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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Warmblüter auf der Roten Liste

04.10.2012

Jade Auf den muskulösen Schultern von Tammo, Ervin und Ede liegt eine große Last. Die Hengste gehören zu den letzten Exemplaren ihrer Art. Dabei sind die Pferde die idealen Gefährten für Freizeitreiter und Fahrer, meint Kirsten Erwentraut. Auf ihrem „Carlshof“ in Jade (Kreis Wesermarsch) leben sechs der selten gewordenen Tiere. Züchter wie sie versuchen, die einst populäre Pferderasse vor dem Aussterben zu bewahren – mit Erfolg.

Erwentraut ist eines von 226 Mitgliedern im 1986 gegründeten „Zuchtverband für das Ostfriesische und Alt-Oldenburger Pferd“. „Es geht uns nicht ums große Geld“, versichert die Pferdewirtin. „Uns geht es vor allem darum, das Kulturgut und den Genpool zu erhalten.“ Die Pferde stehen auf der Roten Liste für alte und gefährdete Haustierrassen.

Derzeit sind in den Büchern des Zuchtverbandes 220 Stuten und 27 Hengste verzeichnet. Den Gesamtbestand schätzt Geschäftsführer Peter Allhoff auf rund 1100 Pferde.

Wagenpferd gezüchtet

Die schweren Warmblüter hatten ihre Hochzeit von 1890 bis 1920. Damals wurde „ein schweres und elegantes Wagenpferd“ gezüchtet, das sogenannte Karossier. „In ganz Europa waren Pferde dieser Blutlinien begehrt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Zucht der Ostfriesischen und Alt-Oldenburger zusammen, viele Tiere landeten beim Schlachter. Andere wurden mit Arabern, englischen Vollblütern oder Hannoveranern gekreuzt, um sie dem Zeitgeschmack anzupassen.

Anfang der 1980er Jahre starteten in der Region Oldenburg erste Rückzüchtungsversuche. Während es in Westdeutschland nur noch eine Handvoll Stuten gab, standen im sächsischen Moritzburg noch Hengste „mit alten Blutlinien“. Darunter war auch Lord II, der seit 1987 im Westen Deutschlands für Nachwuchs sorgte. Zudem wurden Nachfahren des einstigen Exportschlagers in Dänemark, Polen und den Niederlanden aufgetrieben.

Der Nachwuchs wird nur selten künstlich gezeugt. „Man lädt die Dame auf und fährt sie zum Hengst und lässt sie zwei, drei Wochen oder länger da“, sagt Kirsten Erwentraut.

Den Durchschnittspreis für eingefahrene, drei- bis vierjährige Pferde beziffert der Verband mit 5000 bis 6000 Euro. „Die Züchter kommen ganz gut damit zurecht.“ Die schweren Warmblüter schonten auch die Brieftasche ihrer Halter, sagt Erwentraut. Sie brauchten wenig Kraftfutter, erläutert die Züchterin, die sich auf Reitangebote für Kinder und Jugendliche spezialisiert hat.

„Umgänglichkeit ist das Hauptzuchtziel“, sagt Peter Allhoff. Die Tiere seien gelassener als andere Warmblüter und ließen sich nicht so leicht beeindrucken. „Das schöne an diesen Pferden: Sie sind wahnsinnig kooperativ und menschenfreundlich“, verrät Kirsten Erwentraut.

„Nach einiger Zeit sind sie wie Hunde, wenn sie eine Bezugsperson haben. Wo Freude, Spaß und Entspannung im Vordergrund stehen, sind sie klasse.“ Die traditionellen Zugtiere werden von immer mehr Reitern geschätzt. „Bis vor zehn Jahren waren es ausschließlich Fahrpferde“, sagt Allhoff. Die Gelassenheit macht die Tiere zunehmend interessant für Polizeireiterstaffeln.

Zu klein für die Polizei

Die Düsseldorfer Ordnungshüter beispielsweise haben einen Wallach des Zuchtverbandes. „Sie hätten gerne mehr Pferde“, sagt Allhoff stolz. Viele Ostfriesen und Alt-Oldenburger seien allerdings zu klein für den Polizeidienst.

Ganz frei von Moden sind auch die traditionsbewussten Züchter nicht. Rappen sind momentan gefragt, Schimmel haben das Nachsehen – außer vor Hochzeitskutschen.

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