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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Landwirtschaft In Der Region: Auch auf Bauernhöfen droht Sozialdumping

09.09.2014

Nuttel /Oldenburg Milchbauer ist ein Beruf, der nie aufhört, nachts nicht und am Wochenende nicht und nicht einmal dann, wenn die eigenen Eltern goldene Hochzeit feiern: 50 Jahre Elsbeth und Gerd, die Nachbarn sind da und alle Verwandten, Sohn Holger trägt den besten Anzug, da klingelt das Telefon, das Kalb kommt. „Nützt nichts, da musst du sofort nach Hause“, sagt Holger Wemken, 52 Jahre alt, Landwirtschaftsmeister. Also raus aus dem Anzug, rein in den Stall, Kalb auf die Welt holen, duschen, zurück in den Anzug, weiterfeiern. „So ist das“, Wemken zuckt mit den Schultern: „365 Tage im Jahr stehen die Tiere an erster Stelle.“

Hohe Investitionen

Der Wemkenhof liegt in Nuttel (Landkreis Ammerland), nach der Hauptstraße zweimal rechts und einmal links; Familienbetrieb, dritte Generation. „Familie Wemken“ steht auf dem Schild in der Hofeinfahrt, dahinter sieht es aus, wie man sich so einem Familienbauernhof so vorstellt: gepflegter Garten, viel Grün, viel Blüte, Abendsonne. In der guten Stube tischt Elke Wemken, 48, Sprudelwasser auf.

An der Wand hängt ein Bild, Acrylfarbe: grünes Gras, Kühe, Sonnenstrahlen, die durch Blattgrün schimmern. Vor dem Bild lobt Holger Wemken seinen Beruf: „Man ist immer draußen, in der Natur, das ist etwas Herrliches. Und man ist bei seiner Familie: Es ist immer jemand da, man hat immer einen Gesprächspartner.“

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Gleich neben dem „Familie Wemken“-Schild in der Hofeinfahrt steht eine goldene Kuh, Lebensgröße: die Auszeichnung für den besten Milchviehbetrieb Niedersachsens. Ein Jahr lang schmückt die „Goldene Olga“ den Wemkenhof, Holger Wemken zeigt stolz die Siegerurkunde, persönlich überreicht vom Landwirtschaftsminister für herausragende Leistung: in Betriebsführung. Hygienischen Standards. Ökonomischem Erfolg. Tierschutz. Umweltschutz. Und man versteht: „Familie Wemken“ bedeutet auch „Firma Wemken“.

Die Firma Wemken hat 95 Milchkühe. 70 Bullen. 41 Hektar Ackerland. 58 Hektar Grünland. Der Chef steht um 6.15 Uhr auf, jeden Morgen. Melken. Tierbeobachtung. Füttern. Stallarbeit. Feldarbeit. „Allein“, sagt Holger Wemken, „ist so etwas nicht zu wuppen.“

Der durchschnittliche Unternehmensgewinn eines Milchviehbetriebs liegt in Niedersachsen bei 62700 Euro im Jahr. Erwirtschaften muss ihn ein Betrieb auf einem der „kapitalintensivsten Arbeitsmärkte überhaupt“, erklärt Dr. Albert Hortmann-Scholten, 54 Jahre alt, Diplom-Agraringenieur, Leiter des Fachbereichs Betriebswirtschaft bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg. Auch die Firma Wemken hat jüngst in einen neuen Kuhstall investieren müssen: 500 000 Euro. Erwirtschaften muss der Betrieb seinen Gewinn zudem auf einem Markt, der zahlreichen schwankenden Faktoren ausgesetzt ist: Milchpreis. Futterpreis. Ernteertrag.

Agraringenieur Hortmann-Scholten hat viele Diagramme und Statistiken griffbereit. Da steht zum Beispiel, dass der Arbeitsaufwand mit der Herdengröße sinkt. Wer 20 Kühe hält, muss 120 Stunden pro Kuh und Jahr aufwenden. Bei 100 Kühen ist er bei etwa 50 Stunden. Bei 300 Kühen sind es unter 40 Stunden. Nur mit Wachstumsschritten halten sich die Betriebe deshalb auf dem immer schwieriger werdenden Markt konkurrenzfähig, so Hortmann-Scholten. So kommt es, dass die Zahl der Rinder in den vergangenen 25 Jahren in Niedersachsen um ein Fünftel von 3,22 Millionen auf 2,56 Millionen gesunken ist – die der Rinderhalter aber zeitgleich sogar um fast zwei Drittel von 61 600 auf 22 900. „Jeden Tag geben zehn bis elf Milchviehbetriebe auf“, sagt Hortmann-Scholten.

Alle helfen mit

Wie arbeitet da eine Familienfirma wie der Wemkenhof? Da ist Vater Holger, der Landwirtschaftsmeister: volle Arbeitskraft. Da ist Großvater Gerd, 82 Jahre alt, der jeden Morgen das Futter in den Stall schiebt: eine Drittel Arbeitskraft. Da ist Mutter Elke, gerade war sie wieder jeden Abend bei der Getreideernte: halbe Arbeitskraft. Da war Sohn Theis, 18 Jahre alt: halbe Arbeitskraft. Nicht eingerechnet: Sohn Jannis, 23, Student, und Tochter Friederike, 21, Verwaltungsfachangestellte, die natürlich auch mithelfen, wenn sie Zeit haben. Wie würde sich so ein Unternehmensgewinn wohl darstellen, wenn all diese Arbeitskräfte Tariflohn bezögen?

Na, wie wohl, sagt Arendt Meyer zu Wehdel, 62 Jahre alt, Landwirt aus Badbergen, Präsident der Landwirtschaftskammer. Er warnt eindringlich vor „Sozialdumping“ in der Landwirtschaft: „Wir brauchen Betriebsgrößen, mit denen man sozial stabil arbeiten kann.“ Ohne diese erforderliche Grundgröße, ohne Spezialisierung sei Landwirtschaft heute ökonomisch nicht mehr darstellbar, sagt Meyer zu Wehdel mit Blick auf gesellschaftliche und politische Forderungen, wieder zu kleineren Einheiten zurückzukehren. „Auf der einen Seite sprechen wir vom Mindestlohn, und auf der anderen Seite wollen wir Sozialdumping in der Landwirtschaft zum System erklären?“ Nein, sagt der Kammerpräsident: Er erwarte für Landwirte eine angemessene Entlohnung – „und die Teilhabe an den sozialen Selbstverständlichkeiten unserer urbanen Gesellschaft“. Freie Wochenenden, Goldene-Hochzeits-Feiern, Urlaub.

Landwirt Wemken ist da bescheiden: „Eine Woche Urlaub reicht mir, ich muss nicht lange wegfahren. Das schaffen wir auch.“

Aber auch er hat jüngst wieder einen Wachstumsschritt hinter sich. Der neue Stall, Erweiterung des Milchviehbestandes von 60 auf 95 Kühe. Er musste eine Arbeitskraft einstellen, Dreiviertelstelle: Sohn Theis hat nämlich eine Landwirtschaftslehre begonnen, er wohnt jetzt auf dem Lehrhof. „Da muss jetzt auch was kommen“, sagt Wemken mit Blick auf Lohnkosten und Kreditraten. Nach der Lehre wird Theis wohl auf den elterlichen Hof zurückkehren. Irgendwann muss die Wemkenfirma dann vielleicht eine dritte Familie auf dem Hof ernähren.

Fehlende Akzeptanz

Wenn Holger Wemken einen Wunsch frei hätte, wie würde der lauten? Höheres Einkommen? Die 35-Stunden-Woche? Mindestlohn für Familienangehörige? Der Landwirt lacht. „Nein“, sagt er dann, wieder ernst: „Ich mag es, Bauer zu sein. Aber was ich vermisse, ist die Akzeptanz der Landwirtschaft bei den Bürgern. Wir sind der zweitgrößte Wirtschaftszweig in Niedersachsen, wir sind moderne Betriebe – aber zu viele Menschen denken, Landwirtschaft funktioniert noch so wie in den Bilderbüchern.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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