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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Kann ein Hühnerstall wirklich krank machen?

06.03.2015

Landkreis Oldenburg Seiner Gerda ging es jeden Tag schlechter. Nach der Darm-Operation in Hannover hatten die Ärzte sie in ein Isolierzimmer verlegt; Gerda sitze voller Keime, erklärten sie ihm. Leber, Nieren, die Erreger griffen ein Organ nach dem anderen an, kein Antibiotikum konnte sie stoppen. Bald verlor Gerda das Bewusstsein.

„Wo kommen die Keime her?“, fragte Harald Kassock, 77 Jahre alt, Gerdas Ärzte. „Kann das was mit diesem Schweinemaststall vor unserem Haus zu tun haben: 65 Meter entfernt, 1500 Tiere, keine Filteranlage?“

Die Ärzte zuckten mit den Schultern. „Das ist jedenfalls kein Krankenhauskeim“, meinte einer. „Ihre Frau muss den mitgebracht haben.“

In der Zeitung hatte Kassock von diesem anderen Arzt gelesen: Dr. Gerd-Ludwig Meyer, gelernter Landwirt, Gründer der Initiative „Ärzte gegen Massentierhaltung“. Kassock schrieb Meyer einen verzweifelten Brief: „Wie kann ich herausbekommen, woher die starke Keimbelastung meiner Frau kommt?“

Meyer, 66 Jahre alt, trägt den Brief häufig bei sich. Er sagt: „Wir steuern auf eine Katastrophe zu.“

15 000 Tote

Es geht um Keime wie MRSA: Bakterien vom Typ Staphylococcus aureus, zu finden auf der Haut auch von gesunden Menschen, lebensgefährlich für kranke Menschen, wenn sie durch Wunden ins Gewebe gelangen.

VRE: Bakterien, die normaler Bestandteil der Darmflora sind und gefährlich werden, wenn sie beispielsweise in die Blutbahn eindringen.

ESBL: ein Enzym, gebildet von verschiedenen Bakterien, das viele Antibiotika unwirksam macht.

Multiresistente Keime: Der hohe Preis des Billig-Fleisches

Bis zu 15 000 Menschen sterben jährlich laut Bundesgesundheitsministerium, weil sie sich mit solchen antibiotikaresistenten Keimen infiziert haben. Fachleuten zufolge könnten es auch 30 000 bis 40 000 Tote sein; die exakten Zahlen sind nicht bekannt.

Bekannt ist, dass die Zahl der nachgewiesenen Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Bekannt ist auch, dass der Antibiotikaverbrauch in den vergangenen Jahren gestiegen ist; in der Humanmedizin wurden zuletzt rund 700 Tonnen im Jahr eingesetzt, in der Tiermedizin mehr als das Doppelte. Inwiefern die zweite Kurve die erste Kurve bedingt, ist unzureichend erforscht.

Wer in der Zeitung über dieses Thema schreibt, bekommt deshalb ebenfalls Briefe.

Mikrobiologen weisen darauf hin, dass es sich bei den Keimen um „weit verbreitete Umgebungskeime“ handle; man könne sie unter anderem auf Mobiltelefonen, Toilettensitzen und Gemüse finden.

Humanmediziner merken an, dass die gestiegenen Fallzahlen vor allem eine Folge der vermehrten MRSA-Screenings in den Kliniken seien; wer genauer hinschaut, sieht eben mehr.

Landwirte schreiben, dass MRSA-Stämme aus landwirtschaftlichen Tierställen, die sogenannten la-MRSA, nur eine untergeordnete Rolle als Erreger von Infektionen bei Menschen spielen.

Tatsächlich gibt es ein aktuelles Rundschreiben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), laut dem bei Menschen „insgesamt weniger als fünf Prozent aller nachgewiesenen und typisierten MRSA“ vom Typ la-MRSA seien. (Allerdings schreibt das BfR auch, dass dieser Anteil in Regionen mit hoher Tierdichte „deutlich“ höher liegen kann und dass die Situation bei ESBL-bildenen Keimen „komplexer“ sei.)

29 000 Hähnchen

„Prozentzahlen? Pah, so was interessiert mich nicht“, brummt Gerd-Ludwig Meyer, der Arzt aus der Zeitung. An einem Sonnabendmorgen rollt sein roter Geländewagen langsam die Amelhauser Straße Richtung Huntlosen hinauf. Meyer, 66 Jahre alt, sagt: „Ich bin ein Mann der Praxis. Mich interessiert nur das Patientenwohl, und wenn ich allein in meiner kleinen Praxis im vergangenen Jahr vier Keim-Tote hatte, dann stimmt da was nicht.“ Dann kam auch noch der Brief von Herrn Kassock, und deshalb steuert Meyer seinen Wagen jetzt in die Einfahrt des Behrens-Hofes. „Wir müssen was tun.“

Es sind nur wenige Schritte von hier zu dem Feld, auf dem demnächst ein neuer Hähnchenmaststall stehen soll. Um den Stall schwelt seit Jahren ein Streit; die Anwohner würden ihn gern verhindern, sie fordern zumindest ein Keimgutachten. Ein Gesundheitsgutachten nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz ist ab 30 000 Tieren verpflichtend. Der Landwirt änderte seine Pläne: Er will nun einen Stall für 29 000 statt für 39 000 Tiere bauen. Der Landkreis Oldenburg hat die Baugenehmigung erteilt, noch im Frühjahr soll Baubeginn sein.

Meyer zeigt auf das noch leere Feld. „Direkt gegenüber hält der Schulbus“, sagt er. „Hier wohnt ein asthmakrankes Kind, zwölf Jahre alt. Und dahinten wohnt ein Verwandter von mir, 63 Jahre alt, seit einem Unfall resistenzgeschwächt.“ Meyer ist hier aufgewachsen, mittlerweile lebt er in Bremen und arbeitet in Nienburg.

Eigene Datenbasis

Kann so ein Hühnerstall tatsächlich krank machen? Forscher konnten MRSA-Keime in der Luft in bis zu 1000 Meter Entfernung zu Tierställen nachweisen. Das Landesgesundheitsamt geht aber davon aus, „dass auf diesem Weg keine Übertragung auf den Menschen stattfindet“.

„Das interessiert mich nicht“, sagt Meyer wieder. Er ist ein unkonventioneller Typ, die Haare etwas zu lang, die Wortwahl etwas zu barsch. Unkonventionell sind auch seine Ideen, zum Beispiel diese: „Wir schaffen uns unsere eigene Datengrundlage!“

Meyer ist nicht allein unterwegs an diesem Sonnabend, Schwester Sina und Schwester Olga begleiten ihn. Gemeinsam fahren sie an zwei Wochenenden die Anwohner des künftigen Stalls ab, 22 Leute im Umkreis von 1000 Metern, „fast alle machen mit“, sagt Meyer stolz. An diesem Morgen ist Familie Behrens dran, vier Kinder, drei, sechs, neun und zwölf Jahre alt, Vater Uwe engagiert sich im örtlichen „Bündnis Mut“ gegen den geplanten Stall. Schwester Olga legt Kittel und Mundschutz an, „Achtung, das kitzelt ein bisschen“, warnt sie, dann macht sie Abstriche in Rachen und Nase. Schwester Sina dokumentiert: „Name?“ „Uwe Behrens.“ „Geboren?“ „18. Januar 1973.“

Jährliche Kontrolle

Meyers Idee ist simpel: Er untersucht die Anwohner vor dem Stallbau auf MRSA. Wenn der Stall gebaut und mit Tieren befüllt ist, will er wiederkommen, jährlich. „Dann sehen wir ja, ob sich etwas verändert“, sagt er. Die Kosten für Labor und Schwestern trägt er privat, einige Tausend Euro werden es werden.

Damit juristisch alles korrekt läuft, schickt er die Proben an ein unabhängiges Labor in Heidelberg. Die Ergebnisse gehen direkt an die Anwohner, Meyer bekommt nur die Rechnung. „Aber sie dürfen es mir natürlich mitteilen“, sagt er und lächelt.

Dann wird er wieder ernst, wütend sogar. Vier Tote in seiner Praxis? Kassocks Brief? „Wir stehen vor dem Ende der Antibiotika-Ära! Und zu welchem Preis? Damit Geflügelfleisch billiger ist als Hundefutter? Wenn das das Ziel einer Zivilgesellschaft ist, ist das nicht meine Gesellschaft!“

Herrn Kassock konnte er nicht helfen. Seine Gerda starb an Silvester, ihre Leiche ist längst eingeäschert, Kassock wartet nun auf den Abschlussbericht der Klinik. Vermutlich wird er nie erfahren, woher Gerdas Keime kamen.

Meyer hat natürlich einen Verdacht, woher Gerdas Keime kamen. Belegen kann er es nicht. In Amelhausen soll so etwas nicht passieren. Das Heidelberger Labor arbeitet schnell, die 22 Anwohner kennen ihre Ergebnisse inzwischen: Der MRSA-Befund war bei allen negativ. „Damit können wir doch arbeiten“, freut sich Meyer eine Woche später.

Und was ist, wenn auch die künftigen Befunde alle negativ bleiben? Wenn sich der Stall als ungefährlich erweist?

„Dann ist doch alles gut“, sagt Meyer, er lächelt böse: „Dann kann ja jeder hier seinen Riesen-Stall kriegen.“

Im Jahr 2000 gab es im Kreis Oldenburg 2,05 Millionen Masthähnchen. 2004 waren es 3,68 Millionen, 2008 4,45 Millionen und 2012 5,8 Millionen.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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