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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Es hört sich an, als ob ein Düsenjäger startet“

18.05.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-05-20T13:29:35Z 280 158

Windkraftanlagen Im Nordwesten:
„Es hört sich an, als ob ein Düsenjäger startet“

Sengwarden/Edewecht Dahinten steht er, der Feind. Keine 600 Meter entfernt. Langsam drehen sich seine riesigen Flügel. Wusch... Wusch...

„Es brummt, es jault, man denkt manchmal, sie heben ab“, sagt Gerd Thomßen.

Vier Windräder ragen auf der Wiese in die Höhe, bis zu 200 Meter. Am Horizont sieht man noch mehr. Aus Weideland wird Windkraftland. Wusch...

„Ich fühle mich bedroht von dieser Riesenanlage“, sagt Sabine Thomßen.

Der Bauernhof der Thomßens in Sengwarden: seit 100 Jahren im Familienbesitz, 120 Milchkühe im Stall, großer Teich hinterm Haus, ländliche Idylle. Bis vor eineinhalb Jahren vier Stahlkolosse in die Erde gerammt wurden. Sechs Megawatt. Wusch...

„Wenn ich die Haustür aufmache, hört es sich an, als ob ein Düsenjäger startet“, sagt Nachbarin Anja Zschoppe.

Alle drei sind genervt von den Windkraftanlagen, vom Lärm, vom Schattenwurf, vom Anblick.

Frequenz nicht hörbar

Zschoppe und die Thomßens sind vielleicht sogar krank durch die Windkraftanlagen: Schlafstörungen, Übelkeit, Kopfweh. Und angestaute Wut. Tags schlägt es, nachts brummt es.

Ist der Infraschall, der von den Windrädern ausgeht, daran schuld? Also Schall, dessen Frequenz unterhalb von etwa 20 Hertz liegt, den der Mensch nicht hören kann. Der aber als Vibration und zusätzliches Druckgefühl wahrgenommen werden kann, vor allem in Räumen.

Niedrige Frequenzen haben eine hohe Reichweite

Der für den Menschen hörbare Schall liegt im Bereich von ca. 20 Hertz bis 20 000 Hertz. Schall wird durch Luftschwingungen übertragen. Hertz bedeutet Schwingungen pro Sekunde. Das Trommelfell schwingt mit und übersetzt diese Luftschwingungen in verschiedene Töne, je nach Frequenz.

Oberhalb von 20 000 Hertz beginnt der Ultraschall. Unterhalb von 20 Hertz der Infraschall, also unhörbare Luftschwingungen mit sehr tiefen Frequenzen. Niedrige Frequenzen bedeuten große Wellenlängen, damit auch eine große Reichweite.

Natürliche Infraschallquellen sind Gewitterdonner, Erdbeben, starke Windverwirbelungen, Meeresbrandung. Künstliche sind z.B. LKW-Motoren, große Klimaanlagen und Flugzeuge.

Kann dieser Infraschall tatsächlich Menschen, die in der Nähe von Windrädern leben, krank machen? Darüber streiten Wissenschaft, Wirtschaft und Politik heftig.

Nein, sagt etwa Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD). Für eine Schädigung der Gesundheit durch Infraschall gebe es keine Belege. Es handele sich um einen „alltäglichen Bestandteil der Umwelt“, meint Rundt.

Der Infraschall von Windkraftanlagen überschreite ebenso wie der von natürlichen Quellen nicht „die Schwelle der Belastung“, heißt es in einem Hintergrundpapier des Bundesverbandes Windenergie.

„Tieffrequenter Lärm führt bei einem nicht geringen Prozentsatz der Bevölkerung zu einer Belastung (geschätzt 10 bis 30 Prozent bei einem Abstand von bis zu 2000 Metern). Es gibt zahlreiche Fälle, in denen Windkraftanlagen durch ihre Schallemissionen zu gesundheitlichen Schäden geführt haben“, schreiben die Umweltgutachter Henning Müller zum Hagen und Gerhard Artinger.

Das Umweltbundesamt geht in einer Studie von negativen Auswirkungen des Infraschalls auf den menschlichen Körper ab einer gewissen Pegelhö̈he aus. Davon betroffen sein könnten „Herz-Kreislaufsystem, Konzentration und Reaktionszeit, Gleichgewichtsorgane, das Nervensystem und die auditiven Sinnesorgane“, heißt es.

Auch das Robert-Koch-Institut und die Organisation „Ärzte für Immissionsschutz“ warnen vor gesundheitlichen Gefahren durch Infraschall.

Die Windkraftkritiker vom Verein „Vernunftkraft Niedersachsen“, dem sich bereits mehr als 100 Bürgerinitiativen angeschlossen haben, fordern deshalb ein Moratorium für den Ausbau der Windenergie. In Dänemark gibt es das quasi, seit Nerze auf einer Pelztierfarm in der Nähe eines Windparks durchdrehten und sich gegenseitig totbissen.

„Nun fragt man sich, aus welchen Gründen die Politik offensichtlich nicht auf die Forderung nach einem Moratorium eingehen will und stattdessen unter Umständen die Gesundheit von Bürgern gefährdet“, kritisiert der Landeschef von Vernunftkraft, Matthias Elsner (Edewecht).

Anja Zschoppe steht etwas traurig auf ihrem Hof an der Grenze zwischen Wilhelmshaven und dem Kreis Friesland. Prächtige Scheune, viele Pferde. Die Windräder sind etwas von Bäumen verdeckt. „Wenn wir die Möglichkeit hätten, wären wir gestern weg.“

Skepsis bleibt

Anja Zschoppe und die Thomßens haben längst auch eine Bürgerinitiative gegründet, wehren sich gegen den „Forschungswindpark Anzetel-Wehlens“, wie die vier Windräder offiziell heißen. „Bis heute war nicht ein Student da“, spottet Zschoppe.

Etwa 30 Anwohner machen bei der Bürgerinitiative mit, also fast alle. Erste Erfolge: Die Anlagen laufen ab 22 Uhr nicht mehr auf vollen Touren, die Lärmbelästigung wird offiziell untersucht. Doch die Skepsis gegenüber Betreiber und Behörden bleibt.

Denn Emissionen von Windkraftanlagen werden nach der „Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm“ (TA Lärm) gemessen. Nach dieser Vorschrift findet die Messung stets nur im Freien statt. Und die ganz tiefen Frequenzen werden dabei gar nicht erfasst. Die weiterführende Deutsche Industrienorm (DIN 45680) hat nur empfehlenden Charakter.

Akustiker gehen davon aus, dass sich durch immer größere Windkraftanlagen auch Abstrahlung und Ausbreitung von Infraschall stark verändern. Was die Argumentation der Windbranche mit geltenden Grenzwerten noch wackeliger werden lässt.

Sabine Thomßen geht in der Küche des Bauernhauses auf und ab, wirkt aufgebracht. „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Windpark so ins Leben eingreift.“ Nachts könne man die Fenster nicht mehr öffnen, der Schlaf sei schlecht, man sei nur noch müde und antriebslos, erzählt das Ehepaar.

„Du steigerst dich da rein. Du wirst älter.“ Gerd Thomßen kann diese Sätze nicht mehr hören. „Ich will ja nur verstanden werden. Wir sind keine Spinner“, sagt er.

Seine zwölfjährige Nichte Kira kommt ins Zimmer und sagt, dass sie nachts nicht mehr schlafen kann.

Die Thomßens haben schon Tausende Euro in den Kampf um Nachtruhe gesteckt, für neue Fenster, den Anwalt, Gebühren. Die Untermieter wollen ausziehen. „Bei uns ist das existenzgefährdend“, sagt Sabine Thomßen.

„Schallopfer“ gibt es überall im Nordwesten. Berit hat ihre Geschichte im Internet aufgeschrieben. Aus Oldenburg in die Nähe von Brake gezogen. Ruhiges Landleben, bis die Windkraftanlagen gebaut wurden, in 600 bis 1000 Meter Entfernung. Jetzt leide sie an Tinnitus, Dauerkopfschmerzen, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Herzrasen.

„Meine Lebensgefährtin war sehr sportlich, jetzt macht sie nichts mehr, ist nur noch kaputt“, erzählt Herr O., Unternehmer aus dem ostfriesischen Esens, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Herr O. spricht von „Körperverletzung“.

Klage eingereicht

In Ostfriesland, wo man die Bäume vor Windkraftanlagen kaum noch sieht, eskaliert die Sache längst. In Großheide stürmt eine Bürgerinitiative das Rathaus und fordert „Lärmasyl“. In Holtriem demonstrieren Dutzende Kritiker vor einer Ratssitzung. In Stedesdorf verhindern die Bürger per Abstimmung eine Ausweitung des Windparks. Viele Anwohner ziehen weg.

Die bundesweiten Bürgerinitiativen haben eine „Verfassungsbeschwerde Infraschall“ beim Bundesverfassungsgericht eingereicht – wegen Verletzung des Grundgesetz-Artikels 2, Absatz 2, des Rechts auf körperliche Unversehrtheit. Sie fordern eine Nachtabschaltung der Windräder plus 3000 Meter Mindestabstand zur Wohnbebauung.

Sollte die Klage erfolgreich sein, könnten vielleicht auch die Thomßens, Zschoppes und andere Betroffene nachts wieder erholsam schlafen.