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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Von Einflüsterern und Lautsprechern

05.10.2013

Oldenburg /Hamburg Der Ex-Reeder Niels Stolberg, 52 Jahre alt, ist ein kommunikativer Mensch. Er nimmt sich gern Zeit für Gespräche, und er führt sie sehr dynamisch: lauter, wenn er emotional wird. Leiser, wenn er vertraulich wird. Gestenreich, wenn er überzeugen will; also eigentlich immer. „Ich verstell’ mich nicht, ich bin authentisch“, sagt Stolberg über sich selbst.

An diesem Freitag im Februar aber schweigt er. Diesmal sollen andere reden, Stolberg bezahlt sie dafür: Zwei Männer der Frankfurter Agentur Gauly/Dittrich/Van de Weyer sprechen jetzt für ihn, sie sind Experten für „strategische Kommunikation“. Am Vortag war durchgesickert, dass die Staatsanwaltschaft Bremen Anklage gegen Stolberg erheben wird, den früheren Chef der Bremer Beluga-Reederei.

„Wir entwickeln tragfähige Botschaften“, werben die Berater auf ihrer Internetseite: „So begleiten wir unsere Mandanten sicher durch herausfordernde Situationen.“

Rund 50 000 PR-Leute

Mit der Verpflichtung der Kommunikationsprofis folgt Stolberg einem Trend: Unternehmen, Politiker, Fußballer, Schauspieler, sie alle beschäftigen heutzutage PR-Berater. PR heißt „Public Relations“, im Deutschen wird das zumeist etwas wackelig mit „Öffentlichkeitsarbeit“ übersetzt.

PR ist ein wachsender Markt. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber bereits 2011 ging die Deutsche Public Relations Gesellschaft von rund 50 000 PR- und Kommunikationsfachleuten im Land aus, Tendenz steigend. Das Medienmagazin „Journalist“ schrieb damals: „Statistisch gesehen kommt in Deutschland inzwischen auf jeden Journalisten ein Öffentlichkeitsarbeiter.“ 

Job der PR-Berater ist es vor allem, mit Journalisten zu reden – deshalb heuern die PR-Agenturen gern ehemalige Journalisten an. Das Fachblatt „Wirtschaftsjournalist“ berichtet in seiner jüngsten Titelgeschichte, dass 26 von 185 ehemaligen Redakteuren der eingestellten Tageszeitung „Financial Times Deutschland“ (FTD) jetzt im PR-Bereich arbeiten. Hinzu komme eine Dunkelziffer, so „Wirtschaftsjournalist“-Chefredakteur Markus Wiegand, „da vermutlich auch einige Freie ihr Haupteinkommen mit PR verdienen“. 42 Ex-FTD-Mitarbeiter hatten angegeben, als freie Journalisten zu arbeiten.

Wer mit solch einem Kommunikationsprofi über Kommunikation sprechen möchte, erlebt zunächst einmal: eine Kommunikationspause. Drei Tage später schickt Dr. Tomas Gauly (53), Mitbegründer von Gauly/Dittrich/Van de Weyer, eine Antwort auf die E-Mail-Anfrage der NWZ . Sein Terminkalender sei derzeit sehr voll, „vermutlich noch“ in den kommenden sechs Wochen werde er auf einen zukommen. Danach ist Schweigen, eine Erinnerungsmail bleibt unbeantwortet. Kommunikation eingestellt.

„Die Branche spricht nicht gern über sich selbst“, sagt jemand aus der Branche.

Ein Montag im Mai, im „Spiegel“-Haus in der Hamburger Hafen-City treffen sich 300 Journalisten zum jährlichen „Reporter-Workshop“. Es wird ein Krisengipfel: Man diskutiert über Auflagenverluste, über das Internet – und über die wachsende Zahl der PR-Berater. Im Konferenzsaal über der „Spiegel“–Kantine warnt Stephan Lebert, Leiter des Investigativressorts der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Wir leben in einer Zeit großer Manipulation.“ Lebert, Jahrgang 1961, mahnt die zumeist jüngeren Kollegen zur Vorsicht. Sie sollten sich immer fragen: „Welche Geschichte stimmt?“

Betrug. Veruntreuung von Spenden. Waffentransport. Als nach dem Zusammenbruch der Reederei Beluga 2011 die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnimmt, sieht sich Niels Stolberg heftigen Vorwürfen ausgesetzt. Der Ex-Reeder, der einst „Unternehmer des Jahres“ war, spricht von „sozialer Ächtung“: „Ich stand da wie der schlimmste Verbrecher.“ Natürlich, sagt er, wollte er in dieser „Phase der Unsicherheit“ auf die öffentliche Meinung einwirken.

Die Berater von Gauly/Dittrich/Van de Weyer entscheiden sich dabei für leise Töne. Sie führen Hintergrundgespräche mit Journalisten. Gewähren Akteneinblicke. Bieten exklusive Nachrichten an. Und geben sanfte Tipps: „Sie könnten in Ihrem Artikel doch mal die Frage stellen . . .“ Immer geht es dabei um diese Aussagen: dass Herr Stolberg sich nie persönlich bereichert habe. Dass er niemandem geschadet habe. Dass er immer nur zum Wohle der Firma gehandelt habe.

Es ist gut möglich, dass die „Stolberg-Sprecher“, wie sie sich nennen, mit all dem recht haben. Aber unabhängig vom Wahrheitsgehalt bedeutet „strategische Kommunikation“: dafür zu sorgen, dass sich eine bestimmte Sichtweise in der Öffentlichkeit festsetzt.

Und: Lesen nicht auch Ermittler und Richter Zeitung?

„Auf der strafrechtlichen Seite wissen wir aus erster Hand nicht nur um den vieldiskutierten Einfluss der Medienberichterstattung auf das Ermittlungsverfahren, die Hauptverhandlung und vielleicht auch deren Ergebnis.“ Mit diesem Satz wirbt ein anderer Experte für strategische Kommunikation für sich: der Bayer Stephan Holzinger (45).

Holzinger ist ein PR-Berater, der die lauten Töne bevorzugt. Als 2011 die sogenannte „Sign“-Affäre Schlagzeilen machte, meldete er sich als Sprecher der Oldenburgerin Claudia del Valle zu Wort. Del Valle hatte mit ihrer Agentur Prevent das Präventionsprojekt „Sign“ betreut, das mit Millionenbeträgen durch den Energieversorger EWE unterstützt wurde. Einen Großteil des Geldes soll del Valle aber nicht in die Präventionsarbeit gesteckt, sondern als privaten Gewinn eingestrichen haben.

„Auf der Hut sein“

Holzinger schrieb in del Valles Namen polternde Pressemitteilungen, in denen von „schlechtem Stil“ und „durchschaubaren Ablenkungsmanövern“ der EWE die Rede ist. Er schrieb vom „Machtkampf inmitten des Vorstands“ und prangerte Versäumnisse der EWE-Führung an.

Auch hier gilt: Womöglich hatte Holzinger recht. Aber ihm ging es einzig darum, den Fokus von seiner Kundin del Valle auf die EWE zu verlagern. In der Öffentlichkeit sollte der Eindruck entstehen: EWE hat etwas zu verbergen.

Holzinger ist ein Fachmann, wenn es darum geht, Eindruck zu machen. Im Internet warb er mit der noblen Münchner Adresse Ludwigstraße und einem Foto des schicken Ludwigpalais‘. Bei einem spontanen Besuch der NWZ  in München fand sich im Palais aber kein Holzinger: Eine Firma vermietet dort virtuelle Büros, mit Postadresse und Anrufannahmeservice. Holzingers Firma, das steht klein im Impressum, sitzt im oberbayerischen Lenggries.

„Pressesprecher“, erklärt Hendrik Zörner (55), Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbandes in Berlin, „sollten Türöffner für Journalisten sein, die Informationen und Ansprechpartner suchen. Journalisten müssen aber auf der Hut sein vor den PR-Leuten, die als Einflüsterer der Medien unterwegs sind.“

Branche rüstet auf

Neulich, berichtet „Zeit“-Reporter Stephan Lebert in Hamburg, habe er ein Journalismus-Seminar an der Uni gegeben. Zwei Drittel der Studenten hätten angekündigt, später in der PR arbeiten zu wollen. Sie erhoffen sich dort bessere Bezahlung, bessere Aufstiegschancen und bessere Arbeitszeiten als im Journalismus. „Diese Seite rüstet auf“, warnt Lebert. Beim „Reporter-Workshop“ fordert er seine Kollegen auf, „Geschichten zu dekonstruieren, die uns eingeflüstert werden“. Wir müssen Formate entwickeln, die das Wirken der PR-Berater sichtbar machen, schlägt Lebert vor.

Niels Stolberg, der Ex-Reeder, hat seine Kommunikationsberater übrigens inzwischen gefeuert. Der 52-Jährige, der nach der Beluga-Pleite Privatinsolvenz anmelden musste und seither von einem Freundeskreis unterstützt wird, wollte „kein Geld zum Fenster rauswerfen“. An einem Dienstag im Oktober sitzt er in seinem Büro in Oldenburg und hebt die Stimme: „Ich brauche keinen Sprecher – ich bin mein eigener Sprecher!“ Er lächelt: „Ich will authentisch sein!“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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