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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Widerstand gegen Windkraft wächst

13.10.2015

Edewecht /Barßel Ein schöner Herbsttag im Oldenburger Land. Weite Wiesen, Wald am Horizont, der Mais ist reif. Natur satt am Kammersand in Harkebrügge. Monika Oetje-Weber kann den Anblick nicht genießen. „Eine ganz liebliche Gegend und es wird alles zerstört“, sagt sie traurig.

Annegret Meyer zeigt über die Wiese. Dort am Rande des Loher Waldes, wo die Gemeinden Barßel und Edewecht sich berühren, wo die Kreisgrenze zwischen Cloppenburg und dem Ammerland verläuft, sollen sie stehen: vier riesige Windkraftanlagen, jeweils 200 Meter hoch, in Reihe. Zwei weitere sind auf der andere Seite des Weges geplant.

„Die Energiewende erschlägt uns hier.“ Annegret Meyer ist frustriert. Drei Biogasanlagen gibt es schon rund um den Kammersand. Man kann die Windräder in Scharrel, Reckenfeld und auf dem Hübschen Berg sehen. Die geplante Stromtrasse von Conneforde nach Merzen soll hinter dem Loher Forst verlaufen. „Wir können uns nur entscheiden zwischen Pest und Cholera“, sagt Meyer.

Bürger kämpfen

Das klingt fast resignierend, doch Annegret Meyer und Monika Oetje-Weber kämpfen. Und viele andere in Barßel mit ihnen. Gegen den geplanten Windpark am Kammersand.

Sie haben eine Bürgerinitiative gegründet, haben 2550 Unterschriften gesammelt: gegen die Zerstörung des Landschaftsbildes, gegen die Vernichtung des Lebensraums geschützter Tierarten wie Kranich, Kiebitz oder Fledermaus, gegen den Wertverlust von Immobilien, gegen krankmachende Schallimmissionen und nächtliche Dauerbeleuchtung.

Sie nennen sich „Windwahn“, „Gegenwind“ oder „Vernunftkraft“. Und sie bekommen stetig Zulauf. Die Bürgerinitiativen gegen einen ungezügelten Ausbau der Windenergie schießen inzwischen fast so schnell aus dem Boden wie die Windräder selbst. Kaum vier Jahre nach der Energiewende reißt die Windkraft gesellschaftliche Gräben auf, spaltet die öffentliche Meinung.

Es gibt Profiteure dieser Windwende – vor allem Investoren, Grundstücksverkäufer, Anteilseigner. Aber inzwischen auch viele Geschädigte: Hausbesitzer, deren Immobilien plötzlich nur noch die Hälfte wert sind. Menschen, die unter Geräuschkulisse, Schattenwurf oder Infraschall der Windmühlen leiden.

Matthias Elsner sitzt in seinem Wohnzimmer in Edewecht, ein hübsches Haus zwischen Küstenkanal und Vehnemoor. Er steht an der Spitze einer Bürgerinitiative gegen den geplanten Windpark Hogenset. „Der Windpark liegt in der Vogelzuglinie und ist an dieser Stelle kontraproduktiv“, sagt Elsner.

Bis zu zehn Anlagen sollen irgendwann hinter der Häuserreihe in Husbäke gebaut werden, wo jetzt der noch Mais gedeiht.

Elsner beschäftigt sich seit Jahren mit der Energiewende, liest Buch um Buch. Seine ernüchternde Erkenntnis: Es geht nur noch ums Geld scheffeln. Der Umweltschutz oder die Interessen der Anwohner spielten eine untergeordnete Rolle. „Obwohl Niedersachsen das Bundesland mit den meisten Windkraftanlagen ist und es keine freien Flächen mehr gibt, die nicht konfliktbeladen sind, geht es Politik und Lobbyisten jetzt darum, genau diese Flächen auch noch bebauen zu können“, meint Elsner. Und das, obwohl es weder akzeptable und bezahlbare Speicher noch ausreichend Leitungen für den produzierten Windstrom geben.

Die rot-grüne Landesregierung lässt die Kritik kalt. Sie will weitere Standorte ausweisen. Niedersachsen sei Windenergieland Nr. 1 in Deutschland und diese Spitzenstellung solle konsequent ausgebaut werden. In Zahlen heißt das derzeit: 5616 Windenergieanlagen, 8233 Megawatt installierte Windleistung.

„Jede Form der Energiegewinnung ist mit Auswirkungen auf die Menschen, auf unsere Mitgeschöpfe und auf die Umwelt verbunden und bedeutet einen Eingriff“, sagt Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Es komme daher darauf an, die Auswirkungen so „verträglich“ und gering wie möglich zu halten.

Laut Bundesverband Windenergie (BWE) findet man über ein Fünftel der installierten Menge an Windenergie an Land im Nordwesten der Republik. Um die Ziele des Energiekonzeptes der niedersächsischen Landesregierung zu erreichen, sei „ein jährlicher Zubau von 750 Megawatt vonnöten“.

„Das Windgeschäft ist ein windiges Geschäft“, sagt Manfred Knake aus Holtgast im Landkreis Wittmund. Er und sein „Wattenrat“ kämpfen seit mehr als 20 Jahren gegen die Windmühlen in Ostfriesland. Anfangs einsam wie Don Quichotte, inzwischen flankiert von vielen Bürgerinitiativen.

In Ostfriesland treibt die Angst um den Tourismus Bürger auf die Barrikaden. In Ostfriesland sind viele Orte eingekesselt von Windrädern.

Knake sagt, dass die Menschen leiden, nachts nicht mehr schlafen können. „Die Leute müssen im eigenen Haus wandern, je nachdem wie der Wind steht.“

Knake hat ordnerweise aufgelistet, wer wo und wie vom Bau eines Windparks profitiert. „Ganz viele Ratsmitglieder sitzen im Geschäft mit drin.“ Er spricht von Schmiergeldzahlungen. Beim Windpark Utgast habe der Hersteller der Kommune 500 000 Euro für die Zustimmung in Aussicht gestellt, erzählt Knake. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Die geplante Zuwendung wurde in eine Schenkung umgewandelt.

Die Unternehmen kassieren die Subventionen, die Stromkunden zahlen die Zeche, sagt Knake. „Was uns als Energiewende verkauft wird, ist ein Geschäftsmodell für Großanleger.“

Abstand zu gering

Die Bürgerinitiativen im Oldenburger Land kritisieren, dass die Gemeinden die Kriterien beim Vergleich von Potenzialflächen häufig nicht transparent machten, die Baupläne zu lange unter dem Deckel hielten, gesetzliche Abstandsregelungen für Windräder nicht einhielten

In Edewecht fürchtet man, dass die geplanten Windkraftanlagen nur einen Abstand von 600 Meter zu den Wohnhäusern haben, in Barßel sogar nur 500 Meter. Notwendig seien aber 2000 Meter, um gesundheitliche Gefahren auszuschließen – wie in Bayern.

In Niedersachsen sind sogar 400 Meter möglich. Für Matthias Elsner nicht überraschend. „Die Betreiber wollen so nahe wie möglich ans Netz der Gemeinde.“ Spart Kosten.