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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Was Sie zum Beluga-Prozess in Bremen wissen müssen

21.07.2017

Bremen Der Prozess um den Niedergang der Bremer Reederei Beluga ist eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Schifffahrtsbranche. Nach über 50 Verhandlungstagen, der Vernehmung zahlreicher Zeugen von Banken, Investmentfonds und Reedereien und der Verlesung unzähliger Aktenseiten in mehreren Sprachen sind einige Anklagepunkte entscheidungsreif. Es werden Optionen ausgelotet, um das seit Januar 2016 laufende Verfahren abzukürzen. Die Karten aller Prozessbeteiligten liegen am Bremer Landgericht nun auf dem Tisch, ein Ende aber ist noch nicht in Sicht.

Was ist die Position der Wirtschaftsstrafkammer?

Die Vorsitzende Richterin legte am Donnerstag das Ergebnis einer Zwischenberatung der Kammer inklusive Vorschläge für die Strafzumessung vor. Überrascht und enttäuscht zeigte sich die Verteidigung des Hauptangeklagten und schwer erkrankten Ex-Beluga-Chefs Niels Stolberg. Er sollte nach dem Vorschlag der Kammer zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten und drei Jahren und neun Monaten verurteilt werden. Die anderen drei Angeklagten kämen mit Bewährungsstrafen davon.

Was ist die Position der Staatsanwaltschaft?

Die Kammer war mit ihrem Vorschlag nicht allzuweit von der Ansicht der Staatsanwaltschaft entfernt, die ausreichend Beweise und Anhaltspunkte für eine Gefängnisstrafe von vier bis fünf Jahren für Stolberg sieht. Die Anklagevertreter hielten sich zuletzt mit deutlicher Kritik an dem früheren Vorzeige-Unternehmer nicht zurück. Ein von „Größenwahn“ getriebener Mensch voller Geltungsdrang, der betrogen und getäuscht habe - so schätzt die Anklage Stolberg ein, dem sie über 30 Vorwürfe zu Last legt.

Was ist die Position der Verteidiger?

Stolbergs Anwälte sehen die Anklage in vielen Punkten als relativiert und in einem Punkt sogar als entkräftet an. Der Vorwurf des Betruges kann aus ihrer Sicht nicht aufrechterhalten werden. Selbst die Richterin machte im März klar, dass im Zusammenhang mit der Überlassung von Schiffsbetreibergesellschaften an einen Hamburger Reeder eine Verurteilung wegen vollendeten Betrugs nicht in Betracht komme. Für die Verteidigung ist klar, dass für Stolberg höchstens eine Bewährungsstrafe in Frage kommt. Zur Bewährung können nur Strafen von maximal zwei Jahren ausgesetzt werden. Stolberg habe sich nie persönlich bereichert und für berechtige Vorwürfe die Verantwortung übernommen. Als „völlig überzogen“ lehnte am Donnerstag deshalb Stolbergs Anwalt Bernd Groß den Vorschlag der Kammer ab.

Wie geht es Stolberg?

Den Vorschlag des Gerichtes nahm der 56-Jährige am Donnerstag, dem 52. Verhandlungstag, zunächst regungslos auf. Dass er im Moment angeschlagen ist, sieht man ihm an. Stolberg hat mehrere Operationen hinter sich. Magenkrebs und Hautkrebs lauteten die Diagnosen. 14 Kilogramm hat er abgenommen. „Er will nur noch eins: gesund werden“, so eine nahestehende Bekannte. „Schon eine Stunde Verhandlung ist für ihn Tortur.“ Stolberg lebt schon lange in Privatinsolvenz. Sein früherer Anwalt - und kürzlich ernannte Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein - Bernd Buchholz hatte im Juni gemahnt: „Seien Sie milde mit diesem Mann, für den die letzten sechseinhalb Jahre eine Strafe waren, der alles verloren hat, auch seine Gesundheit, der die Verantwortung für seine Fehler tragen muss und will.“

Worum geht es in dem Prozess?

Die Große Wirtschaftsstrafkammer unter Vorsitz von Richterin Monika Schaefer erforscht seit dem 20. Januar 2016 die Gründe, warum und wie die erfolgreiche Reederei auf Grund lief. Unter der Beluga-Flagge fuhr einst eine Flotte von rund 70 Schiffen über die Weltmeere. Das Unternehmen gehörte zur Weltspitze der Schwergutreedereien.

Doch die Schifffahrtskrise traf auch Beluga hart, wenn auch mit Verzögerung. Stolberg suchte den Ausweg im Wachstum, ließ weiter Schiffe in China bauen und holte sich dann 2010 den forschen US-Investor Oaktree als Mitgesellschafter an Bord. Doch irgendwie hatte er schon ab 2009 teilweise den Überblick und die Kontrolle über das Unternehmen verloren, wie er einmal einräumte.

Mit überhöhten Scheinrechnungen brachte er laut Anklage Banken zu einem höheren Kreditengagement für die Schiffsfinanzierungen. Oaktree legte er teils gefälschte Bilanzen vor, um dem US-Fonds den Einstieg ins Unternehmen schmackhaft zu machen, wie Stolberg selbst zugab. Auch Briefkastenfirmen in Panama wurden genutzt. Die Oaktree-Manager waren es dann auch, die Stolberg am 1. März 2011 aus der Firma drängten und ihn anschließend wegen Betruges anzeigten.

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