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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Arbeiten Im Gefängnis: Volkswirtschaft hinter hohen Mauern

29.01.2014

Oldenburg Im Akkord lötet der junge Mann die schwarzen Sicherungsschalter zusammen. „1120 sind pro Tag vorgegeben“, erzählt er und schaut kurz von seinem Lötbrett auf. Weiße Rauchfäden steigen in sein Gesicht. „Aber ich schaffe meist 2000.“ An der Werkbank gegenüber stecken drei Arbeiter Metallköpfe auf kleine rote Kabel. Die Werkstatt ist geschäftig, hell und sauber. Nur die vergitterten Fenstern erinnern daran, dass sie im Oldenburger Gefängnis liegt – die Freiheit ist 13 verriegelte Stahltüren und eine 6,5 Meter hohe Steinmauer entfernt.

Nur wenige Straftäter in Deutschland sitzen im Gefängnis nur ihre Zeit ab. Zehntausende Häftlinge arbeiten hinter Gittern. Sie helfen in der Wäscherei oder in der Gefängnisküche aus. Immer mehr Knastbetriebe arbeiten auch als Zulieferer für die freie Wirtschaft – verpacken Bügelbrettbezüge oder verarbeiten Schrauben.

Auch die JVA Oldenburg ist eine eigene kleine Volkswirtschaft hinter hohen Mauern – 2,2 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete der Knast 2013. Sieben Mittelständler haben hier Werkhallen gemietet und lassen von Gefangenen Arbeiten verrichten. Die Sträflinge montieren unter anderem Stecker für Automobilzulieferer und basteln an Teilen für Kalbfütterungsanlagen.

Arbeit für viele ein Muss

Die Arbeit im Vollzug ist für die meisten Häftlinge keine Option, sondern ein Muss. Drückebergern drohen Disziplinarverfahren. Die Arbeitslosigkeit hinter Gittern ist dennoch hoch – häufig bis zu 40 Prozent, auch weil Untersuchungshäftlinge und Rentner nicht arbeiten müssen. Einige Gefangene leiden unter Alkohol- oder Drogenproblemen, andere schwänzen. „Heute stehen 33 Mann auf der Liste, aber nur 23 sind hier“, ärgert sich Werkstattchef Guido Stolle über seine unzuverlässige Belegschaft.

Von Fachkräften kann in den Knastbetrieben also kaum die Rede sein. Das weiß auch Schlossermeister Andreas Eberlei. Er leitet die Gefängnisschlosserei in Oldenburg. Rund ein Dutzend Häftlinge in blauen Overalls fräsen und schweißen hier für rund hundert Kunden aus der Region. „Mein bester Mann ist gelernter Heizungsinstallateur“, berichtet Eberlei. Die meisten Gefangenen haben keinen Schulabschluss.

Das eher schwierige Personal stellt den Betriebsleiter jeden Tag vor neue Herausforderungen. Trotz der Probleme liebt der Schlossermeister die Arbeit hinter Gefängnismauern: „Ich bin hier Vaterersatz, Rechtsanwalt, Pädagoge, Pastor, Kindergärtner und manchmal Zoodirektor“, erzählt er von der Arbeit und spricht von „seinen Jungs“.

Hakan ist einer davon. Der 32-Jährige versteckt sein Gesicht hinter einem schwarzen Schweißerhelm und beugt sich über einen Grillträger. „Die Arbeit ist ziemlich wichtig für draußen“, meint er. Seit vier Jahren sitzt er in Oldenburg wegen schweren Raubes. Er hätte bereits vor Wochen in den offenen Vollzug gehen können, um seine Drogensucht therapieren zu lassen. Stattdessen entschied er sich für einen Schweißerschein hinter Gittern. Bisher hat Hakan weder einen Schulabschluss noch eine Ausbildung und erhofft sich daher viel von dem Schein. „Draußen werden viele Schweißer gesucht.“

Gefangene verdienen im Schnitt einen Tagessatz von 11,94 Euro. Ein Teil wird für die Entlassung angespart, den Rest können sie für Zigaretten und Süßigkeiten im Knastshop ausgeben. „Sie werden zwar schlecht bezahlt, aber wir haben es geschafft, sie aus ihren Zellen zu holen“, sagt Anstaltsleiter Gerd Koop, der sich von der Beschäftigung selbstständige und friedliche Gefangene verspricht.

Überwacht wird jeder Betrieb von Justizbeamten und Kameras. Vertrauen zählt in der Knastwirtschaft so viel wie Kontrolle: Schlossermeister Eberlei trägt weder Pistole noch Schlagstock, nur ein kleines Funkgerät mit Alarm-Schnur baumelt an seinem Gürtel. „Wir haben hier das Konzept des offenen Werkzeugs“, erklärt der 42-Jährige. Die Instrumente sind für alle Arbeiter frei zugänglich. Vor Feierabend muss alles wieder an seinem Platz hängen, sonst darf keiner zurück auf seine Zelle. In seinen 13 Berufsjahren sei noch nie was passiert, berichtet Eberlei.

Hilfe bei Auftragsspitzen

Anders als Zulieferwerkstätten ist die Schlosserei der JVA ein Eigenbetrieb. „Wir organisieren selbst unsere Aufträge“, sagt Eberlei. Für große Firmen beackern sie kleine Aufträge, die sich für diese nicht lohnen. Kleinen Betrieben nehmen sie die Auftragsspitzen ab. Mit den Einnahmen rüstet Eberlei seinen modernen Maschinenpark immer weiter auf. „Wir belasten den Steuerzahler nicht“, betont der Werkstattleiter.

Der Verkaufsschlager der Oldenburger Schlosser sind Edelstahlgrills – das Modell „Oldenburg“ und die kleinere Version „Rastede“. Ursprünglich sollten sie gebaut werden, um die Gefangene mit den Werkstoffen vertraut zu machen. „Schweißen, Sägen, Blechbiegen – da ist ja alles dran, was ein Schlosser können muss“, erklärt Eberlei. Mittlerweile produzieren die Oldenburger mehr als 1000 Stück pro Jahr. „Wir sind restlos ausverkauft, ich komme mit der Produktion nicht nach.“ Deshalb wird der Verkaufsschlager auch in der JVA Uelzen hergestellt.

Zertifizierte Qualität

Immer mehr Vollzugsanstalten wollen sich dabei mit der freien Wirtschaft messen und zu gleichen Bedingungen arbeiten. „Tüten kleben ist vorbei“, meint Thomas Eckbauer, der den Fachbereich Arbeit in der JVA Oldenburg leitet. Als erste Haftanstalt in Niedersachsen hat sich die JVA Oldenburg 2006 ihr Qualitätsmanagement zertifizieren lassen. „DIN-EN ISO 9001:2008“, rattert Eckbauer die Norm auswendig herunter.

In der Schreinerei werden Häftlinge an modernen Holzverarbeitungsmaschinen geschult. Michael Wolter hat sich zum Vorarbeiter hochgearbeitet, ist in Lohnstufe 4, verdient 13 Euro am Tag. Weil er mit großen Mengen Marihuana gedealt hat, muss der 52-Jährige noch bis 2019 in der JVA bleiben. Auch wenn er sich keine großen Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt verspricht, fühlt er sich wohl in seinem Job. „Man sieht die Ergebnisse“, sagt er und legt seinen tätowierten Arm auf einen Stapel Schrankwände.

Wolter genießt die acht Stunden Freiheit, bevor er nach Feierabend wieder in seine acht Quadratmeter große Zelle muss. Dass der verurteilte Straftäter auch Schreibtische und Schränke für Richter und Staatsanwälte herstellt, stört ihn dabei wenig: „Ich bohr deshalb auch keine Löcher schief rein.“

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