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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Wir wurden behandelt wie Sklaven“

14.03.2015
NWZonline.de NWZonline 2015-07-20T19:06:14Z 280 158

Arbeiter Auf Oldenburger Schlachthof:
„Wir wurden behandelt wie Sklaven“

Oldenburg Sie hatten gearbeitet, so wie jeden Tag. Als sie endlich fertig waren, kam der Chef zu ihnen und feuerte sie. Fristlos. Gründe nannte er keine, „er beleidigte uns nur“, sagt Gabriele Gheorge*.

Sie hatten nun keinen Job mehr: neun Rumänen, die zum Teil seit Monaten, zum Teil seit Jahren auf dem Schlachthof Oldenburg gearbeitet hatten. Was sollten sie tun?

Bei Gabriele klingelte wenig später das Telefon. Der Chef war dran. Er forderte Gabriele auf, sein Zimmer zu räumen, „du musst Platz machen für neue Leute“. Das Zimmer gehört der Firma.

Wechselnde Firmen

Gabriele kam bei Vasile Mihai* unter, einem ebenfalls arbeitslos gewordenen Kollegen. Vasile hat seine Wohnung selbst angemietet. „Wir helfen uns gegenseitig“, sagt Vasile.

Gabriele Gheorge und Vasile Mihai sind Angestellte der LUGO GmbH aus Duisburg. LUGO ist eine junge Firma, gegründet am 23. September 2014. Am 26. September hat LUGO einen Werkvertrag mit der Schlachthof Oldenburg (GmbH & Co. KG) Betriebs KG abgeschlossen: LUGO verpflichtet sich darin, für den Schlachthof das Schlachten, Abvierteln und Verladen von Rindern zu übernehmen. Der Schlachthof bezahlt dafür 11 Euro pro Rind.

LUGO verpflichtet sich in dem Vertrag auch, die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten, insbesondere zu Mindestlohn, Überstundensätzen und Mindestjahresurlaub.

Mit den rumänischen Arbeitern hat LUGO Arbeitsverträge abgeschlossen. Der von Gabriele Gheorge zum Beispiel datiert vom November 2014. Gabriele hat demnach eine wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden, ihm stehen 20 Urlaubstage zu, sein Stundenlohn liegt bei 7,75 Euro brutto pro Stunde. 7,75 Euro entsprachen dem bei Vertragsabschluss geltenden Mindestlohn in der Fleischbranche. Seit 1. Dezember 2014 liegt der Mindestlohn bei 8 Euro.

Vor LUGO hatten andere Werkvertragspartner das Schlachten, Abvierteln und Verladen übernommen. Einige der Firmen hatten deutsche Adressen, andere polnische. Fast alle hatten einen Namen, der aus Großbuchstaben bestand. Vasile Mihai, der bereits Jahre auf dem Schlachthof arbeitet, schätzt, dass er wohl zehn verschiedene Arbeitgeber hatte. Vasile bekam den Wechsel immer per Brief mitgeteilt, so schreibt es das Bürgerliche Gesetzbuch vor, Paragraf 613a. Seine Arbeit änderte sich nie, nur der Firmenname.

Vasile und Gabriele sagen, ihr Arbeitstag auf dem Schlachthof begann morgens um 4 Uhr. Sie schlachteten, viertelten und verluden, so wie es der Werkvertrag vorsieht. Dazwischen und danach habe man ihnen andere Arbeiten zugewiesen, die auf dem Schlachthof anfielen: Kisten reinigen. Haken säubern. Wände streichen, Schimmel entfernen. Rasen mähen. „Feierabend war, wenn wir fertig waren: um 18, 19 oder 20 Uhr“, sagt Vasile.

LUGO (oder die Vorgängerfirmen) überwiesen den Arbeitern einen Lohn. Abrechnungen bekamen sie nie.

Erst im Januar, nach den großen Mindestlohn-Kontrollen des Zolls in Deutschland, erhielten die Rumänen rückwirkend einen Stapel Lohnabrechnungen von LUGO. Darauf fanden sie steuerliche Kuriositäten wie Extrazahlungen von 250 Euro für „Doppelte Haushaltsführung“ und „Doppelte Haushaltsführung Miete“ von 150 Euro. Die Miete wurde vom Nettolohn wieder abgezogen.

Fehlende Abrechnungen

Manchmal fanden sie weitere Abzüge: Strafgelder, zum Beispiel für schlecht gereinigte Messer. Mal waren 10 Euro fällig geworden, mal 60 Euro, vereinzelt sogar 110 Euro.

Was die Rumänen auf den Abrechnungen nicht fanden, waren Nachweise über ihre geleisteten Arbeitsstunden.

Die Arbeiter kamen nach eigenen Angaben im Monat häufig auf 230, 250 oder 270 Stunden, im Einzelfall sogar auf 300 Stunden. Der ausgezahlte Bruttolohn (auf der Abrechnung „Festlohn“ genannt) bewegte sich zumeist zwischen 1400 und 1600 Euro; manchmal lag er auch deutlich darunter. 1600 Euro für 250 Arbeitsstunden entsprechen einem Stundenlohn von 6,40 Euro. Bei 300 Stunden sind es nur 5,33 Euro.

„Eigentlich wurden wir die ganze Zeit behandelt wie Sklaven“, sagt Gabriele Gheorge.

Nach ihrer fristlosen Kündigung (die den Arbeitern Tage später schriftlich bestätigt wurde, wieder ohne Angabe von Gründen) gingen die Rumänen zur Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Geschäftsführer Matthias Brümmer wirft den Arbeitgebern Verstöße gegen den Mindestlohntarifvertrag und gegen die Aufzeichnungspflicht vor, Lohnsteuer- und Sozialbetrug sowie illegale Arbeitnehmerüberlassung. „Wir meinen, dass es sich um einen fingierten Werkvertrag handelt. Die Arbeiter sind in Wirklichkeit Angestellte des Schlachthofs“, sagt Brümmer. Er will die Firmen verklagen.

Die NGG forderte LUGO und die Firma Schlachthof Oldenburg/Standard Fleisch schriftlich auf, den neun Arbeitern insgesamt 60 000 Euro nachzuzahlen und einen Ausgleich für 118 nicht gewährte Urlaubstage. Auch der Zoll ermittelt inzwischen.

Keine Antworten

Beim Schlachthof Oldenburg will man sich gegenüber der Presse zu den Vorwürfen nicht äußern. LUGO-Geschäftsführer Hubert Lubniewicz sagte auf Nachfrage, er werde die schriftlich zugeschickten Fragen der NWZ  prüfen und sich gegebenenfalls zurückmelden (was bislang nicht geschah).

Die arbeitslosen Rumänen beantragten – je nach Beschäftigungsdauer – Arbeitslosengeld oder Hartz IV. Vier Arbeiter, denen Obdachlosigkeit drohte, holten sich Hilfe beim Sozialamt. Nachdem LUGO und Schlachthof ihre Verpflichtungen aufgekündigt haben, müssen die deutschen Sozialsysteme übernehmen.

Gabriele Gheorge, Vasile Mihai und ihre sieben Kollegen suchen nun neue Jobs. In Deutschland. Denn auch das gehört zu dieser Geschichte: Nach Rumänien wollen sie auf keinen Fall zurück. Dort liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 1,30 Euro.

* Namen geändert