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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Obdach im Leuchtturmwärterhaus

02.12.2017

Wangerooge Das Wasser kam von Süden, aus Richtung Festland. Es drückte gegen den Grodendeich, bis er brach, dann verschluckte es den Garten, die zwei Gewächshäuser, das Wohnhaus. Familie Brüggerhoff war obdachlos.

Die Kinder hatten sie vorher in Sicherheit gebracht, sie waren oben im Inseldorf. Aber wo sollten sie jetzt wohnen: eine sechsköpfige Familie, der die Sturmflut ihren ganzen Besitz genommen hat?

Oben im Dorf sagte die Witwe Margarethe Wilhelmi: „Och, ich zieh’ zu meinem Sohn.“ Und sie machte ihr Haus für die Brüggerhoffs frei, das alte Leuchtturmwärterhäuschen an der Robbenstraße 2.

Obdach im ältesten Haus Wangerooges

Es ist nicht irgendein Haus, es ist das älteste Haus auf Wangerooge, gebaut 1856. Wer mehr darüber wissen möchte, muss Hans-Jürgen Jürgens fragen, er wohnt nur eine Straße weiter. Damals, bei der Sturmflut im Februar 1962, war er bei der Feuerwehr, „wir waren den ganzen Tag im Einsatz“, sagt er. Heute ist er 91 Jahre alt und so etwas wie das Inselgedächtnis. In ein paar Tagen erscheint Band 6 seiner „Wangerooger Chronik“.

Auf seinem Wohnzimmertisch stapeln sich Urkunden, alte Ausgaben des „Inselboten“, Fotos. Dabei hat er das meiste schon weggeräumt, sagt er und lacht: „Darunter kam die Weihnachtsdecke vom letzten Jahr zum Vorschein.“ Die kann jetzt wohl liegenbleiben.

Jürgens blättert durch seine Fotos, „jedes Bild hat eine Geschichte“, sagt er. Er hat auch ein Bild vom alten Leuchtturmwärterhäuschen, das Bild ist 99 Jahre alt.

Und das ist die Geschichte dazu: In dem Haus wohnte zuerst der zweite Leuchtfeuerwächter von Wangerooge; der erste war im Leuchtturm untergekommen. 1895 wurde das Haus dann zur Kapelle, „hier wurde die erste katholische Messe auf der Insel gelesen“, sagt Jürgens. Als 1901 die katholische Kirche gebaut wurde, zog die Feuerwehr in das Haus. „Was heißt ,einziehen‘!“, ruft Jürgens: „Die hatten eine Spritze und ein paar Eimer!“ Die Spritze kann man auf dem 99 Jahre alten Bild sehen. Ende der 20er Jahre zog die Feuerwehr wieder aus, Menschen zogen ein, sie bauten das Haus um. Heute gehört das Haus einem Architekten.

Sturmflut als Abenteuer für einen Achtjährigen

Vor dem Gartentor steht Klaus Brüggerhoff, 64 Jahre alt. Er zeigt nach oben, „das war unser Kinderzimmer“, sagt er. Brüggerhoff war acht Jahre alt, als das Wasser kam, für ihn war das ein einziges Abenteuer. Die Aufräumarbeiten in den Trümmern der Brüggerhoffschen Gärtnerei: „Toll“, dachte das Kind. Karren hinter Pferden, die bis zum Bauch im Wasser standen! Bundeswehr-Pioniere auf der Insel, abgesetzt mit Hubschraubern! Auswärtige Schüler, die Schlamm schaufelten! Und er und seine drei Geschwister wohnten in einem unbekannten Haus!

Sogar einen Fernseher gab es dort. „Da konnten wir in der Schule endlich mitreden“, erinnert sich Brüggerhoff, heute selbst Lehrer. Und Mutter Brigitte durfte erstmals an einem Gasherd kochen. Als die Familie nach einem Jahr aus der Robbenstraße aus- und in eine Baracke des Roten Kreuzes umzog, musste eine Anschaffung unbedingt getätigt werden: ein Gasherd.

Familie Brüggerhoff konnte Haus und Betrieb wieder aufbauen, heute wohnt Klaus Brüggerhoff mit seiner Familie an alter Stelle neben seinen Eltern. Geblieben sind die Geschichten. Viele traurige Geschichten von Menschen in Norddeutschland, die in der Sturmflut ihr Leben verloren; rund 340 Menschen starben, mehr als 300 von ihnen in Hamburg. Aber auch lustige Geschichten von verlorenen Dingen, die wieder auftauchten, nach Tagen vom Wasser zurück an Land geworfen. „Mein Teddy hing in einem Baum am Flugplatz“, erinnert sich Klaus Brüggerhoff. Nass war er, nach dem Trocknen aber weiter einsetzbar als Kuscheltier. Brüggerhoff hat ihn heute noch.

Wangerooger halten zusammen

Und es gibt die warmherzigen Geschichten von Menschen, die anderen Menschen halfen. Die Witwe Wilhelmi ist schon lange tot; es gibt aber noch Verwandtschaft auf der Insel, ihre Enkelinnen zum Beispiel oben im Blumenladen. Jutta Wilhelmi, 52 Jahre alt, steht dort hinter dem Tresen, von der Hilfsaktion ihrer Großmutter für die Sturmflutopfer weiß sie nichts. Ein Jahr lang sein Haus einer bedürftigen Familie zur Verfügung stellen? Die Enkelin zuckt mit den Schultern. Auf Wangerooge machte niemand großes Aufheben davon.

So erinnert sich auch Brigitte Brüggerhoff daran, die Mutter von Klaus: „Man half sich halt.“

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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