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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wenn der Bauer zum Bösewicht wird

06.05.2015

Im Nordwesten Ein Referat zum Thema Landwirtschaft? Ida freute sich; sie war ja das einzige Kind in der Klasse, das auf einem Bauernhof wohnte. Sie recherchierte fleißig vor Ort, machte Fotos und veranstaltete für ihre Mitschüler sogar ein kleines Quiz: „Welches Gemüse seht ihr hier?“

Die anderen Kinder zuckten mit den Schultern. Weißkohl, Rotkohl und Steckrübe erkannten sie nicht.

Die anderen Kinder hatten ja auch keinen Bauernhof zu Hause. Sie hatten Computer: Für ihre Referate luden sie Tierquäler-Videos aus dem Internet und zeigten sie in der Klasse. Mehrere Kinder kündigten an, fortan vegetarisch leben zu wollen.

Ida wohnt auf einem Bauernhof? Echt?? „Tierquäler!“, riefen die anderen Kinder. „Umweltzerstörer!“

Ida weinte, als sie nach Hause kam.

„Komm’“, schlug Idas Mutter Imke Janssen vor: „Wir laden Deine Klasse zu uns ein und zeigen ihr den Hof.“

Die anderen Kinder lehnten den Vorschlag ab. „Wir wollen nicht auf so einen doofen Bauernhof“, sagten sie.

Zu Ida sagten sie: „Du lebst in einem Dreckloch! „Deine Eltern sind dumme Bauern!“ „So was wie Dich wollen wir hier nicht haben!“ Ida weinte jetzt häufig, wenn sie von der Schule nach Hause kam.

Imke Janssen wunderte sich. „Passiert das nur uns?“, fragt die 40-jährige Ostfriesin.

Die Antwort lautet: nein.

In Immer, Gemeinde Ganderkesee, betreibt der Landwirt Onno Osterloh (36) mehrere Putenställe. Seit einem Nachbarschaftsstreit um eine Kadavertonne, über den auch die Zeitung berichtete, sieht er sich einer „Hetzjagd“ ausgesetzt. Er hat ein Dutzend Drohbriefe erhalten, seine Kinder wurden im Dorf auf offener Straße beschimpft.

In Huntlosen (Gemeinde Großenkneten) will der Landwirt Jürgen Seeger (57) einen neuen Hühnermaststall bauen. Seither gibt es viele Proteste. Unbekannte schütteten ihm faule Eier und abgetrennte Fischköpfe auf die Hofeinfahrt. In der Post fand Seeger ein Päckchen mit einem Vogelkadaver.

Wer mit Landwirten spricht, hört viele solche Geschichten. Er hört von Spaziergängern, die Treckerfahrern den Stinkefinger zeigen. Von Kindern, die nicht zur Geburtstagsfeier auf den Bauernhof dürfen. Von Antibiotika-Witzen: „Esst mehr Putenfleisch, dann braucht ihr nicht mehr zur Apotheke.“

Das Verhältnis der Deutschen zur Landwirtschaft hat sich verändert.

Allerdings hat sich auch die Landwirtschaft verändert. Ein Beispiel: Vor 25 Jahren gab es in Deutschland 302 200 Milchviehbetriebe; heute sind es nur noch 78 800. Die Zahl der Milchkühe hat sich im selben Zeitraum aber nur geringfügig verringert, sie sank von 4,8 Millionen auf 4,3 Millionen. Das bedeutet: Die durchschnittliche Herde ist heute dreimal so groß wie 1990.

„Ich wäre froh, wenn ich von 28 Kühen leben könnte!“ In Linswege, Ammerland, steht Eckhard Thye, 48 Jahre alt, in Gummistiefeln vor seinem Hof, Familienbesitz seit 1419. 28 Kühe – so viele hatte sein Vater. Sohn Eckhard hat 140 Kühe und soll darüber nachdenken, ob er die Herde nicht auf 300 aufstockt. „Jeder Berater sagt mir: Du musst weiter wachsen, wenn Du die Kosten auffangen will.“

Die Kosten. Thye nennt ein Beispiel: Ein Mercedes 200D, „der typische Bauerndiesel“, kostete damals keine 20 000 Mark. Das Nachfolgemodell kostet heute 40 000 Euro – viermal so viel.

Für seine Milch bekommt Eckhard Thye 29 Cent pro Liter. Der Milchpreis ist nicht aufs Vierfache gestiegen, im Gegenteil. 29 Cent sind umgerechnet 58 Pfennig, 1999 bekam Thye noch 80 Pfennig pro Liter. Er zuckt mit den Schultern. „Die Landwirte müssen sich damit arrangieren.“

Die Landwirte arrangierten sich, indem sie technischen und wissenschaftlichen Fortschritt nutzten. Sie spezialisierten sich, sie erhöhten die Produktionsmengen, sie reduzierten die Kosten pro produzierten Liter Milch. Wer wuchs, überlebte.

„Aber weiter wachsen will ich nicht“, sagt Eckhard Thye. „Ich bin kein Manager, ich bin Bauer. Ich will mit meinen Tieren arbeiten.“

30 Treckerminuten südlich von Linswege sitzt der Ammerländer Kreislandwirt Manfred Gerken auf seinem Hof (erste urkundliche Erwähnung 1328, 80 Kühe, „alle haben einen Namen“) und erzählt von seiner Ausbildung. Der Chefeinkäufer einer Supermarktkette hielt vor Jungbauern einen Vortrag und fragte: „Was ist Landwirtschaft?“ Die Jungbauern wollten gerade antworten, da rief der Chefeinkäufer selbst: „Das interessiert mich nicht! Mir ist es egal, wo es herkommt – Hauptsache, es ist billig!“

Gerken, inzwischen 59 Jahre alt, sagt: „Seit Jahrzehnten wird uns gepredigt, ihr müsst investieren, damit die Leute was zu essen haben. Ihr müsst viel produzieren, ihr müsst billig produzieren!“

Familie Thye in Linswege, Familie Janssen in Ostfriesland, Familie Gerken in Ohrwege, sie alle haben investiert: in größere Ställe, in modernere Melkstände, in kräftigere Maschinen. „So ein Stall kostet schnell eine Million Euro“, sagt Manfred Gerken. „Die Bauern haben sich auf 20, 30 Jahre verschuldet, im Vertrauen, das Geld zurückzahlen zu können – und jetzt sind sie plötzlich die Prügelknaben für eine Entwicklung, die von Politik und Gesellschaft gefordert wurde!“

Die Bauern fühlen sich im Stich gelassen: von Politikern, von Journalisten, von den Verbrauchern mit den „zwei Hüten“ (Gerken): „Den einen Hut tragen sie, wenn sie über Tierhaltung reden, den anderen setzen sie auf, wenn sie im Supermarkt Fleisch einkaufen.“ Weit mehr als 90 Prozent der tierischen Produkte stammen aus konventioneller Erzeugung, allein mit Bio-Produkten ließe sich die derzeitige Nachfrage nicht decken. „Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander“, klagt Gerken.

Aber kann es nicht trotzdem sein, dass sich die öffentliche Meinung gerade ändert? Und dass sich mit ihr die Landwirtschaft ändern muss?

Ein Melkhus in Spohle, Ammerland; auf dem Tisch stehen Kuchen und Käsehappen, regionale Produkte. Der Landfrauenverband Weser-Ems diskutiert mit Politikerinnen, Thema: die schwindende gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft. Agnes Witschen, 58 Jahre alt, ist die Verbandsvorsitzende; in Lingen/Ems betreibt sie mit ihrem Mann drei Hähnchenmastställe. („Heute würden wir es nicht mehr wagen, einen Bauantrag dafür zu stellen“, sagt sie. )

Witschen sagt erstens: „Wenn alle es anders wollen – wobei ich mit ,alle‘ vorsichtig wäre –, verschließen sich die Landwirte dem nicht. Aber wir brauchen Zeit. Wenn es morgen anders sein soll, dann wird es hier keine flächendeckende Landwirtschaft mehr geben, und das Essen kommt aus dem Ausland.“

Sie sagt zweitens: „Wir müssen auf einer fachlichen Grundlage diskutieren.“

Das scheint schwierig in einer Zeit, in der Schulkinder Weißkohl, Rotkohl und Steckrübe nicht mehr kennen, wohl aber Begriffe wie Antibiotikaresistenz, Nitratbelastung und Ringelschwanzprämie.

Witschens Landfrauen bieten inzwischen Seminare für Bäuerinnen an, Titel: „Wie sag’ ich’s dem Verbraucher?“

Imke Janssen, die Mutter von Ida, nahm auch teil. Sie macht mit beim „Tag des offenen Hofes“, sie schreibt lange Briefe ans Fernsehen, wenn sie sich mal wieder über einen „dummen Beitrag“ geärgert hat. Sie glaubt aber: „Uns hilft nur ein professionelles Marketing.“

Seit Jahrzehnten sterben Höfe aus wirtschaftlichen Gründen. Neuerdings sterben sie, weil die Bauern die Lust am Weitermachen verlieren.

Bei den Thyes, den Gerkens, den Janssens gibt es noch Kinder, die Lust haben, die Arbeit ihrer Eltern und Großeltern fortzusetzen. Sogar Ida möchte gern in der Landwirtschaft bleiben. Sie wird bald 16, sie ist selbstbewusst geworden. Nachmittags trifft sie sich viel mit Freunden. Die Kinder aus ihrer Klasse gehören nicht dazu.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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