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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Westerstede: Leben mit Schmerz und ohne Geld

09.06.2012

WESTERSTEDE Als am Morgen der Winter aus dem Garten kroch und eine sehr helle Sonne über die Hecke lugte, dachte sie kurz: Vielleicht wird heute ja ein besserer Tag.

Aber dann wurde es draußen wärmer und wärmer, viel zu schnell ging das alles für sie, und der Tag wurde so wie die anderen auch: Der Schmerz riss an ihren Muskeln, an den Gelenken, an ihren Organen, erschöpft steht Elke Ries nachmittags in der Wohnzimmertür.

Ich koch’ uns mal Kaffee, sagt sie matt vor und geht in die Küche; sie bleibt sehr lange weg.

Krank ohne Befund

Elke Ries, 55 Jahre alt, musste nach der Scheidung von ihrem ersten Mann drei Kinder allein aufziehen. Werktags arbeitete sie im Einkaufszentrum, am Wochenende ging sie kellnern, „ich habe immer gearbeitet“. Aber dann kamen die Schmerzen: Der Rücken tat ihr weh, der Nacken, der Bauch, sie fühlte sich so müde. Sie ging zum Arzt, der fand nichts.

Sie bekam eine Blasenentzündung. Verdauungsprobleme. Bluthochdruck. Sie nieste ständig, ihr Kopf schmerzte, „ich war nur noch krank“. Sie ging zu anderen Ärzten, zum Gastroenterologen, zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, zum Neurologen, die fanden auch nichts. „Ich dachte, ich werde bekloppt“, sagt Elke Ries: „Alles tut mir weh – und keiner weiß, warum!“

Bis eines Tages im Jahr 2001 jemand die Diagnose stellte: Fibromyalgie.

Endlich wusste Elke Ries, was sie hat. Sie wusste aber nicht, dass der Ärger jetzt erst richtig losgehen würde.

Im Wohnzimmer des Ehepaars Ries in Westerstede sitzt Erich Ries, 56 Jahre alt, unter den Bildern, die seine Frau an besseren Tagen gemalt hat. „Ich hole mal die Unterlagen“, sagt er und geht nach oben. Mit acht Aktenordnern kommt er wieder, „Elke“ steht auf den Deckeln.

Fibromyalgie heißt übersetzt so viel wie „Faser-Muskel-Schmerz“. Die Deutsche Fibromyalgie-Vereinigung in Seckach, Baden-Württemberg, schätzt, dass es in Deutschland bis zu 3,5 Millionen Menschen gibt, die unter dem Fibromyalgiesyndrom leiden, kurz: FMS.

In seinem Chefarztzimmer im Evangelischen Krankenhaus an der Oldenburger Marienstraße sagt Dr. Michael Schwarz-Eywill: „Es gibt sicher eine hohe Dunkelziffer.“

Schwarz-Eywill ist Internist und Rheumatologe, er sagt: „Ein trainierter Arzt kann die Krankheit mit hoher Trefferquote diagnostizieren.“ Das Problem sei bloß, dass oft Jahre vergingen, bis es zur Diagnose komme, „das Krankheitsbild ist ziemlich diffus“.

Da sind die Rückenschmerzen, mit denen die Krankheit beginnt. Dann kommen als Symptome hinzu: Antriebslosigkeit, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Reizdarm. „Sie finden da die ganze medizinische Palette“, sagt Schwarz-Eywill, „aber keinen objektivierbaren Befund: Die Laborwerte der Patienten sind normal.“

Rente abgelehnt

Erst vor gut 20 Jahren fanden Wissenschaftler heraus, dass Fibromyalgie-Patienten Charakteristika aufwiesen, die andere chronische Schmerzpatienten nicht zeigten. Sie entwickelten einen Diagnoseschlüssel.

Und so erfuhren viele Kranke, worunter sie litten. „Schon die Diagnose hilft den Patienten“, weiß Schwarz-Eywill: „Endlich kommen sie raus aus der Ecke ,eingebildete Krankheit’.“

Dort stand auch Elke Ries lange. Ihre Schmerzen waren doch da, ständig fühlte sie sich wie erschlagen; sie schaffte es ja nicht einmal mehr, ein Bild zu Ende zu malen. Jetzt konnte sie allen sagen, warum.

Weil sie keine Arbeit länger als ein oder zwei Stunden durchhielt, stellte sie im Jahr 2003 einen Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung. Die Deutsche Rentenversicherung lehnte den Antrag ab.

Elke Ries legte Widerspruch ein, der Widerspruch wurde zurückgewiesen. Sie zog vor Gericht, ging durch alle Instanzen, sie verlor.

Erich Ries klopft böse auf die acht Aktenordner: „Die wollen das nicht, die wollen diese Krankheit nicht anerkennen!“ Im Internet kursieren Gerüchte, dass 90 Prozent aller Rentenanträge von Fibromyalgie-Patienten abgelehnt würden.

Der 56-Jährige sagt: „Wir brauchen das Geld!“ Elke Ries arbeitet seit Jahren nicht mehr, er selbst bezieht nur ein kleines Einkommen im mittleren Dienst an der Universität. Wenn er selbst in Rente gehen wird, werden den beiden gerade einmal 1500 Euro bleiben. „Dabei hat meine Frau 33 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt!“

Im Jahr 2010 hat die Deutsche Rentenversicherung (DRV) in Berlin 63 200 Renten wegen verminderter Erwerbsminderung bewilligt, rund 38 000 Anträge wurden abgelehnt – „dies entspricht einer Ablehnungsquote von knapp unter 40 Prozent“, rechnet ein ein DRV-Sprecher vor. Wie viele Anträge von Fibromyalgie-Patienten bewilligt oder abgelehnt wurden, kann er nicht sagen, nur das hier: 11 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen seien wegen Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes berentet worden. In diese Gruppe falle auch die Diagnose Fibromyalgie.

Kampf gegen die Behörde

Erich Ries blättert wütend in den Ordnern. Er zieht Reha-Berichte hervor, Gutachten, Gegengutachten. „Hier“, sagt er und liest vor: „Da steht ,nicht arbeitsfähig‘!“

Er sagt, die DRV habe Gutachten nicht weitergereicht, sie habe Unterlagen rechtswidrig vernichtet, sie habe Datenschutzvorschriften verletzt. Er legte Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision ein. Er forderte nach § 44 Sozialgesetzbuch X die „Rücknahme eines rechtswidrigen nicht begünstigenden Verwaltungsaktes“. Er reichte Dienstaufsichtsbeschwerde ein, stellte Strafanzeige, seine Aktenordner wurden immer dicker, sein Konto immer leerer, 7000 Euro Gerichtskosten muste er bezahlen. „Alles vergeblich!“, sagt er, jetzt klingt auch er sehr matt.

Die DRV verweist auf Nachfrage darauf, dass die Entscheidung, den Rentenantrag von Frau Ries abzulehnen, „von allen sozialgerichtlichen Instanzen“ bestätigt worden sei. Es seien keine Akten oder Beweise vernichtet worden, Gutachten habe man weder nicht weitergereicht noch ignoriert.

Zuletzt schrieb Erich Ries an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags. Die Antwort steht noch aus.

Die Ursachen einer Fibromyalgie-Erkrankung sind bis heute unbekannt. Es gibt nur ein paar statistische Parameter: dass deutlich mehr Frauen als Männer erkranken, dass es mehr ältere als jüngere Frauen trifft, dass es im Lebenslauf der Kranken häufig prägende negative Erfahrungen gab. „Wir wissen nicht, wo es herkommt“, sagt Dr. Schwarz-Eywill, „aber es tritt nicht nur zufällig auf, es gibt biografische Faktoren.“

Elke Ries berichtet, sie habe eine schweren Kindheit gehabt, es gab viel Gewalt.

Keine Heilung

Heilbar ist die Fibromyalgie nicht. „Aber es gibt gute therapeutische Konzepte“, sagt Dr. Schwarz-Eywill: körperliche Trainingsprogramme, psychische Unterstützungen. „Es darf bloß nicht zu lange dauern“, warnt der Arzt: Nach ein paar Jahren Krankheitsgeschichte gibt es kaum noch Chancen, etwas zu verbessern.“

Auch bei den Nebenwirkungen des Fibromyalgiesyndroms nicht, zu denen laut Erich Ries ein zehnjähriger Rechtsstreit gehören kann. „Diese Ungerechtigkeit hat mich krank gemacht“, sagt er, „ich habe Bluthochdruck bekommen und Depressionen.“ Er knallt den letzten Aktendeckel zu: „Aber ich werde nicht aufgeben, ich kämpfe weiter!“

Draußen zieht sich die Sonne wieder hinter die Gartenhecke zurück, es wird Abend. Wenn das Ehepaar Ries später zu Bett geht, werden sie beide wieder nicht einschlafen können: Elke Ries wegen der Krämpfe, Erich Ries wegen der Wut.

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