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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Von Jever bis zur Chinesischen Mauer

13.12.2013

Jever Regen hat das Gemisch aus Sand, Lehm und Schotter in Schlamm verwandelt: Herbert Pietsch lenkt sein Wohnmobil deshalb auf eine noch nicht freigegebene, dafür aber asphaltierte Straße in der mongolischen Wüste Gobi. Das traut er sich hier zum ersten Mal. Noch in Russland hat er Umwege von vielen Kilometern in Kauf genommen, nur weil er den Einheimischen nicht auf den unfertigen Asphaltstraßen folgen wollte.

Seine Frau Gabriele Pietsch sitzt auf dem Beifahrersitz und hat die Karte fest umklammert, die beide seit dem Start ihrer Reise in Jever (Landkreis Friesland) Ende April dieses Jahres begleitet. Dort sind alle Stationen eingezeichnet: Riga, Moskau, Nowosibirsk, der Baikalsee. Jetzt ist das Ehepaar auf dem Weg nach China.

Fahrt durch Wüste Gobi

Der 67-Jährige muss die Straße verlassen, eine Teermaschine versperrt den Weg. Er lenkt das Wohnmobil mit Friesländer Kennzeichen auf eine der Lehmpisten. Rechts und links der Strecke sind Lastwagen im Matsch stecken geblieben, auch einige der Fahrzeuge der Reisegruppe mit denen das Ehepaar unterwegs ist, bleiben stecken und müssen rausgeschleppt werden. „Ein holländischer Bauarbeiter hat uns den Weg erklärt und uns gesagt, wie wir fahren sollen“, sagt Gabriele Pietsch. Vor Angst, dass sie es nicht schaffen könnten, sei sie auf der Fahrt ganz still geworden.

Geschafft haben sie es aber doch: „Wir haben unser Tagesziel erreicht, aber der letzte Tag durch die Wüste war hart“, erinnert sich Gabriele Pietsch. Nur 30 Kilometer der 160 Kilometer langen Strecke waren asphaltiert, der Rest eine Schotterpiste mit spitzen Steinen. Das Ergebnis: Ein zerfetzter Reifen – nicht der erste und nicht der letzte auf der Reiseroute.

„Das war kein Urlaub, das war Abenteuer“, sagt die 64-Jährige. Vor sich auf dem Tisch Sie sitzt mit ihrem Mann im gemeinsamen Haus an einem runden Holztisch, vor sichhat sie Karten aus allen Ländern ausgebreitet, in denen die beiden mit ihrem Wohnmobil gewesen sind: Russland, die Mongolei, China, Kirgistan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Armenien, Georgien und die Türkei.

Das Fahrzeug steht in der Garage, überzogen von einer feinen Staubschicht, der Sand hat sich in alle Ritzen gesetzt, das Wohnmobil ist noch nicht ausgeräumt.

Die Pietschs sind gerade erst von ihrer 35 000 Kilometer langen Tour zurückgekehrt, sieben Monate waren sie unterwegs, haben großer Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und Schnee getrotzt. „Und wir würden es wieder machen“, sagen sie.

Neuer Führerschein

Nach der Mongolei ging es mit der Reisegruppe nach China: „Dort brauchte ich einen chinesischen Führerschein und ein chinesisches Kennzeichen“, erzählt Herbert Pietsch.im heimischen Wohnzimmer, steht auf, holt sein Portemonnaie und legt den Führerschein auf den Tisch: „So sieht der aus.“

Es handelt sich um ein dünnes laminiertes gelbes Kärtchen mit chinesischen Schriftzeichen und einem Foto des Abenteurers. „Ohne den geht in China nix“, sagt Pietsch und grinst.

Besorgt hat den Führerschein eine Reiseagentur, die in allen Ländern für Reiseführer sorgte, bei Sprachproblemen half, sich um Visa kümmerte und die Reisegruppe mit Teilnehmern im Alter zwischen 49 und 75 Jahren sicher mit ihren Fahrzeugen über die Grenzen brachte.

„Die Grenzen“, sagt Gabriele Pietsch und seufzt, das habe manchmal Stunden gedauert, sei aber immer recht problemlos verlaufen. In China mussten die Reisenden bis zur Freigabe auf einem Hotelparkplatz stehen, durften das Gelände nur zu Fuß verlassen, das war am 17. Juli.

„Wir waren eine Attraktion“, sagen die Pietschs. Menschen, Kameras, Blitzlichtgewitter, Reporter. „Sobald wir an einer Straße standen, hatten wir keine ruhige Minute mehr, die Chinesen haben uns bei allem fotografiert, was wir gemacht haben“, erzählt Gabriele Pietsch.

Beeindruckt hat die ehemalige Lehrerin aber vor allem die chinesische Mauer nordwestlich von Peking: „Seit ich in der sechsten Klasse war, wollte ich die Mauer selbst sehen“, sagt sie. „Weil es an diesem Tag so heiß war, sind wir mit der Seilbahn raufgefahren, der Anblick war atemberaubend.“

7500 Fotos gemacht

Das Ehepaar zog mit dem Wohnmobil-Konvoi weiter von Peking über Luoyang nach Xi’an, einer alten Kaiserstadt und Beginn der Seidenstraße. „Die Landschaft war traumhaft, unbeschreiblich schön“, sagt Gabriele Pietsch. Rund 7500 Fotos haben die beiden Abenteurer gemacht, um das, was sich nicht mehr in Worte fassen lässt, zumindest in Bildern festzuhalten.

„Das ist die Wüste Taklamakan, dort haben wir die Nächte unter freiem Himmel verbracht“, sagt Gabriele Pietsch und zeigt auf ein Foto. Es zeigt eine Straße, die durch eine Sandwüste führt und von Büschen gesäumt ist. „Die Straße ist von Erdöl-Unternehmen gebaut worden und damit sie nicht versandet und unbefahrbar wird, gibt es den Grünstreifen“, erklärt sie.

Einige Pannen bewältigt

Die Pflanzen werden künstlich bewässert, alle fünf Kilometer steht ein Wasserhäuschen, die Menschen, die dort leben, müssen sich um die Bewässerung des Streckenabschnitts kümmern.Der Weg nach Kirgistan führt die Reisegruppe am 27. August über den Turgat-Pass. Im Süden des Landes haben die Pietschs wieder einen Platten: „Nichts schlimmes“, sagt Gabriele Pietsch. Das sagt sie bei allem, was während der Reise passiert ist: Etwa bei der Panne eines Gruppenmitglieds in China in 1500 Metern Höhe, dessen Fahrzeug an der ersten kleinen Steigung hängen blieb und 150 Kilometer weit in die nächste Werkstatt geschleppt werden musste. Oder bei den Straßenräubern in der Umgebung von Omsk, die mit zwei Autos am Straßenrand stehen und eine Panne vortäuschen. „Wir sind einfach weitergefahren, wir waren gewarnt“, sagt sie. Mehrmals versagte auch das Navigationsgerät, und das Ehepaar musste nach Himmelsrichtung fahren. „Normalerweise nutzen wir Koordinaten, aber an einigen Stellen der Reise haben wir uns so durchmanövriert“, berichtet das Ehepaar.

Denn nur selten fährt die Reisegruppe zusammen: „Wir starten morgens, sind den Tag über selbstständig unterwegs und treffen uns abends an einem vereinbarten Zielort wieder“, sagt Herbert Pietsch, der die meisten der 35 000 Kilometer gefahren ist. „Aber meine Frau musste auch fahren, es hätte ja sein können, dass ich nicht mehr hätte weiterfahren können“, sagt er.

Doch soweit kommt es nicht: Das Ehepaar erreicht nach Usbekistan gesund und unbeschadet Ashgabat, die Stadt des weißen Marmors, Hauptstadt von Turkmenistan. „Die Stadt lebt nicht, ist absolut steril“, sagt Gabriele Pietsch. „Nur rund 30 Prozent der Wohnungen sind bewohnt, wo die Menschen wirklich leben, hat man uns nicht gezeigt“, sagt sie.

„Die Straßen werden regelmäßig gefegt, ganze Putzgeschwader ziehen dort hindurch, dann sind die Straßen gesperrt, es gibt viele Sicherheitskontrollen, jede Kreuzung wird von Polizisten bewacht, in jeder Straße fahren sie Streife.“

Überwachung und Kon­trolle, das hat das Ehepaar auch im Iran erlebt: „Es funktionierte kaum Internet, ich konnte nur sehr wenig rausschicken“, sagt Gabriele Pietsch. „Die Iraner lieben ihr Land, kritisieren aber die Regierung“, schildert Gabriele Pietsch ihren Eindruck. „Wir haben nie vergessen, dass in den meisten Ländern durch die wir gereist sind, eine Diktatur herrscht“, sagt sie.

Nächste Reise im Kopf

„Am 12. Oktober haben wir Teheran erreicht, von dort führte die Reiseroute über ein Gebirge an das kaspische Meer, weiter nach Armenien und nach Georgien“, berichtet Herbert Pietsch und fährt am Wohnzimmertisch mit dem Finger über die Karte, die noch bis vor kurzem im Wohnmobil hing. „Die Reise war lang, anstrengend und kräftezehrend, aber sie hat uns Erinnerungen beschert, die wir nicht missen wollen“, sagt Gabriele Pietsch.

Und weil die reiselustigen Rentner künftig noch viel mehr Erinnerungen aus fernen Ländern mit sich tragen wollen, haben sie auch schon schon die nächste große große Reise im Hinterkopf: „Südafrika“, sagt Herbert Pietsch, „das wär’ was.“

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