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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Die Linke: Wenn die Ex-Frau Zahnweh bekommt

14.09.2013
NWZonline.de NWZonline 2015-07-22T13:10:03Z 280 158

Die Linke:
Wenn die Ex-Frau Zahnweh bekommt

Wilhelmshaven Zahnschmerzen also, da kann man nichts machen. „Sahra hatte schon immer Probleme mit ihren Weisheitszähnen“, sagt Ralph Niemeyer, ihr Ex-Mann. Er habe sie damals ja alle sechs Monate zum Zahnarzt geschickt, aber jetzt sei dafür der Oskar zuständig, „und wenn der sich nicht kümmert . . .“ Niemeyer lächelt, den Witz hat er heute schon ein paar Mal erzählt.

Sein Smartphone meldet sich, eine E-Mail. „Von Sahra“, sagt er und liest vor: „Es tut mir so leid. Ich wollte Ernie nicht hängen lassen.“ Sie nennt ihn immer Ernie.

16 Jahre verheiratet

Ralph Niemeyer, 43 Jahre alt, und Sahra Wagenknecht, 44 Jahre alt, waren einmal ein Paar. 1997 heirateten sie, seit März 2013 sind sie geschieden, Wagenknecht lebt heute mit dem Linken-Politiker Oskar Lafontaine zusammen. Sie ist das prominenteste Gesicht der Linken-Bundestagsfraktion, Wiederwahl garantiert. Niemeyer ist der aussichtslose Kandidat des Bundestagswahlkreises 26, Friesland-Wilhelmshaven-Wittmund.

Prominent ist Niemeyer allerdings inzwischen auch. Die Zeitungen haben groß über ihn berichtet: dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Dass er wegen Betrugs im Gefängnis gesessen hat. Dass er Unterhaltsverpflichtungen gegenüber unehelichen Kindern nicht nachkomme. Dass er sich dank linker Vetternwirtschaft bereichert habe.

„Ich habe Sahra am Montag vorgeschlagen, den Termin hier abzusagen“, sagt Niemeyer. „Sie meinte: Nein, jetzt erst Recht!“ In der Nacht zu Freitag kamen dann die Zahnschmerzen. Wagenknecht sagte Auftritte in Leer, Osnabrück und Wilhelmshaven ab.

Da sollte die Bühne stehen für Sahra. Es sollte Mikrofone geben und Lautsprecher, ein Musiker sollte irische Lieder spielen, aber jetzt hängt da nur noch ein Plakat von Sahra Wagenknecht, „Entfällt“ hat Ralph Niemeyer mit schwarzem Stift draufgeschrieben. Die anderen Plakate hat Ruth Laube (57) vom Linken-Kreisverband noch in der Nacht eingesammelt, gleich nach der Absage. Genossin Silvia Sedelmayr (54) bestellte derweil Bühne und Technik und Musiker ab. „Wir sind echt zerknirscht“, sagt Sedelmayr.

Ralph Niemeyer ist nicht zerknirscht. Er lächelt.

Er steht da auf der Rambla, der Promenade neben der Nordseepassage, helle Jeans, Streifenhemd, in der Hand hält er eine Sonnenbrille. Er setzt sie nicht auf, er will sich nicht verstecken. Und natürlich fragen ihn die Leute: Was sagen Sie zu den Vorwürfen?

Niemeyer antwortet: „Da heißt es, die Staatsanwaltschaft ermittelt – ja, sie prüft einen Anfangsverdacht.“ Er soll in einer Familiensache eine falsche Versicherung an Eides statt abgegeben habe. „Ich habe mich inzwischen informieren können, dass sich in den Akten gar keine eidesstattliche Versicherung befindet. Ich habe nie eine abgegeben, also auch keine falsche. Ich gehe davon aus, dass der Staatsanwalt das genauso bewerten wird.“

Die Gefängnisstrafe? „Ich habe damals als Redakteur in der Finanzbranche ermittelt. Ich habe mich zum Schein auf Geschäfte eingelassen, dafür habe ich mein Fett wegbekommen.“ Er lächelt: „Ja, ich habe Fehler gemacht.“

Die Unterhaltszahlungen? „In einem Verfahren gab es keine Anklage, in einem anderen wurde ich freigesprochen.“

Niemeyer lächelt. „Ich habe Brüche in der Biografie. Aber ich bin damit immer offen umgegangen.“ Manche Vorwürfe seien übrigens schon 20 Jahre alt.

Und die Vetternwirtschaft? Haben ihm die Linken lukrative Aufträge als Filmemacher zugeschoben? „Ich bin einer unglaublichen Medienkampagne ausgesetzt“, sagt Niemeyer. „Damit soll nicht ich getroffen werden, damit sollen meine Partei und Sahra Wagenknecht getroffen werden.“

Die „Welt am Sonntag“ hatte herausgefunden, dass viele Vorwürfe gegen Niemeyer die Zeit betreffen, in der er mit Wagenknecht verheiratet war.

Ralph Niemeyer stammt aus Berlin. Er zog nach Bonn, wurde Print- und Filmjournalist, arbeitete in Paris, Brüssel, Irland. 2011 trat er bei den Linken ein. Er wollte in den Bundestag, im Wahlkreis 26 brauchte man noch einen Kandidaten. Im Mai 2013 zog Niemeyer nach Fedderwardergroden.

Keine Chance

Alle sagen, er hat keine Chance, in den Bundestag zu kommen. Nicht wegen der Vorwürfe. Sondern weil er auf der Landesliste ganz hinten steht.

„Ich sehe meine Chancen als sehr gut an, über die Landesliste einzuziehen, wenn wir über 20 Prozent der Stimmen gewinnen. Die müssen wir der SPD klauen.“ Niemeyer lächelt.

Auf der Rambla stehen die üblichen Linken-Plakate. „Teilen macht Spaß: Millionärs-Steuer!“ „Statt Flaschen sammeln: 1050 Euro Mindestrente.“ Es gibt rote Feuerzeuge, rote Brillenputztücher, rote Kondome.

Eine Frau im Rollstuhl hält an, „sind Sie von den Linken?“, fragt sie. „Ich bin der Kandidat“, erklärt Niemeyer. „Man soll sich nie hängen lassen“, sagt die Frau.

Ein Ehepaar will über Politik reden. Mindestlohn. Gleichberechtigung. Koalitionen. „Ich denke, es läuft auf eine große Koalition hinaus“, sagt der Ehemann. „Dann wählen wir in zwei Jahren neu“, sagt Niemeyer. „Und ich kandidiere wieder.“

15 Uhr. Lass’ uns abbauen, schlägt Niemeyer vor. Silvia Sedelmayr sagt, das war der teuerste Info-Stand der Wilhelmshavener Linken aller Zeiten. Die Bühne, die Technik, die Musik, „wir werden da wohl was bezahlen müssen“. Sahra Wagenknecht schreibt per E-Mail an Ernie: „Ich mach’ es wieder gut.“ Bis zur Wahl am 22. September wird sie das nicht mehr schaffen. Auch der Staatsanwalt wird Niemeyers Fall bis dahin nicht bewertet haben.

Ein Mann radelt vorbei, er ruft: „Alles Gute!“

Ralph Niemeyer lächelt. „Sehen Sie? Ich glaube, ich kann im Moment von einem Mitleidsbonus profitieren.“