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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Telefonseelsorge Im Nordwesten: Raus aus der verdammten Einsamkeit

12.03.2016

Oldenburg /Wilhelmshaven Es ist Sonnabend, kurz vor elf Uhr abends. Klaus F. (Name geändert) schließt in einer kleinen Wilhelmshavener Nebenstraße ein unscheinbares Büro auf, von dem selbst die Menschen in der Nachbarschaft nicht wissen, was dort erledigt wird. Der 55-jährige kaufmännische Angestellte in einem mittelständischen Betrieb kommt zum Dienst. Vor ihm liegt eine lange Nacht. Bis zum Sonntagmorgen um sieben Uhr dauert die Schicht, die jetzt beginnt.

Die nächtliche Arbeit besteht aber nicht aus der Bearbeitung von Aufträgen und Rechnungen oder der Kundenbetreuung. Die vor ihm liegenden Aufgaben sind Teil des Doppellebens, das Klaus F. führt.

Zum einen besteht das Leben des Familienvaters aus Büroarbeit mit vielen Kontakten zu Kunden und Kollegen sowie einem fröhlichen Feierabendleben mit Familie, Freunden und Nachbarn. Zum anderen taucht Klaus F. mehrfach jeden Monat ab in einen verborgenen Teil seines Lebens, von dem nur wenige Menschen etwas wissen, beispielsweise die engsten Familienmitglieder.

Klaus F. sitzt dann für mehrere Stunden abends – oder auch mal eine ganze Nacht – am Telefon und steht Menschen in Not bei, die – aus welchen Gründen auch immer – Rat, Hilfe oder Beistand unter der Nummer der Telefonseelsorge suchen.

Jetzt um elf richtet er sich an seinem Schreibtisch ein, hat mit seiner Kollegin, die vor ihm drei Stunden am Telefon war, ein paar Sätze gewechselt, sich am Computer angemeldet, eine Flasche Mineralwasser und ein paar Schoko-Kekse als „Nervennahrung“ bereitgestellt, das Headset mit Ohrhörern und Mikro aufgesetzt und meldet sich bei dem zentralen Rechner-Netzwerk an, das die einkommenden Anrufe bundesweit steuert.

Neue Ausbildungskurse in Oldenburg und Wilhelmshaven

Eine intensive Schulung steht am Anfang der Arbeit in der Telefonseelsorge. Mehr als ein Jahr dauert die Ausbildung, die jede Telefonseelsorgerin und jeder Telefonseelsorger zunächst absolviert, bevor es in den aktiven Telefondienst geht.

Neue Ausbildungskurse beginnen in diesem Jahr sowohl in Oldenburg als auch in Wilhelmshaven. In beiden Telefonseelsorgestellen werden bis zu den Sommerferien die vorbereitenden Gespräche mit den interessierten Menschen geführt.

Die Teilnehmer treffen sich wöchentlich zu zwei Ausbildungsstunden, in denen unterschiedlichste Themen bearbeitet werden. Mehrere Wochenend-Kurse gehören ebenfalls dazu.

Gesucht werden Menschen, die bereit und in der Lage sind, sich sowohl zeitlich als auch psychisch in hohem Maße zu engagieren. Formale Vorbedingungen gibt es nicht. Wichtig ist eine gewisse Fähigkeit zur Selbstreflexion und Interesse daran zu haben, Neues über sich und Gesprächsführung zu lernen.

Interessenten können sich in Oldenburg unter der Telefonnummer 0441/5008396 oder per E-Mail (info@telefonseelsorge-oldenburg.de) melden. Die Wilhelmshavener Telefonseelsorgestelle ist unter  04421/69356 und per E-Mail (telefonseelsorge.wilhelmshaven @evlka.de) zu erreichen.

Rat und Hilfe gibt es gebührenfrei unter Telefon  0800 111 0 111 und Telefon  0800 111 0 222

    www.telefonseelsorge.de

Wenige Sekunden später der erste Anruf. „Telefonseelsorge. Guten Abend.“ Auf der anderen Seite der Leitung bleibt es zunächst still. Dann berichtet der Anrufer, dass er erschöpft sei. Er arbeite ehrenamtlich in einer Gruppe, die Flüchtlingen hilft – und das habe ihn an den Rand seiner Möglichkeiten gebracht. Das habe auch damit zu tun, dass die ehrenamtliche Arbeit nach seiner Meinung besser organisiert werden könne.

Das Gespräch geht eine Weile hin und her – und auf einmal wird deutlich, dass es da noch ein ganz anderes Problem gibt, viel tiefer gehend und erheblich belastender. Der Anrufer leidet massiv unter traumatischen Erlebnissen, die er als „privater Sicherheitsmann“ bei mehreren Auslandseinsätzen in unterschiedlichen Krisengebieten der Welt gemacht hat.

Wegen seiner schlimmen Erlebnisse ist er seit einiger Zeit in psychiatrischer Betreuung und eigentlich auf einem guten Weg – aber manchmal kommt eben nachts die Erinnerung. Angstzustände und Gewissensbisse lassen ihn dann nicht schlafen.

Dann kann der Anruf bei der Telefonseelsorge helfen. Natürlich werden dort die Probleme nicht gelöst, aber die „verdammte Einsamkeit“ kann so überwunden werden. Es tut einfach gut, eine Weile gemeinsam am Telefon zu verbringen – und zwar in absoluter Anonymität. Niemand in seinem Umfeld wird jemals von den Sorgen und Nöten des Anrufers erfahren. Seelsorger und Anrufer kennen sich nicht, werden sich nie begegnen, wissen nur das von einander, das sie sich im anonymen Gespräch anvertrauen. Eine Grundlage, auf der viel möglich ist.

Vor zehn Jahren hat es für Klaus F. mit der Telefonseelsorge angefangen. Nachdem er in der Zeitung gelesen hatte, dass Nachwuchskräfte für diesen Seelsorgebereich gesucht würden, meldete er sich, weil er gern etwas von seiner Lebenserfahrung abgeben wollte.

Die Überraschung kam dann während der Ausbildung. Der lebenserfahrene Kaufmann und Familienvater lernte plötzlich für ihn völlig neue Dinge. Heute sagt er: „Ich habe geglaubt, ich würde etwas geben. Tatsächlich habe ich selber mächtig profitiert.“ Und zwar nicht nur von der Ausbildung, sondern auch von der regelmäßigen Arbeit als Telefonseelsorger.

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In der Nacht folgen noch eine ganze Reihe von Telefongesprächen. Krach in der Familie, Ärger im Beruf, die wirtschaftliche Lage, Sorgen um die Gesundheit, um die Kinder oder auch Eltern – es gibt unzählige Gründe, die Nummer der Telefonseelsorge zu wählen. Und immer wieder ist es die Einsamkeit, die Menschen zum Telefon greifen lässt.

Während die Telefonseelsorgestelle in Wilhelmshaven seit fünf Jahren von der Diplom-Theologin und Psychologin Christhild Roberz geleitet wird, gibt es in Oldenburg seit einem knappen halben Jahr eine neue Leitung. Pfarrerin Elke Andrae und Pfarrer Jürgen Walter teilen sich die Stelle, ebenso wie die Arbeit an der Oldenburger Christuskirche. In beiden Städten gibt es auch Fördervereine zur Unterstützung der Arbeit, die ansonsten von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam getragen und grundfinanziert wird.

Jürgen Westerhoff Redakteur / Regionalredaktion
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