• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Telefonseelsorge Oldenburg: Wenn die dunklen Gedanken quälen

19.09.2014

Oldenburg Die Frau am Telefon weiß nicht mehr weiter. Schluchzend erzählt sie von ihrer Situation. Immer wieder stockt ihre Stimme, gewinnen die Tränen die Oberhand, muss sie um die richtigen Worte ringen. Ihre Lage scheint hoffnungslos, sie sieht keinen Ausweg, fühlt sich einsam und verlassen – und zu den wirtschaftlichen Problemen kommen auch noch gravierende gesundheitliche Sorgen…

Jetzt findet sie keinen Schlaf. Die dunklen Gedanken quälen sie und niemand ist da, mit dem sie ihre Sorgen und Nöte teilen könnte. Es ist in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, als sie die gebührenfreie Telefonnummer 0800-1110111 wählt und bei der Telefonseelsorge in Oldenburg landet. Sie weiß nicht, wo ihre Gesprächspartnerin sitzt, ist aber dankbar für ein offenes Ohr und die freundliche Begleitung durch ein Stück der Nacht.

Dort kann sie im Gespräch mit der Telefonseelsorgerin auch solche Dinge ansprechen und loswerden, die sie sich nicht traut, an anderer Stelle, beispielsweise in der Familie, Freunden oder auch anderen in ihrer Umgebung direkt zu besprechen. Im Schutz der Anonymität geht das sehr viel weniger schwer als im direkten Gespräch. Leicht fällt es oft auch dort nicht, alles auszusprechen, was die Seele bedrückt. Doch da die Anruferin weiß, dass niemand etwas über sie erfahren wird, dass ihre Gesprächspartnerin nichts über ihre Identität, ihren Wohnort, ihre Lebensbedingungen erfahren wird, gelingt es der schluchzenden Frau, sich zu öffnen – und plötzlich werden aus den anfänglichen Wortfetzen vollständige Sätze, es entsteht ein

Ansprechpartner für alle Altersgruppen

Unabhängig, überparteilich und überkonfessionell wird die Arbeit der Telefonseelsorge gestaltet. Die Gespräche und Chats für Menschen jeden Alters sind anonym, vertraulich und kostenfrei.

Zwei Telefonnummern gibt es, um die Seelsorger zu erreichen: 0800-1110111 und 0800-1110222.

angeregtes Gespräch.

Als sie sich am Ende des Telefonats verabschiedet, ist ihre Stimme wieder etwas fester geworden, einmal hat sie sogar etwas lachen müssen. Sie bedankt sich und will jetzt noch einmal versuchen, doch noch etwas Schlaf zu finden.

90 Mitarbeiter

Die Telefonseelsorgerin lehnt sich nach dem Gespräch zurück und zieht eine kleine Bilanz des Telefonats, das am Anfang nur schwer in Gang gekommen war. Sie ist zufrieden, dass es ihr gelungen ist, der Anruferin ein wenig zu helfen. Natürlich hat sie ihr die Sorgen und Probleme nicht abnehmen können. Sie hatte auch keine Ratschläge bereit, wie sich alles sofort zum Besseren wenden könne. Sie konnte aber für die Anruferin da sein, ihr die völlige Einsamkeit der Nacht nehmen und ihr ein wenig helfen, wieder etwas Ruhe zu finden.

Vielleicht hat das Gespräch ja auch eine längere Wirkung, konnte der Frau eventuell kleine Lösungsschritte aufzeigen – aber das ist bereits zu viel der Hoffnung. Diesen Ansatz haben Telefonseelsorger nicht. Schließlich sind sie keine Sozialarbeiter und schon gar keine Psychotherapeuten, sondern stehen zum Gespräch zur Verfügung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger – und für die Anruferinnen und Anrufer ist das schon eine ganze Menge.

Knapp 1000 seelsorgerliche Gespräche werden jeden Monat von den Oldenburger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Telefonseelsorge geführt – fast 12000 waren es im vergangenen Jahr. Die Anruferinnen und Anrufer kommen nicht nur aus dem Nordwesten, sondern nach einem ausgeklügelten System der Telekom auch aus anderen Bereichen Deutschlands, wenn dort gerade kein freier Anschluss vorhanden ist. Seit die Telekom die Telefonseelsorge unterstützt, sind die Gespräche nicht nur gebührenfrei, sondern ist bei den Anrufern auch seltener ein Besetztzeichen zu hören.

In Oldenburg gibt es das Angebot inzwischen seit 40 Jahren. Am Sonnabend wird Zwischenbilanz gezogen. Neben Grußworten, Festvortrag, Theatervorstellung und Gottesdienst wird der evangelische Kreispfarrer im Ruhestand, Carl Dierken, über die Anfänge der Arbeit im Jahr 1974 berichten. Dierken war nicht nur Gründer und Motor in der Startphase, sondern prägte die Oldenburger Telefonseelsorge bis 2001, als er die Leitung an Pastor Gerd Schmidt-Möck übergab, der die Arbeit der insgesamt 90 ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter seitdem koordiniert.

Intensive Ausbildung

Es ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, der sich Schmidt-Möck und sein anonymes Team stellen. 24 Stunden qualifizierten Dienst leisten sie täglich – und das an 365 Tagen im Jahr. Außer den knapp 12000 Seelsorgegesprächen müssen sie etwa 5000 missbräuchliche Anrufe bewältigen, darunter Scherz- und Testanrufe von Kindern und Jugendlichen, Anrufe mit Drohungen oder sogenannte Aufleger. Bevor jemand ans Telefon darf, ist ein sorgfältiges Auswahlverfahren und mehr als ein Jahr intensive Ausbildung zu absolvieren.

Organisatorisch ist die Telefonseelsorge eine gemeinsame Einrichtung der evangelischen und katholischen Kirche im Oldenburger Land und gehört zu einem bundesweiten Netzwerk. Im Nordwesten sind unter anderem in Wilhelmshaven und Bremen sowie Meppen weitere Telefonseelsorgestellen aktiv. Seit 2009 gibt es den Förderverein „WortWege“, der in Oldenburg um Spenden für die Telefonseelsorge wirbt und die Öffentlichkeitsarbeit besorgt.

Etwas mehr als die Hälfte der Anrufe kommen übrigens von Frauen. Psychische Belastungen, Einsamkeit und Partnerschaftsprobleme stehen an der Spitze der Sorgen und Nöte der Anrufenden. Sexuelle Probleme, Suchterkrankungen, Sterben, Tod und Trauer sowie Arbeitslosigkeit und Sinnsuche sind weitere Themen mit denen sich Menschen an die Telefonseelsorge wenden – und etwa drei Prozent denken daran, ihr Leben zu beenden. Ein ähnliches Themenspektrum wird seit 2008 auch in der Chat-Seelsorge behandelt.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Damit die ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger mit den Sorgen und Nöten ihrer Anrufer nicht allein bleiben, gibt es regelmäßige Supervisionstreffen, bei denen schwierige oder belastende Fragen gemeinsam besprochen werden – streng anonym natürlich, denn das ist das Grundwesen und Erfolgsrezept der stillen Arbeit.

http://www.telefonseelsorge.de/

Jürgen Westerhoff Redakteur / Regionalredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2070
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.