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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Vom Leben nach dem Untergang

01.03.2013

Oldenburg Der Mann, der als „Unternehmer des Jahres“ und „Mutmacher der Nation“ so oft in den Zeitungen stand, ist nicht mehr leicht zu finden. Man muss im Einkaufszentrum den Nebeneingang nehmen und durch zwei Brandschutztüren gehen, dann kommen 76 Treppenstufen und eine dritte Brandschutztür, und jetzt muss man aufpassen, rechts oder links? Rechts liegt das Parkhaus, er arbeitet also links, hinter der Milchglastür mit der Aufschrift „Best Ship Consult“.

Niels Stolberg, 52 Jahre alt, ist der Geschäftsführer von „Best Ship Consult“, einer Beratungsfirma. Er darf 1800 Euro im Monat verdienen; mehr erlaubt der Insolvenzverwalter nicht.

In seinem Geschäftsführerbüro gibt es ein breites Bücherregal, darin steht Fachliteratur wie „Die deutsche Handelsflotte“ in fünf Bänden. Noch häufiger finden sich aber Kunstbände, die meisten zeigen Bilder von Emil Nolde (1867–1956), dem Maler, der unter den Nazis lange nur heimlich malen konnte. Aus seinem Fenster blickt Stolberg aufs Oldenburger Schloss, ein Kunstmuseum. Früher, aus dem Büro seiner Beluga-Reederei in Bremen, schaute er aufs Wasser.

Eine Anklage steht

Es ist genau zwei Jahre her, seit die Anwälte des Finanzinvestors Oaktree Niels Stolberg vor die eigene Bürotür setzten, „seit ich von Bord geschossen wurde“, wie Stolberg es nennt. Er durfte ein paar persönliche Gegenstände einpacken, dann musste er den stolzen Beluga-Bau auf dem Bremer Teerhof verlassen. Am nächsten Tag erstatte Oaktree Strafanzeige gegen Stolberg; man sei „auf finanzielle Unregelmäßigkeiten“ gestoßen.

Die Staatsanwaltschaft Bremen stellte in einer „sehr umfassenden Durchsuchung“ (Behördensprecher Frank Passade) mehr als zehn Terabyte Daten sicher. Seither durchforsten zwei Staatsanwälte und eine Ermittlungsgruppe der Polizei die Dokumente. Einen einzigen Punkt, Passade spricht von einem „Teilkomplex“, konnten die Ermittler bisher zum Abschluss bringen: Anfang Februar erhoben sie vor dem Landgericht Bremen Anklage gegen Stolberg wegen Verdachts auf Kreditbetrug. Stolberg soll gegenüber Banken die Kosten für Schiffsneubauten überhöht dargestellt haben, um mehr Geld aufnehmen zu können. Stolberg sagt dazu öffentlich nur einen Satz: „Ich habe mich nie persönlich bereichert, denn ich habe stets aus unternehmerischem und nicht aus privatem Interesse gehandelt.“

Neulich empfing er eine Boulevardzeitung zum Fototermin in seiner Oldenburger Drei-Zimmer-Wohnung. Stolberg, Vater von drei Töchtern, lebt dort mit seiner ältesten Tochter. „Die Ereignisse haben Spuren hinterlassen. Auch in der Familie“, erzählte er den Reportern. „Ich habe unendlich viel verloren.“

Mit Beluga, 1995 gegründet, hatte er im besten Jahr 2008 gut 400 Millionen Euro umgesetzt. Keine deutsche Reederei wuchs schneller.

Schnelles Wachstum, tiefer Sturz

Niels Stolberg , geboren 1960 in Brake/Unterweser, gründete die Reederei Beluga 1995 in Bremen. Bis zu 72 Schwergutfrachter fuhren für das schnell wachsende Unternehmen. Im Jahr 2008 erzielte Beluga noch fast 70 Millionen Euro Gewinn, aber ab 2009 geriet die Reederei ins Schlingern. 2010 holte Stolberg die US-Investmentgesellschaft Oaktree Capital Management ins Boot, die nach eigenen Angaben rund 130 Millionen Euro in Beluga investierte. Am 1. März 2011 feuerte Oaktree Stolberg, im April 2011 meldete Beluga Insolvenz an.

In seinem Geschäftsführerbüro steht auch dieses Buch im Regal: „Werden Sie einzigartig!“ Etwas weiter unten klebt ein Gutschein für einen Fallschirmsprung.

Entlastendes Material

Stolberg sagt: „Ich wollte immer ein soziales Unternehmertum leben.“ Aber seit der Beluga-Pleite stehe er da wie ein Schwerverbrecher.

Nach NWZ -Informationen fanden die Ermittler keine Hinweise darauf, dass der Reeder mit den falschen Angaben zu den Schiffsneubauten den Banken schaden wollte. Beluga hat den Informationen zufolge hinreichend Sicherheiten geboten; der Marktwert der Schiffsneubauten soll über den Rückforderungsansprüchen der Kreditinstitute liegen. Die Staatsanwaltschaft hält es demnach für glaubwürdig, dass Stolberg die falschen Angaben gegenüber den Banken nicht aus einer finanziellen Notlage gemacht hat, sondern damit Beluga möglichst viele Schiffe mit möglichst wenig Eigenkapital bauen lassen kann. Einen hinreichenden Tatverdacht wegen Betrugs gemäß Paragraf 263 Strafgesetzbuch sah man deshalb nicht.

Es gibt aber nun mal auch den Paragrafen 256b im Strafgesetzbuch: Kreditbetrug. Anders als bei Paragraf 263 spielt es dabei keine Rolle, ob der Beschuldigte sich bereichern oder einem Dritten schaden wollte. Es genügt, falsche Angaben gegenüber Banken gemacht zu haben. Das kann je Tat mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. Stolberg werden von der Anklage 16 Fälle vorgeworfen.

Über juristische Dinge lässt Stolberg nur seinen Sprecher reden, und der sagt auf NWZ -Nachfrage: „Herr Stolberg wird vor Gericht zu seiner Verantwortung stehen.“

Der Sprecher arbeitet für eine Frankfurter Kommunikationsberatungsfirma. Aus Frankfurt stammt auch Stolbergs Anwalt: Hanns Feigen, der zuvor bereits Ex-Postchef Klaus Zumwinkel verteidigte. Finanziert werden Sprecher und Verteidiger von einem privaten Stolberg-Unterstützerkreis, sagt der Sprecher.

Wann es zum Verfahren wegen der Kreditbetrugs-Vorwürfe kommt, ist unklar. „Die Richter lesen gerade die gefühlt 70 000 Seiten“, sagt ein Sprecher des Bremer Landgerichts. Vor Sommer sei wohl nicht mit Prozessbeginn zu rechnen.

Bis dahin werden sich die Staatsanwälte weiter durch die Datenmengen wühlen: Es geht ja immer noch um den Vorwurf der Bilanzfälschung zum Nachteil von Oaktree.

Es geht auch um den Verdacht des Waffenschmuggels; Beluga soll Panzer aus der Ukraine nach Myanmar in Südostasien transportiert und damit gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen haben. Nachdem sich der Generalbundesanwalt in Karlsruhe für nicht zuständig erklärt hat, prüfen die Bremer Staatsanwälte den Fall.

Dann gibt es den Vorwurf der Schuldnerbegünstigung: Stolberg soll eine private Jacht verkauft haben, als er bereits zahlungsunfähig war, um mit dem Geld seine Anwälte bezahlen zu können. Um diese Akte kümmert sich derzeit die Oldenburger Staatsanwaltschaft.

Und da wäre der Vorwurf der Veruntreuung von Spendengeldern für die „Beluga School for Life“, 500 000 Euro aus dem „RTL-Spendenmarathon“ sollen nicht in das Hilfsprojekt für Tsunami-Opfer in Thailand geflossen sein. Dieser Vorwurf trifft den Ex-Reeder offenbar besonders hart, über seinen Sprecher lässt er ausrichten: Die „School for Life“ sei ein „Herzblutprojekt“, in das er 6,5 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen gesteckt habe; „jeder Cent ist in Thailand angekommen“.

Stolbergs Privatvermögen hat der Finanzinvestor Oaktree längst einfrieren lassen. Im April 2011 hat Stolberg Privatinsolvenz angemeldet.

Und was bleibt?

Was also ist geblieben vom „sozialen Unternehmertum“ des Niels Stolberg, Bremer Unternehmer des Jahres 2006, Mutmacher der Nation 2008, Ehrenbürger der Stadt Elsfleth seit 2010?

In seinem Büro hängt nur noch eine Auszeichnung: „Für den besten Papa der Welt“ steht auf einem Schild.

Die Reederei Beluga gibt es nicht mehr, Oaktree gründete in Hamburg eine Nachfolgereederei namens „Hansa Heavy Lift“. Auch das Beluga-College in Bremen musste schließen, ebenso Stolbergs Künstlerhaus auf Spiekeroog.

Das Maritime Trainingszentrum in Elsfleth konnte mit Landkreis-Geld gerettet werden, die „Beluga School for Life“ mit privaten Zuschüssen aus der hanseatischen Kaufmannschaft. Die Schule heißt jetzt „Hanseatic School for Life“. Auch die Handballerinnen des VfL Oldenburg, die mit Beluga den Hauptsponsor verloren, spielen weiter; sie können sich derzeit aber keine Europapokal-Teilnahme leisten.

Und Niels Stolberg? Er sitzt ein bisschen versteckt 76 Stufen über dem Einkaufszentrum, seine blonden Haare sind grauer geworden in den vergangenen zwei Jahren. Aber er ist immer noch da, er arbeitet, es geht wieder um Schiffe. Sein Sprecher sagt: „Dass Herr Stolberg versucht, Geld zu verdienen, ist voll im Interesse seines Insolvenzverwalters und zeigt, dass er eine Kämpfernatur ist.“

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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