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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Seefahrt: Warten an der langen Leine

06.09.2013

Wilhelmshaven Er macht seinen Job, so wie jeden Tag: Vollmatrose Florand Valencia steht in seinem orangen Overall an Deck und passt auf. Wenn es irgendwo qualmt, wird er Alarm schlagen. Wenn etwas herumliegt, wird er es wegräumen. Wenn jemand an Bord will, wird er ihn melden.

„Hello, Sir!“ Es will jemand an Bord, es ist Mike. Florand strahlt: Mike heißt eigentlich Michael Wechsler, er ist 58 Jahre alt und der Seemannsdiakon hier, und er bringt immer feine Überraschungen mit. Heute sind es Zeitungen aus Manila. Gestern waren es 20 Wassermelonen. Davor kam Mike mit Pfirsichen und Schokolade und Telefonkarten und Internet. „Wie geht’s?“, fragt Mike.

„Meine Frau hat sich gemeldet“, sagt Florand und lächelt: „Sie sagt, sie muss dringend Milch für die Zwillinge kaufen.“ Florand hat vier Kinder, seine Familie lebt auf den Philippinen in der Inselprovinz Romblon. Er hatte sich für sieben Monate von ihr verabschiedet, um auf See Geld zu verdienen. Die ersten drei Monate sind bald rum, bekommen hat er bislang nur 230 Euro.

Auch darauf passt Florand Valencia, 40 Jahre alt, an Deck der „Maersk Vancouver“ auf: Wenn jemand die fehlende Heuer bringt, wird er da sein.

Nur die Freiheit fehlt

So, jetzt bitte den Kopf einziehen, einmal durch das Schott zum Niedergang, dann sieben Stockwerke hoch zur Brücke. Da oben steht Kapitän Volodymyr Starov, geboren in Russland, wohnhaft in der Ukraine, er trägt einen weißen Overall. Starov ist 63 Jahre alt und fährt seit 40 Jahren zur See, „aber so etwas“, sagt er, „habe ich noch nicht erlebt“.

Da lässt ein Schiffseigner die Mannschaften von drei Frachtern im Stich, 41 Männer. Er stoppt alle Zahlungen, kümmert sich nicht mehr um Verpflegung und Treibstoff. Die Schiffe liegen wochenlang vor Wangerooge auf Reede, die Seeleute ernähren sich aus Konservendosen. Bis das Öl so knapp wird, dass die Stromversorgung vor dem Zusammenbruch steht und das Havariekommando eingreift.

Jetzt liegen die Schiffe sicher angeleint in Wilhelmshaven, und Mike hat dem Kapitän eine Zeitung aus Kiew mitgebracht. „Fehlt Ihnen noch etwas?“, fragt Mike den Kapitän. „Ja“, ruft der: „Bring mir meine Freiheit zurück!“ Er lacht laut. Starov ist tatsächlich noch nicht von Bord gegangen, seit er im Juli vor Wangerooge die Maschinen stoppen ließ. „Das fühlt sich schon ein bisschen wie Gefängnis an“, sagt er.

Genau genommen sind natürlich nicht Starov und seine Besatzung eingesperrt. Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt, eine Bundesbehörde, hat die „Maersk Vancouver“ und ihre Schwesterschiffe „Maersk Vigo“ und „Maersk Valletta“ arrestieren lassen, wie es in der Fachsprache heißt. „Es geht darum, eine Gegenleistung zu haben“, erklärt Björn Gäbe vom Wasser- und Schifffahrtsamt in Wilhelmshaven. Eine Gegenleistung für die Auslagen des Bundes: Der hat die Lotsen bezahlt. Die Begleitschlepper. Die Hafenliegegebühren. Das Öl. Den Diesel. Das Obst. Um wie viel Geld geht es dabei? „Das kann man noch nicht sagen“, sagt Gäbe.

Sagen kann man, dass sich die ausstehende Heuer der Besatzung inzwischen auf fast 300 000 Euro aufsummiert hat. Deshalb hat die Internationale Transportarbeiter-Gewerkschaft ITF die Schiffe ebenfalls arrestieren lassen. „Rechtlich ist die Situation in Deutschland eindeutig“, sagt Jürgen Maly aus Bremen, der Rechtsanwalt der ITF: „Wenn das Schiff verkauft wird, werden zuerst die öffentlichen Kosten und die Heuer der Matrosen beglichen. So steht das im Schiffsregister.“

Kapitän Starov sagt: „Ich bin froh, dass mir das in Deutschland passiert ist.“

Die Maschinen laufen

Was Starov und seine Mannschaft derzeit an Bord der „Maersk Vancouver“ machen, ist so etwas wie Werterhalt: Solch einen 180-Meter-Containerfrachter kann man nicht einfach abschalten; da muss der Diesel laufen, da muss gestrichen und geputzt und geschmiert werden. „Ich kann zurzeit niemandem erlauben, zu gehen“, sagt Starov, „ich brauche alle 13 Männer.“

Es ist gleich sechs, Schiffszeit. Draußen in Deutschland ist es erst fünf, aber drinnen an Bord gibt es jetzt Abendessen. Matrose Mhelven Arroyal, 26 Jahre alt, ist seit kurzem der Koch an Bord, es gibt Reis mit Shrimps. Die Philippinos essen rechts in der Messe, die Ukrainer und Russen links, das ist so üblich; man ist sich ernährungsmäßig nicht immer einig. „Uns geht es gut hier“, sagt Mhelven zu Mike.

Vorher, auf Reede, war die psychische Belastung größer. Anwalt Maly sagt: Man werde auch über Schmerzensgeld reden müssen.

Mhelven zeigt Mike seine Kabine: eine Koje, eine Bank, ein Tisch, ein kleines Bad. Ein Notebook gibt es auch, dank Mike kann der Matrose mit seiner Familie skypen. In der Messe steht ein Regal mit Filmen, VHS-Videokassetten. Die Männer kennen sie alle. Zum Beispiel den Film „U-571“; er handelt von einem manövrierunfähigen U-Boot.

„Ich habe nur einen Drei-Monats-Vertrag“, sagt Mhelven Arroyal, „der läuft jetzt aus.“ Wie es weitergeht, weiß er nicht, „wir werden sehen“, sagt er und lächelt.

Mhelven Arroyal lächelt. Florand Valencia strahlt. Volodymyr Starov lacht sogar laut. „Die Stimmung an Bord ist gut“, beteuert der Kapitän. „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass wir unser Geld bekommen werden. Die Frage ist bloß: wann?“

Manchmal gehen die Männer kurz an Land. Sie laufen dann einfach los in Richtung Stadt, so wie der ukrainische Matrose da vorn auf der Niedersachsenbrücke. Mike stoppt seinen Seemannsmissionsbulli neben ihm und fragt: „Hello, Sir, kann ich Sie ein Stück mitnehmen?“ „Oh nein“, antwortet der Matrose, „ich möchte lieber laufen“: in dieser Luft, in der kein Schiffsdiesel murmelt. Auf diesem Boden, der nicht zittert und zuckt. Gleich wird der Mann auf die Kraftfahrtstraße treten, das tun sie fast alle hier. Beim Bau des Jade-Weser-Ports hat man den Fußweg vergessen.

Es gibt Interessenten

Seemannsdiakon Michael Wechsler fährt weiter zur „Maersk Vigo“, sie liegt bei der Kaiser-Wilhelm-Brücke. Die „Maersk Valletta“ hängt weiter hinten am Dalben, das gefällt Mike gar nicht. Das leere Schiff ragt so hoch aus dem Wasser, dass sich die Männer in einem Korb abseilen müssen und mit Floß, Seil und Muskelkraft ans Ufer ziehen müssen. „Die brauchen einen besseren Platz“, findet er.

Es könnte doch sein, dass die Männer noch drei, vier, fünf Wochen in Wilhelmshaven bleiben werden, ganz genau weiß das niemand. Vielleicht müssen sie noch vor Gericht aussagen.

Susan Linderkamp, Inspektorin der Gewerkschaft ITF, sagt: „Die Männer werden ihr Geld bekommen.“ Vom marokkanischen Eigner höre man nichts mehr; sie geht davon aus, dass die Schiffe verkauft werden, „die sind in gutem Zustand“. Erste Interessenten waren bereits an Bord.

An Deck der „Maersk Vancouver“ passt Vollmatrose Florand Valencia auf. Wenn ein Käufer kommt, wird er da sein. Er will weiterarbeiten, er hat seine sieben Monate noch nicht voll. „Der neue Besitzer braucht doch auch eine Mannschaft“, sagt er. Er lächelt, jetzt wird alles gut.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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