• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Kontakt
  • Werben
NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wenn die zweite Chance kommt

24.12.2013

Bokel Tomas Hauschild sitzt in Oldenburg im Schatten der Lamberti-Kirche an seinem Schreibtisch, hat den Computer im Blick, arbeitet konzentriert. Das hat er sich so nie vorstellen können.

Jedenfalls nicht bis zum 1. Juni 2010. Dieser Tag hat sein und das Leben seiner Familie total auf den Kopf gestellt, radikal verändert. Alles auf Anfang.

Der Sprengmeister des Kampfmittelräumdienstes wird mit seinen Kollegen zur Entschärfung eines Blindgängers nach Göttingen gerufen. Routine ist das nie.

Noch bevor die Männer an die Entschärfung gehen können, detoniert der Blindgänger: 21.36 Uhr. Drei Kollegen von Tomas Hauschild sind sofort tot, er selbst war etwas weiter weg. „Da war ein Blitz, eine unvorstellbare Hitze.“ Der Sprengmeister wird nicht bewusstlos. Er spürt ein Dröhnen im Kopf, hört nichts mehr, wird von über 100 Splittern am Körper getroffen, hat starke Verbrennungen im Gesicht und auf dem Rücken. Aber bis zur ersten Notoperation ist der zweifache Familienvater bei vollem Bewusstsein.

Künstliches Koma

Er hat überlebt. Aber wie zurück ins Leben?

Rückblick: Er wird für einige Tage ins künstliche Koma versetzt. „Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Eine Bombe mit Langzeitzünder. Tage später erwacht er aus dem Koma. Zusammengerechnet liegt Tomas Hauschild danach mehr als ein Jahr in Krankenhäusern in Göttingen, Oldenburg und Hamburg. Er erhält unter anderem zwei künstliche Trommelfelle.

Er musste wieder laufen lernen. Und wollte endlich wieder selbst aufs Klo gehen. Er baute sich auf, Schritt für Schritt. Aber allein ging das natürlich nicht.

Und da kommt noch etwas anderes hinzu: Der Ammerländer leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wie Soldaten, die aus dem Kampf in Afghanistan zurückkehren. Hauschild macht bestimmte Therapien gegen diese Belastungsstörung, treibt viel Sport.

Aber: Was macht man mit so einem Mann? Wie geht es beruflich weiter? Er wird in der Waffenwerkstatt der Polizei eingesetzt. Ein Job mit Verantwortung, keine Frage. Nur, für ihn ist es nicht das Richtige.

Erfahrungen einbringen

Im August dann die Wende, nachdem sein Fall bekannt wurde. Es bietet sich die zweite Chance: Tomas Hauschild wurde ein neuer Arbeitsplatz angeboten, er hat ihn gern angenommen.

„Ich bin wieder im Bereich des Kampfmittelbeseitigungsdienstes eingesetzt. Dabei kann ich meine langjährigen Erkenntnisse verwenden. Allerdings bin ich nicht im operativen Geschäft. Ich bin ein technischer Angestellter, ein Bindeglied zwischen Behörden und Kampfmittelbeseitigungsdienst.“ Dabei geht es um Fragen der Sicherheitstechnik, auch als Unterstützung der Sicherheitsfachkraft, aber auch für Gefahrgut. Dazu wird er noch diverse Lehrgänge besuchen.

Das Büro an der Oldenburger Lambertikirche ist eine Dienststelle des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes Niedersachsen. Dieser ist ausgegliedert worden von der Polizei zum Landesamt für Geoinformationen, Landentwicklung Niedersachsen (LGLN). „Ich bin hier sehr gut und freundlich aufgenommen worden.“

Und diese Aufgabe ist ganz anders als die, die Tomas Hauschild auf dem Weg zurück ins Berufsleben anfangs bekam „Da kann ich mein Wissen, meine Erfahrung einbringen.“

So hat er ein Anforderungsprofil beschrieben für neue Sonder-Lastkraftwagen für Gefahrguttransporte. „Solche Fahrzeuge habe ich jahrelang selbst gefahren und weiß, worauf man dabei achten muss.“ Er ist an seiner alten „Materie“ dran, zwar nicht aktiv, aber mit all seinen Erfahrungen.

Die Arbeitssituation ist viel besser geworden. Bei ihm ist wieder ein Zufriedenheitsgrad eingetreten, er hat eine eigenverantwortliche Tätigkeit. Der 49-Jährige war in der Waffenwerkstatt der Polizei tätig. Das ist was anderes. Jetzt hat er wieder eine Aufgabe, die mit seinem ursprünglichen Beruf zu tun hat.

Ein Kapitel erledigt

Das macht ihn zufriedener. Denn er will diesen Posten mit Leben füllen und ihm seinen eigenen Stempel aufdrücken. „Ich sehe das als Chance an.“ Er wird sie ergreifen.

Er ist nach wie vor in Behandlung, auf Medikamente angewiesen, es gibt immer wieder Tage, an denen er nicht einschlafen kann. „Es wird weniger. Ich konnte zumindest ein Kapitel meines Buches zuschlagen.“