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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Der ganz normale Wahnsinn bei der Maisernte

21.10.2017

Zetel /Barßel Der ganz normale Wahnsinn bei der Maisernte: rauf aufs Feld, bis zum Feldhäcksler fahren, Anhänger voll machen, zurück zum Hof, abladen. Immer wieder. Und wieder. Und wieder. Keno Veith sitzt am Steuer eines Fendt 930 Vario, an seinem Handgelenk klimpert ein silbernes Kettchen, richtig dezent verglichen mit dem, was der 36-Jährige um den Hals trägt. An dem Schlepper hängt ein riesiger Anhänger, und damit fährt Keno Veith grade wieder rauf aufs Feld. Auf der Suche nach dem Maishäcksler.

Er arbeitet in einer Kolonne für das Lohnunternehmen von Carsten Meyer aus Collstede. Er und seine Kollegen, mit denen er im Einsatz ist, fahren riesige Landmaschinen, ernten Mais und noch mehr Mais, immer wieder rauf aufs Feld und zurück zum Hof. Aber nur einer von ihnen ist ein Star: Keno Veith.

Mit Trecker festgefahren

Er ist über Nacht berühmt geworden. Und das alles wegen der Maisernte. Anfang der Woche hat sich Keno Veith aus Zetel im Landkreis Friesland auf einem Feld tief im Kleiboden festgefahren. „Es kam keiner, um mich rauszuziehen. Weiß auch nicht, wo die so lange geblieben sind“, sagt Keno Veith. Da stand er nun, neben den riesigen Reifen seines Schleppers, und konnte nichts tun, als zu warten.

Also zog er sein Handy aus der Tasche und drehte auf Plattdeutsch einen kleinen Film. „Aus Langeweile. Wenn man so den ganzen Tag auf dem Feld ist, bekommt man echt das Maisfieber, dann macht man schon mal sowas.“ In dem Film spricht er direkt in die Kamera. „Wieter geiht dat nich. Wi sinn mittendrin op Klei“, sagt er. Und, dass er hofft, „dat bald wer kummt un us hier raustrecken deit“. Ganz normal Keno Veith eben. Wer ihn kennt, kennt ihn genau so.

Ein Ostfriese wie Mr. T

Im Internet aber ist er eine Rarität. So was hat man selten gesehen, einen schwarzen Mann, der original so aussieht wie Mr. T in der 80er-Jahre-Serie „Das A-Team“, und der sich auf Plattdeutsch darüber aufregt, dass er seinen Trecker im Maisfeld festgefahren hat. Auf Facebook nennt er sich „De schwatten Ostfrees Jung“, der schwarze Ostriesen-Junge. Keno Veith spielt mit den Klischees. „Man kann mich nicht beleidigen, irgendwann lernst du, damit umzugehen, dass du anders aussiehst, und kannst auch mal austeilen.“

Geboren ist Keno Veith in Wittmund, dort ist er auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Seine Großeltern hatten in Wittmund einen Milchviehbetrieb. „Ich hatte mein ganzes Leben lang mit der Landwirtschaft zu tun“, sagt Keno Veith.

Geteilt von Jan Böhmermann

Er sitzt immer noch auf dem riesigen Schlepper, zweimal hätte er sich beinahe wieder festgefahren an diesem nassen Freitag auf einem Maisfeld in der Nähe von Barßel im Landkreis Cloppenburg. „Mein Vater ist Agraringenieur“, erzählt er und grinst. Er grinst eigentlich nur noch in den letzten Tagen, schlafen kann er auch kaum noch. Keno Veith ist jetzt ein Star. Millionenfach wurde sein Internet-Video angeschaut, weiterversendet, angeklickt. Sogar vom Satire-König Jan Böhmermann. Er bekommt jetzt so viele Nachrichten auf sein Handy, dass sich das Gerät ständig aufhängt.

„Also mein Vater war als Agraringenieur beim deutschen Entwicklungsdienst in Kamerun und hat da meine Mutter kennen gelernt. In den 80er Jahren sind sie zusammen nach Deutschland gekommen.“ Und seitdem hatte Keno Veith das Gefühl, der einzige Afrikaner weit und breit zu sein – von seinen Geschwistern mal abgesehen.

Mit Leidenschaft auf dem Feld

Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, ging zur Bundeswehr und landete dann wieder in der Landwirtschaft, als Fahrer eines Lohnunternehmens. „Dieser Job funktioniert nur mit Leidenschaft, du musst das lieben. Du bist immer auf dem Feld, opferst viel Zeit, gerade in der Ernte. Und dann schimpfen die Leute noch, dass du die Straße dreckig machst.“ Die Reifen des Traktors wühlen sich durch den Barßeler Moorboden, während Keno Veith das erzählt.

Aber jetzt meckert grade keiner. Im Gegenteil. „Ey, es ist echt heftig, ich kriege so viele Anrufe und Mails, ich komme gar nicht dazu, die alle zu beantworten. Die Leute kommen hier her, nur um mich zu sehen, sie winken, wollen ein Foto oder sogar Autogramme.“ Und das gerade jetzt, wo er doch gar keine Zeit hat, wegen der Maisernte.

Fernsehteams haben schon bei ihm angerufen und sogar ein Buchverlag. „Das ist so viel auf einmal, ich muss das erstmal verarbeiten, ich komme gar nicht mehr zur Ruhe“, sagt Keno Veith. Dafür ist jetzt auch keine Zeit, denn gerade, als er mit dem Traktor den Feldhäcksler erreicht hat, fahren sich die Reifen endgültig im Moor fest. Keno Veith zieht seine Schuhe an – den Schlepper fährt er immer auf Socken
– und klettert aus dem Führerhaus. Der Häcksler muss den Traktor jetzt aus dem Modder ziehen, dafür muss Keno das Seil vorne festmachen. Und sich noch eben für die Zeitung fotografieren lassen. Seine Kollegen gucken schon komisch. Keno ist auf einmal ein Star. Der Zeteler klettert wieder rein, der Maishäcksler gibt Gas, der Traktor ruckelt, das Seil reißt. Und wieder raus aus dem Führerhaus, ein neues Seil muss her. „Im Moment fahren wir uns fast stündlich fest. Dieses Jahr gehört das einfach dazu“, sagt Keno Veith. Der ganz normale Wahnsinn bei der Maisernte eben.