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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Krimi um angebliche Wundermaschine

09.07.2015

Papenburg /Leer /Oldenburg Das Rezept ist ganz einfach: Man nehme einen Liter Wasser, einen Liter Diesel, schütte beides in einen hyperbolischen Kegelkörper mit Zylindermanschette, füge eine Prise Kohlendioxid hinzu, mische das Ganze gut, tanke die gelbe Flüssigkeit in ein Auto – und fahre los.

Hexenwerk? Hokuspokus? Hochstapelei?

Absolut nicht, meint der Papenburger Unternehmer Wolfgang Gesen. Der 63-Jährige ist davon überzeugt, dass sein Superdiesel die Welt verändern wird, weil umweltfreundlicher und leistungsfähiger als herkömmliche Kraftstoffe.

„Wirbelwandler“ heißt die Zaubermaschine, die 2009 erstmals für Aufsehen sorgt, die angeblich sogar eines der wichtigsten Prinzipien der Naturwissenschaften rotieren lässt: den Energieerhaltungssatz. Was reinkommt, kommt auch raus, salopp formuliert.

Von wegen, sagt Gesen. Etwa 28 Prozent mehr Kraftstoff als Wasser sprudeln aus dem Wandler in den Tank. Das hat er sich von diversen Forschern bestätigen lassen.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück gegen Gesen und seine Firma EGM. Betrugsverdacht. Chinesische Investoren fühlen sich verschaukelt, weil der Wandler angeblich nicht so wirbelt wie er soll. Eine Zivilklage gibt es als Zugabe. Es geht um Millionen. Gesen wehrt sich, spricht von einer „Kampagne“ der Chinesen, um an die Technologie zu kommen.

Was stimmt nun? Die Spurensuche beginnt in Papenburg. Sie könnte auch in Dubai beginnen. Oder irgendwo in China oder in Pakistan.

Nicht viel los heute in Wolfgang Gesens Firmenimperium im Gewerbegebiet Nord. Zwei weiß getünchte Gebäude, zweistöckig, blaues Dach. Vier Autos parken davor. Die Rolltore sind geschlossen. In einer offenen Lagerhalle stehen Flüssigkeitstanks.

Die Pagatec Operating GmbH rechts verkauft Kaffeeautomaten. Gesen hat die Geschäftsführung an seine beiden Söhne übergeben. Die Pagatec wirft Gewinn ab, sagt ein Blick in den Geschäftsbericht. „Die Pagatec ist solide“, sagt ein Experte.

Links sitzen Gesens gesammelte EGM-Firmen: die International GmbH, die Holding International GmbH, die Environmental Solutions GmbH, die Petro de Royale GmbH.

Die EGM-Holding hieß früher übrigens Middle East-Europe-Link Trading GmbH und davor Carver Yachts Europa GmbH. Als Gesen auch Motoryachten verkaufte.

Reichlich verwirrend. Und ungewöhnlich für einen kleinen Mittelständler, sagt der Experte. In der Holding stecken eine Menge Verbindlichkeiten, sagt der Geschäftsbericht. Die Solutions macht kaum Gewinn. Und die Mitarbeiter? Über Personalkosten findet sich nichts.

Doch was sagt das über Wolfgang Gesen aus? Es zeigt zumindest, dass er ein umtriebiger Unternehmer ist, der sich auf vielen Geschäftsfeldern tummelt.

Kaufmännische Ausbildung, Weiterbildung, Fachabitur. Er sei seit 40 Jahren selbstständig, erzählt Gesen.

Gesen suche seit 20 Jahren nach einer Erfindung, mit der er schnell reich werden könne, sagt ein Politiker aus dem Emsland.

Im Jahr 2009 stellt Gesen den Wirbelwandler der Öffentlichkeit vor. Das mediale Echo ist durchaus positiv.

Begeistert ist offensichtlich Christian Wulff. Der damalige Bundespräsident zeichnet 2010 die Papenburger Firma als Ort im „Land der Ideen“ aus. Der Wirbelwandler wird als zukunftsweisend für den Wirtschaftsstandort Deutschland prämiert.

Gesen strahlt und kündigt drei Projekte in Malaysia an, um die neuartige Entwicklung der Umwelttechnologie zur industriellen Reife voranzutreiben. Der Ökokraftstoff soll die Welt revolutionieren. Dafür gewinnt der Unternehmer reiche Scheichs aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Er präsentiert seinen Wirbelwandler 2012 auf einer Energiemesse in Dubai.

Die Wissenschaft reagiert eher skeptisch, zweifelt die Wundereigenschaften der Technologie an. Gesen hält mit eigenen Experten und Gutachten dagegen.

Zu seinen Beratern gehört der Universitätsprofessor Konstantin Meyl, dessen Ideen zur Elektrodynamik von der Fachwelt nicht anerkannt sind. Es geht um Skalarwellen, und Neutrinopower.

Gesen verweist auf eine Expertise des promovierten Chemikers Klaus Volkamer, der darin die Umwandlung von Wasser zu Diesel bestätigt. Doch auch Volkamer gilt unter Wissenschaftlern als Esoteriker. Seine Ansicht, dass es eine unsichtbare „feinstoffliche Materie“ gibt, findet wenig Anhänger.

2012 lässt Gesen ein Gutachten erstellen. Beteiligt daran ist der Biologe Harald Kautz-Vella, der im Internet als Verbreiter von Verschwörungstheorien kritisiert wird. Kautz-Vella gilt als Verfechter der sogenannten „freien Energie“, die unerkannt von Wissenschaftlern unerschöpflich zur Verfügung steht.

Doch was sagt das über die Erfindung von Wolfgang Gesen aus? Es zeigt zumindest, dass er sich von wissenschaftlichen Außenseitern bescheinigen lässt, dass der Wirbelwandler funktioniert.

Auch den Arabern kommen offenbar Zweifel an der Technologie. Noch 2012 trennen sich die Geschäftspartner. Gesen wird in Dubai angezeigt, darf das Land zeitweise nicht verlassen. Die Strafanzeige erwies sich als unbegründet, sagen Gesens Anwälte. Er darf ausreisen.

Merkwürdige Leute mischen laut Akten bei dem Projekt mit. Ein Herr Moroz, Ingenieur aus Russland, der angeblich Teilkomponenten herstellt, die nichts taugen. Ein Professor Klauser, Uni-Dozent aus Moldawien, und ein Professor Kosov, die Patente für die EGM angemeldet haben sollen. Im Internet findet sich über sie – nichts.

Leer, ein schickes Wohnhaus mit Blick auf den Hafen. Große Terrasse, beste Wohnlage. Yachten schaukeln an der Kaimauer. Hier soll Gesen den Chinesen seine Idee schmackhaft gemacht haben. Die Unternehmensgruppe Shuangliang steckt 3,25 Millionen Euro in das Projekt. Man gründet eine gemeinsame Projektfirma, die Hydrofuel Innovation & Consultancy DMCC. Die EGM International Holding soll 51 Prozent der Anteile übernehmen. Zweck: die Diesel-Bonding-Technologie entwickeln.

In Papenburg führt Gesen den Chinesen seine Wundermaschine vor, betankt ein Auto mit dem Ökodiesel. Es fährt. Vielleicht beeindruckt die Asiaten auch, dass Gesen eine gemeinsame GmbH mit dem Ökoenergiegiganten Prokon gegründet hat.

Prokon wird 2014 insolvent, die Gesellschaft mit der EGM aufgelöst.

Die Chinesen kommen wieder nach Papenburg, zapfen angeblich heimlich eine Probe vom Superdiesel, lassen sie analysieren, finden nichts Wundersames. Die Chinesen steigen aus dem Projekt aus, werfen Gesen Schummelei und Betrug vor, wollen ihr Geld zurück.

„Es ist gegen drei Personen Strafanzeige erstattet worden“, erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, René van Münster. Man sei aber noch am Anfang der Ermittlungen. Eine chinesische Investorenfirma habe Zivilklage gegen Gesen und EGM eingereicht, erklärt Michael Hune, Sprecher des Landgerichts Osnabrück. Streitwert: 3,8 Millionen Euro. „Die Klägerin hat ein Mediationsverfahren abgelehnt.“

Gesens Anwälte bestreiten in einer 44-seitigen Klageerwiderung alle Vorwürfe. Die EGM habe nicht bei der Leistungsfähigkeit der Technologie getäuscht. Die EGM habe die gemeinsame Gesellschaft nicht gegründet, um Vorauszahlungen zu erlangen ohne zu liefern. Die EGM sei nicht in Lieferverzug.

Laut Gesen stehen elf fertige Anlagen in Papenburg und Wilhelmshaven, die nicht ausgeliefert werden können, weil die Genehmigung für die geplante Produktionsstätte in den VAE fehlt. „Dubai hat sich mit den Chinesen verbündet.“

Gesen wirft den Ex-Geschäftspartnern vor, Unterschriften gefälscht zu haben, droht mit Gegenanzeigen.

Seine Technologie preist der Unternehmer trotz allem. „Diese Technologie wird mit Garantie Furore machen“, sagt Gesen. Jetzt soll in Pakistan produziert werden. Der Wandler wirbelt weiter.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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