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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Vor dem Einsatz eiserne Nerven nötig

30.07.2013

Wilhelmshaven Nein, Kurt Leonards ist kein Asket, kein Kaffee-schwarz-Trinker, kein Mann mit schnarrendem Kasino-Tonfall, keiner, der lautstark Befehle bellt und keiner, der sein Gesicht zur Faust ballt. Die Zutaten, die mancher bei einem erfolgreichen Seeoffizier erwarten mag, sind bei ihm nicht zu finden. Statt dessen ist dem 45-Jährigen anzumerken, dass er gerne lächelt und seiner Umgebung mit freundlichem Gesicht begegnet, mit klarer Stimme und bedachten Äußerungen.

Gleichwohl ist Kurt Leonards eine Respektsperson. Der Fregattenkapitän ist Kommandant der Wilhelmshavener Fregatte „Niedersachsen“, die seit Montag zu ihrem zweiten Einsatz im Rahmen der Mission „Atalanta“ am Horn von Afrika unterwegs ist. Dort wird er der deutsche Kontingentführer im Kampf gegen die Piraterie sein.

St. Martin als Vorbild

Welche Ansprüche er in diesem Zusammenhang an die ihm unterstellten Soldatinnen und Soldaten hat, formuliert er freundlich, aber mit eindeutig-klarer Bestimmtheit: „Ich erwarte besonders von meinen Offizieren absolute Einsatzbereitschaft.“ Führen heißt für den Kriegsschiffkommandanten in erster Linie verzichten – „und zwar auf Schlaf, auf Ruhe, auf Privatleben – zum Wohl seiner Soldaten“.

An der Wand über seinem Schreibtisch hängt der Allgemeine Marine-Befehl Nr. 1 des Preußen-Prinzen Adalbert vom 22. November 1852, in dem es zusammenfassend heißt: „Die Disziplin der Marine ist aber die ihrer Offiziere.“

Für Kurt Leonards selbst stand schon als Kind fest, dass er mal Offizier werden würde. Gut behütet in einem katholischen Elternhaus im Rheinland bei Jülich aufgewachsen, war sein Vorbild damals der römische Offizier St. Martin, ein Mann der gerade wegen seiner Hilfsbereitschaft verehrt wird. Leonards’ starke kulturelle Verwurzelung im christlichen Glauben ist unter anderem an einem kleinen Kreuz zu erkennen, das neben Laptop und Familienbildern einen zentralen Platz auf seinem Schreibtisch einnimmt.

Mit 16, als Anfang der 80er Jahre die Nachrüstungsdiskussion auf ihrem Höhepunkt war, wuchs der Entschluss, dass es die Marine werden sollte, 1987 begann Leonards dann zunächst als Wehrpflichtiger in Brake und wurde ein Jahr später Offizieranwärter. Ausgebildet wurde er auf dem Zerstörer „Schleswig-Holstein“, dem Schulschiff „Deutschland“ und dem Dreimaster „Gorch-Fock“.

Damals wuchs in ihm auch die Fähigkeit, eiserne Nerven zu bewahren, eine Eigenschaft, die beispielsweise kurz vor großen Einsätzen extrem wichtig ist. Kurz bevor es losgeht, verdichten sich die Herausforderungen, tauchen plötzliche Probleme auf, müssen letzte Personalentscheidungen getroffen und noch schnelle Reparaturen veranlasst werden.

Intensive Vorbereitung

Auf den Einsatz am Horn von Afrika hat Leonards seine Besatzung intensiv vorbereitet – und zwar nicht nur handwerklich, sondern auch psychisch. „Es kann sein, dass wir viel Leid und Elend sehen, Flüchtlinge, die unversorgt auf See sind, Fischer, die vor dem Verdursten sind. Es kann aber auch sein, dass der Einsatz extrem monoton wird und wir bei hohem Seegang keinen Piraten zu sehen bekommen.“ Und wenn sich die Bedrohungslage ändere, könne es auch sein, dass man sich über alle Waffen freue, die an Bord seien.

Um mit den unterschiedlichsten Belastungen möglichst optimal fertig zu werden, absolvieren Schiff und Besatzung auch in den kommenden Wochen ein ständiges Übungsprogramm. „Routine ist für den Seemann ungeheuer wichtig“, erläutert der Vater einer achtjährigen Tochter, der mit seiner Familie in Bloh bei Oldenburg wohnt.

Mission Atalanta: 40 Spezialisten ergänzen die Besatzung der „Niedersachsen“

225 Soldaten sind an Bord der Fregatte „Niedersachsen“ beim Einsatz am Horn von Afrika. 40 davon sind zusätzliche Spezialisten wie ein Boarding-Team zur Durchsuchung bei Schiffskontrollen, medizinisches Personal, eine Fliegergruppe für die beiden Hubschrauber, Feldjäger, eine Juristin als Rechtsberaterin, Dolmetscher und Pfarrer.

Der Einsatz verfolgt drei Ziele: Schutz der humanitären Hilfslieferungen der Vereinten Nationen an Somalia, Schutz der freien Seefahrt sowie die Bekämpfung der Piraterie am Horn von Afrika und im Golf von Aden.

Das Seegebiet ist um ein Mehrfaches größer als die Bundesrepublik Deutschland. Außer der EU-Mission „Atalanta“ mit Schiffen aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Niederlande, Belgien, Italien, Portugal und Großbritannien sind Kriegsschiffe aus den USA, aus Indien, Pakistan, Iran und Schweden in dem Gebiet im Einsatz.

Deshalb werde intensiv daran gearbeitet, die Kompetenz der Besatzung aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln. Feuer im Schiff, Wassereinbruch, Flugbetrieb: Das seien Herausforderungen, für die ständig geübt werden müsse. Außerdem werde es viele Schießübungen geben, um mit den vorhandenen Waffen absolut vertraut zu sein. Wichtig sei überdies regelmäßiger Sport. Auf der „Niedersachsen“ gebe es zwar kein spezielles Fitness-Studio, aber mehrere Geräte über das ganze Schiff verteilt – darunter auch die aktuell sehr angesagten TRX-Bänder.

Gute Wünsche

Dem Einsatz sieht Leonards einigermaßen gelassen entgegen. Das hat nicht nur etwas mit dem hohen Ausbildungsstand seiner Offiziere und Soldaten zu tun, sondern auch damit, dass der „Atalanta“-Einsatz sich in den letzten Jahren als sehr erfolgreich erwiesen habe. Während 2010 gleichzeitig 14 Schiffe in der Hand von Piraten gewesen seien und es damals insgesamt 36 Angriffe pro Jahr gegeben habe, würde derzeit nur über eine einzige Lösegeldforderung für ein gekapertes Schiff verhandelt – zwei Angriffsversuche seien gescheitert.

Für die Investoren und Hintermänner, so Leonards, lohne es sich offenbar nicht mehr, in das Projekt Piraterie zu investieren. Dafür gebe es mehrere Gründe: Zum einen sorgten die Handelsschiffe selbst für einen besseren Schutz als früher. Stacheldraht, hohe Geschwindigkeiten, ein engmaschiges Informationsnetz der Schiffe untereinander sowie zivile Sicherheitskräfte an Bord machten es den Piraten schwer. Aber auch der Einsatz der Marineschiffe hätte dazu beigetragen. Viele Piraten seien gefasst und ihre Boote und Waffen versenkt worden.

Dankbar ist der Kommandant, dass die „Niedersachsen“ zu zahlreichen Institutionen im Land einen hervorragenden Kontakt habe: „Es tut gut, wenn es auch immer wieder Zeichen für diesen Rückhalt gibt.“ Ein solches Zeichen des Rückhalts war am Montag der Besuch von Innenminister Boris Pistorius, der zum Auslaufen der „Niedersachsen“ nach Wilhelmshaven gekommen war und gute Wünsche übermittelt hatte. Gute Wünsche für eine Reise, von der niemand weiß, was sie bringen wird. Vorbei sein soll sie am 20. Dezember.


Mehr Bilder unter   www.nwzonline.de/fotos-region 
Jürgen Westerhoff
Redakteur
Regionalredaktion
Tel:
0441 9988 2055

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