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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Wo Theologie Hand und Fuß bekommt

31.05.2014

Bremerhaven Pastor Werner Gerke von der Seemannsmission Bremerhaven ist eigentlich ein gern gesehener Gast. Heute passt sein Besuch an Bord des Containerschiffes „Ruth“ aber nicht. „Es sind alle beschäftigt“, sagt der Kapitän entschuldigend auf englisch mit russischem Akzent. „Bei uns wird gerade die jährliche TÜV-Prüfung gemacht.“ Trotzdem darf Gerke kommen. Vielleicht findet sich zumindest ein Seemann, der eine der begehrten Telefonkarten kaufen will, die Gerke stets bei sich hat.

„Es ist immer ein bisschen wie ein Griff in die Wundertüte, wenn man in den Hafen geht“, sagt der Pastor. Manchmal werde er gar nicht an Bord gelassen. In der Regel seien seine Mitstreiter und er aber willkommen. „Ich bin manchmal überrascht, welchen Vertrauensvorschuss wir genießen.“

Missioniert wird nicht

Jeden Tag sind Mitarbeiter der Seemannsmission Bremerhaven im Überseehafen unterwegs, um Seeleuten auf Fracht- und Kreuzfahrtschiffen einen Besuch abzustatten. Auch in Krankenhäusern besuchten sie Seeleute. Über 1200 Mal gingen 2013 mehr als ein Dutzend Diakone, Ehrenamtliche oder junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr auf die Schiffe.

Sie bringen ausländische Zeitschriften oder Nachrichtenausdrucke aus dem Internet mit. Und sie bieten Telefon- oder SIM-Karten an. Gerade die seien wichtig. „Ich war mal bei einem Seemann, der sehr wehleidig war“, erinnert sich Gerke. „Ich habe ihm mein Handy gegeben, damit er mit seiner Familie telefonieren konnte.“ Plötzlich sei die Stimme des Mannes wieder fest geworden. Auch auf der „Ruth“ freut sich Seemann Pedro Tarape über eine neue Telefonkarte. Er holt Geld aus seiner Kabine, zum Reden hat er aber keine Zeit. Er will schnell essen und dann wieder an die Arbeit. Die Leute der Seemannsmission sind auch Ansprechpartner – in allen Lebenslagen. Missioniert wird aber nicht. „Wer über religiöse Dinge reden möchte, kann das tun“, sagt Pastor Gerke. „Das steht aber nicht im Vordergrund.“

Stattdessen seien Alltagsgespräche wichtig. „Viele Seemänner sind neun Monate unterwegs. Wir sind eine Abwechslung“, sagt Gerke. An Bord müsse der Betrieb funktionieren, da bleibe nicht viel Zeit für persönliche Gespräche unter Kollegen.

Weltgeschehen ganz nah

Auf Frachtschiffen kämen viele von den Philippinen, aus der Ukraine oder Russland. „Da rückt schon mal das Weltgeschehen ganz nah“, sagt Gerke etwa mit Blick auf die Ukraine-Krise. „Das Leben an Bord kann schon sehr herausfordernd sein.“

Dazu zählen nicht nur politische Krisen. „Wir hatten mal den Fall eines Seemannes, der zur Strafe nicht von Bord gelassen wurde“, erzählt Gerke. Der Mann bat die Seemannsmission um Hilfe. Gerke sprach mit dem Kapitän und schaltete die Gewerkschaft ein. „Am Ende durfte er doch an Land gehen.“

In den Häfen an der Nordseeküste besuchen Mitarbeiter der evangelischen Deutschen Seemannsmission die Seeleute immer öfter direkt an Bord. Die Zahl der Besuche sei vergangenes Jahr erneut gestiegen, erklärt Landessuperintendent Hans Christian Brandy in Stade als Vorsitzender der hannoverschen Seemannsmission. Dazu gehören Stationen in Stade, Bremerhaven und Cuxhaven, deren Mitarbeiter zu rund 2500 Besuchen auf die Schiffe kamen.

Und die Verständigung? „Die Hauptsprache ist Englisch., Aber das wird unterschiedlich gut beherrscht. Da verständigt man sich dann halt mit Hand und Fuß und Mimik“, sagt der 52-Jährige. „Es sind die kleinen Dinge, die die Arbeit in der Seemannsmission ausmachen“, sagt er.

Gerke ist seit neun Jahren Seemannspastor. Davor war der schlanke Mann mit dem weißen Haar in einer Gemeinde tätig. Gereizt habe ihn der Kontakt zu Menschen aus aller Welt. „Dabei geht es um konkrete Hilfe bis hin zur Sterbebegleitung.“

Telefonkarten kaufen

Der Seelsorger hält schließlich noch bei der „Heinrich Ehlers“ an. Auch hier kommt er unpassend, denn es herrscht Hochbetrieb. Der Eigner ist an Bord, der Erste Offizier passt auf, dass das Schiff beim Be- und Entladen der Container die Balance im Wasser hält.

Doch langsam spricht sich an Bord herum, dass Gerke da ist. Einige Seeleute kommen vorbei, um Telefonkarten zu kaufen. Darunter auch der Koch. Er bringt ihm einen Kaffee mit. Redebedarf hat keiner von ihnen.

Gerke ist trotzdem zufrieden: „Wir zeigen den Seeleuten, dass wir uns für ihr Wohlergehen interessieren.“ Der nächste Besuch könne ganz anders verlaufen, weiß Gerke aus Erfahrung.

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