumara aus der Ukraine. Vielleicht war es das Heimweh, das sie schwermütig machte, depressiv, wütend. Jedenfalls schrie sie und tobte, am 26. Juli 1943 brachte man sie aus der Kammgarnfabrik nach Wehnen.

„Oberstes Gebot der Ärzte war es, die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen“, sagt Harms. Die Kranken bekamen Cardizanol und Luminal, die Ärzte versuchten Elektroschocktherapien. „Die Heilungschance lag bei 50:50.“

Bei Sofia Sumara diagnostizierten die Ärzte in den kommenden Monaten, keine Besserung, sondern „schweren körperlichen Verfall“. Arbeiten konnte sie nicht mehr. Am 15. September stellten sie ihren Tod fest. Ursache: eine allgemeine Herz- und Kreislaufschwäche, wie bei so vielen Patienten vor und nach ihr. „Sie ist ein Opfer des gezielten Krankenmordes in Wehnen“, sagt Harms.

Eine Rückkehr

Henryk und Wladyslaw Krysztofiak überlebten die Zwangsarbeit und kehrten nach Polen zurück. Im September 1996 besuchten sie auf Einladung von Katharina Hoffmann Oldenburg, um vor Schülern zu sprechen. „Vergeben habe ich, aber vergessen werde ich das Erlebte wohl kaum“, sagte Henryk.

Auch Volodymyr Badyora kam noch einmal nach Oldenburg. Mit Günter Heuzeroth fuhr er 2004 nach Mansholt; für eine finanzielle Entschädigung brauchte er eine Bestätigung der Bauernfamilie, dass er auf dem Hof gearbeitet hatte. Er bekam sie nicht. „Tief enttäuscht“, so Heuzeroth, fuhr er zurück in die Ukraine.

Das war der letzte offizielle Besuch von ehemaligen Zwangsarbeitern in der Stadt.

Im Mai 2013 sind die meisten Betroffenen längst tot, „aber ihre Geschichte ist in der Welt“, glaubt Katharina Hoffmann. „Die Zwangsarbeiter sind Teil der ritualisierten Erinnerungskultur geworden“, sagt sie; auch 2013 wird wieder ein Kranz am Sammelgrab unter dem Stahlgitter abgelegt werden.

Genügt das?

Ingo Harms meint: „Mir fehlt eine Art von akutem Gedenken, eine Stolpersteinkultur.“ Da waren doch so viele Lager, Baustellen, Fabriken, sagt der Historiker. Irgendwo dort könnte eine Plakette jeden Tag an Sofia Sumara erinnern. Und an all die anderen Menschen, die ins Oldenburger Land verschleppt wurden und hier sterben mussten.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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