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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

„Zustände wie im Entwicklungsland“

20.10.2016

Rheda-Wiedenbrück /Oldenburg Es gibt sicherlich Orte, die für eine internationale Konferenz verkehrsgünstiger liegen als das A2-Forum im westfälischen Rheda-Wiedenbrück, vor allem für die Gäste aus Dänemark. Aber hier können sie ihn sehen, den größten Schlachthof Europas, draußen auf der anderen Straßenseite. Sogar riechen können sie ihn hier.

Reingucken können sie freilich nicht, aber dafür stehen jetzt ja Dominique John und Szabolcs Sepsi da vorn auf dem Podium der „Internationalen Fleischkonferenz“. Sie beraten hauptberuflich Schlachthof-Arbeiter, und sie hören von ihnen jeden Tag, was schiefläuft bei Tönnies und in den anderen deutschen Schlachthöfen. John listet auf: „Wir haben es zu tun mit extremen Arbeitszeiten, geklauten Stunden, unrechtmäßigen Lohnabzügen, fehlender Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Mobbingvorwürfen, bis hin zur Androhung von Gewalt.“ Dahinter stecke, so John, „ein auf die Spitze getriebenes System von Werkverträgen“, er nennt es „schlicht unerträglich“.

Schwarzes Schaf

Zum Beispiel bei Tönnies. Johns Kollege Szabolcs Sepsi zeigt in Richtung andere Straßenseite: „Tönnies beschäftigt am Hauptstandort Rheda-Wiedenbrück 4000 Mitarbeiter in der Produktion. Davon sind 500 fest angestellt.“ Die anderen 3500 sind: Werkvertragsarbeiter. Sepsi zählt weitere Verfehlungen auf: „Fehlende Zuschläge bei Nachtarbeit, Abschläge für überteuerte Unterkünfte  . . .“

Die Selbstverpflichtung der Branche

18 Firmen aus der Fleischindustrie haben im vergangenen Jahr eine Selbstverpflichtung „für attraktivere Arbeitsbedingungen“ unterzeichnet, darunter die Branchenriesen Tönnies (Schlachthöfe u.a. in Sögel und Wilhelmshaven), Danish Crown (Essen/Oldenburg), Heidemark (Ahlhorn), PHW-Gruppe (Visbek) Vion (u.a. Emstek) und Westfleisch (Münster). Aus dem Oldenburger Land unterschrieben auch Steinemann (Steinfeld) und Tulip (Oldenburg) und Tulip Food Dinklage). Die Firmen verpflichteten sich, in ihren Häusern nur noch Arbeiter einzusetzen, die in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis nach deutschem Recht stehen. Ein Ende des Werkvertragssystems bedeutete das aber nicht.

Stopp. Halt. Sind das nicht olle Kamellen? Gruselgeschichten aus der Zeit vor zehn Jahren, als Reporter über Schlachthofarbeiter aus Osteuropa berichteten, die in Zelten im Wald lebten? Als der Oldenburger Gewerkschaftschef Matthias Brümmer noch von 10-Mann-Zimmern mit Betten erzählte, „die nie kalt wurden“ – weil die Arbeiter im Schichtbetrieb schliefen? Und von 3-Euro-Stundenlöhnen? Seither ist doch Einiges passiert! Seit zwei Jahren gilt ein tariflicher Mindestlohn für die Fleischbranche (derzeit 8,60 Euro, ab 1. Dezember 2016 8,75 Euro). Vor einem Jahr unterschrieben 18 Unternehmen, darunter Branchenriesen wie Tönnies, eine freiwillige Selbstverpflichtung, mit der sie zusagten, alle Arbeiter nach deutschem Recht einzustellen. Und erst vor wenigen Tagen hatte die Branche erklärt: Ziel zu 100 Prozent erreicht. Ist das nichts?

Doch, schon, räumt Claus-Harald Güster ein, der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Er nennt die Selbstverpflichtung einen „Schritt in die richtige Richtung“, und den Mindestlohn findet er „wichtig“. Aber: Der Mindestlohn sei nur eine „untere Haltelinie“ – und sogar die werde ständig und überall unterlaufen, man höre den Kollegen John und Sepsi zu. Und das liege am Missbrauch der Werkverträge, für Güster ein „Krebsgeschwür“.

Auf dem Papier bekommen die Werkvertragsarbeiter demnach zwar den Mindestlohn – aber an anderer Stelle werde ihnen das Geld wieder abgezogen. Für überteuerte Unterkünfte, als Messer-Geld, Kleidungsgeld, Transportgeld. „Unrechtmäßig“, so Güster. Sein Oldenburger Kollege Brümmer, immer für saftige Ohrfeigen in Richtung Arbeitgeberschaft gut, spricht von „Zuständen wie in einem Entwicklungsland“.

Im A2-Forum stehen kleine Fähnchen auf dem Tisch, italienische, ungarische, dänische. Längst ist die Schweinerei kein deutsches Problem mehr – sie ist ein europäisches. Jim Jensen aus Dänemark steht vorn, er ist für die Gewerkschaft NNF hier. In Dänemark, berichtet er, habe es wegen des deutschen Lohn- und Sozialdumpings „massiven Arbeitsplatzabbau“ gegeben. Er wirft Deutschlands Fleischindustrie „unfairen Wettbewerb“ vor. In Dänemark seien die Lohnkosten, „weil alles geregelt ist“, gut dreimal so hoch wie in Deutschland.

Ähnlich in Frankreich. Jensens Kollege Stéphane Jamet ergreift das Wort, Gewerkschaft FGA-CFDT. „Das muss aufhören!“, fordert er eindringlich – „es muss eine Harmonisierung in Europa geben“. Und noch was: „Deutschland muss Sanktionen verhängen bei Missbräuchen!“ In Frankreich gehe das ja auch.

Fleisch wird verramscht

Bestätigen kann die europäischen Auswirkungen Harald Wiedenhofer. Er ist Generalsekretär von EFFAT, dem Dachverband der europäischen Gewerkschaften, 2,6 Millionen Mitglieder. „Deutschland ist das schwarze Schaf Europas“, sagt er. Durch das Sozialdumping habe sich Deutschland vom Importeur zum Exporteur mausern könne – der Selbstversorgungsgrad sei von 80 auf fast 120 Prozent gestiegen.

Er fordert die Arbeitgeber auf, sich nicht länger aus der Verantwortung zu stehlen und endlich ihre Fürsorgepflicht anzuerkennen. Er fordert: gleiches Geld für gleiche Arbeit am selben Ort – ganz egal, wo der Arbeiter herkommt und ob Männlein oder Weiblein. Das ist die Forderung des Tages an die Arbeitgeber: „Steigen Sie aus dem System der Werkverträge aus!“

Aber wer soll das bezahlen? Fleisch, hatte zuvor Claus-Harald Güster von der NGG gesagt, „ist in Deutschland verramschte Massenware“. Die Gewerkschaft hat ausgerechnet, dass Mehrkosten von 6 bis 10 Cent pro Kilo Fleisch genügen würden, um ein vernünftiges Lohnniveau für alle Beschäftigten herzustellen. Hinweis NGG: In keinem anderen Land Europas sind Lebensmittel so billig wie in Deutschland.

Was wäre wenn?

Am Nachmittag gibt es eine kleine Podiumsdiskussion. Es nimmt auch ein Vertreter der Fleischindustrie daran teil, Michael Andritzky vom Verband der Ernährungswirtschaft. Also, Herr Andritzky, warum ist das Fleisch so billig? „Es ist das, was der Verbraucher bereit ist zu zahlen“, antwortet Andritzky. Die Leute im A2-Forum murren, Herr Andritzky hat nicht viele Freunde hier.

Noch eine Frage. Würde das Kilo Schnitzel einen Euro mehr kosten – was wäre dann?

Matthias Brümmer von der Oldenburger NGG sagt: „Die, die damit reich geworden sind, würden noch reicher werden.“ (Viele Lacher.)

Michael Andritzky, der Arbeitgeber-Vertreter, sagt: „Dann würden mehr Schnitzel aus anderen Ländern kommen, vor allem aus Osteuropa.“

Jim Jensen sagt: „Dann wäre das Schnitzel sehr billig – wir zahlen mehr in Dänemark.“

15 Uhr, Feierabend im A2-Forum. Auf der anderen Straßenseite läuft die Schlachtung weiter: so wie jeden Tag in der Woche, 24 Stunden lang, 25 000 Schweine täglich.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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