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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Rotierende Vogel-Killer?

14.01.2017

Zetel /Bockhorn /Barßel Es ist verdammt still am Herrenmoor im Winter. Die Äcker braun, der Himmel grau. Die Kälte tut fast weh.

Eine Schar Krähen lärmt kurz übers weite Feld. Eine einsame Gans, ein gelangweilter Bussard. Die Vogelwelt hat Winterpause.

In der Nähe des Naturschutzgebiets, westlich des Örtchens Bredehorn (Gemeinde Bockhorn), sollen sich bald drei große Windräder drehen. Oder sagen wir besser: hier sollen sie gebaut werden. Mit dem Drehen ist das so eine Sache.

Wenn im Frühjahr die Kraniche kommen, wenn die Sumpfohreule das Herrenmoor verlässt, wenn Mäusebussard, Turmfalke und Sturmmöwe wieder verstärkt fliegen, müssen die Windräder zeitweise still stehen – vom 1. März bis 30. August, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang,

Das Artenschutzrecht gebietet das. Bundesnaturschutzgesetz, Paragraf 44.

Zu nah am Herrenmoor?

Von Mitte April bis Ende Oktober müssen die Windräder möglicherweise auch nachts abgeschaltet werden – wegen der ebenfalls streng geschützten Fledermäuse.

Herrenmoor: ein Windpark, der ein halbes Jahr im Wind parkt?

Elke Junghardt und Birgit Nolte von der Initiative „Bürger gegen den Windpark Herrenmoor“ haben dafür kein Verständnis. „Warum werden diese Pläne weiterverfolgt und wer soll diesen Wahnsinn am Ende bezahlen?“

Junghardt und Nolte sind mit dem Rad unterwegs zu dem großen Hochmoor, das bis ins Ammerland reicht.

Hier soll ein Windrad auf dem Acker stehen, da drüben eins, weiter hinten das dritte. Maximal 163 beziehungsweise 212 Meter hoch. Unweit von Bredehorn, wo die beiden Frauen wohnen.

Bebauungsplan Nr. 111 der Gemeinde Zetel, Ende Dezember vom Gemeinderat beschlossen. Der Landkreis Friesland hat Anfang Januar grünes Licht gegeben, will die Änderung des Flächennutzungsplans bis Ende März absegnen. Die benachbarte Gemeinde Bockhorn hat ihre Bedenken aufgegeben, weil Zetel auf ein viertes Windrad verzichtet, das noch näher an Bredehorn stehen sollte.

Die Bürgerinitiative aus Bockhorn gibt sich damit nicht zufrieden. „Die Fläche Herrenmoor ist für einen Windpark aufgrund der massiven Abschaltzeiten ungeeignet“, sagen Junghardt und Nolte.

Der Zeteler Bürgermeister Heiner Lauxtermann (SPD) betont, dass sich der Windpark trotzdem für den Betreiber rechnet. Abgeschaltet werde er vorwiegend in windarmen Zeiten. „Ich gehe davon aus, dass keiner etwas macht, bei dem er zuzahlen muss“, sagt Lauxtermann.

„Kollisionen von Vögeln (und Fledermäusen) sind ein zentrales Konfliktfeld zwischen dem Ausbau der Windenergienutzung und dem Naturschutz“, heißt es im Abschlussbericht der Progress-Studie 2016. Die Uni Bielefeld und drei Gutachterbüros, darunter auch ein Umweltgutachter aus Oldenburg, haben darin erstmals systematisch in Norddeutschland die Kollisionsraten und -risiken erforscht. Mit dem Ergebnis, dass viele Vogelarten gefährdet sind, vor allem aber Greifvögel, weil sie Windräder nicht meiden. Bei Rotmilan und Mäusebussard, besonders geschützte Arten, hat der rasante Ausbau der Windenergie offenbar bereits zu Bestandsrückgängen geführt.

Laut einer Studie der Deutschen Wildtier Stiftung sterben jährlich rund 250 000 Fledermäuse und über 12 000 Greifvögel durch Windkraftanlagen. In Norddeutschland werden nach Schätzungen der Progress-Studie jährlich 7800 Mäusebussarde, 10 000 Ringeltauben und 11 800 Stockenten von Masten oder Flügeln erschlagen.

Urteil für Rotmilan

Vor Gericht hat der Rotmilan neulich gegen die Industrie gewonnen. In Rittmarshausen darf kein Windpark gebaut werden. Das Verwaltungsgericht Göttingen entschied Ende Dezember gegen einen Investor, der fünf Windräder in ein „faktisches Vogelschutzgebiet“ stellen wollte. Der Kreis Göttingen hatte den Antrag abgelehnt. Begründung: erhebliches Tötungsrisiko und schlechtere Nahrungsbedingungen für die Raubvögel. Dem folgte das Gericht.

Auch dem geplanten Windpark Kammersand in der Gemeinde Barßel (Kreis Cloppenburg) kann wohl nur noch der Rotmilan einen Strich durch die Rechnung machen. Ende Dezember hat der Kreis die sechs Anlagen mit einer Höhe von jeweils 200 Metern genehmigt, trotz heftiger Proteste von Anwohnern und Naturschützern – auch aus dem Kreis Ammerland.

Der Loher Forst ist hier nahe, ein dunkler Wald mit artenreicher Vogelwelt. Weihen, Bussarde, Falken, Eulen und der Rotmilan überfliegen die angrenzenden Felder.

Naturschützer empört

„Wenn alle Hinweise und Dokumentationen über die Vorkommen bedeutsamer Vogelarten ernst genommen worden wären, dürfte eine Genehmigung nicht ausgesprochen werden“, rügt Monika Oetje-Weber von der Bürgerinitiative Kammersand.

Kann der Mäusebussard den Windpark Herrenmoor verhindern? Oder die Sumpfohreule?

Nein, sagt ein artenschutzrechtliches Gutachten im Auftrag der Gemeinde Zetel. Für die überprüften Arten könnten „keine Verstöße gegen die Bestimmungen des § 44 Abs. 1 BNatSchG nachgewiesen werden“, heißt es da. Falls der Betreiber die „geplanten Vermeidungsmaßnahmen“ einhält. Als da wären: pauschale Abschaltzeiten für die ersten drei Jahre, Beobachtung des Vogelbestandes im Umkreis der Windräder, Suche nach Schlagopfern, Lenkung des Vogelflugs.

So sollen die Kraniche künftig mit Körnermais auf Wiesen etwas abseits des geplanten Windparks gelockt werden. Was einen kritischen Zeteler Ratsherr zu der süffisanten Frage veranlasste, ob auch die Wildschweine davon wüssten, dass der ausgestreute Mais zum Weglocken der Kraniche gedacht sei?

Klar eigentlich, dass der zunehmende Kollisionskurs zwischen Industrie und Natur nicht ohne politische Folgen bleiben kann. Das Bundesnaturschutzgesetz soll geändert werden. Die schwarz-rote Bundesregierung will Ausnahmen beim Tötungsverbot zulassen. Für die Windenergie und den Straßenbau.

Richtig gelesen. Das Tötungsverbot des § 44 Abs. 1 Nr. 1 des Bundesnaturschutzgesetzes soll künftig nur noch für Eingriffe und Vorhaben gelten, wenn sich das Tötungsrisiko für besonders geschützte Arten unvermeidbar signifikant erhöht.

„Die Novellierung führt zu einer dramatischen Verschärfung der Bedrohung von Vögeln und Fledermäusen durch Windenergieanlagen. Und das ist inakzeptabel“, sagt Fritz Vahrenholt, Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. „Die Tötung von Vögeln ist damit kein prinzipieller Hinderungsgrund für den Bau von Windkraftanlagen.“

Nach Ansicht des Naturschutzbundes NABU droht eine empfindliche Aufweichung des Artenschutzes. „Wir sehen absolut keine Notwendigkeit für die geplanten Änderungen. Wir fordern den Gesetzgeber auf, die Novelle so nicht zu verabschieden“, sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke.

Auch die Naturschützer vom Wattenrat in Ostfriesland sind empört. „Die Bundesregierung plant folgenschwere Änderungen des Artenschutzrechts“, beklagt Koordinator Manfred Knake. „Hier zeichnet sich nur wieder ab, dass die Windenergiewirtschaft investitionshemmende Artenschutzbelange mithilfe der Politik aushebeln möchte, also ein durchsichtiger Fall des Lobbyeinflusses auf die Gesetzgebung.“

Die Anwältin der Bürgerinitiative aus Bockhorn, Jutta Engbers (Friesoythe), hat seitenweise Kritik am Windpark Herrenmoor aufgelistet. Sie hält auch die artenschutzrechtlich Prüfung für ungenügend. Die Planung sei rechtswidrig, weil der empfohlene Abstand zu Schutzgebieten von 1500 Metern nicht eingehalten werde. Klage und Kollision also wahrscheinlich.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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