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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Weser-Ems

Zwischen Bestürzung und Erleichterung

31.05.2011

KLEINENSIEL Er blinzelt gegen die Sonne, denkt kurz nach. Nee, sagt er dann, ein Freudentag ist das heute nicht für mich.

Hinrich Brader sitzt auf der Holzbank vor seinem Hof und nippt an einer Apfelschorle. Hinter ihm spielt ein Radio, jetzt sind die Nachrichten dran, es geht natürlich um den Atomausstieg. Auch der Name „Unterweser“ fällt. Brader blickt geradeaus auf die Laubbäume; hätten wir nicht Sommer, könnte er das Atomkraftwerk sehen. „Nee“, sagt er noch einmal, „feiern kann ich nicht: Dafür hängen da zu viele Arbeitsplätze und zu viele Familien dran.“

Hinrich Brader, 58 Jahre alt, Biobauer in Beckum (Landkreis Wesermarsch), sagt stattdessen nur: „Ich bin erleichtert.“ Seit 1979 produziert das Kernkraftwerk Unterweser Strom – drei Kilometer von Braders Hof entfernt. „1986 mussten wir plötzlich die Kühe von der Weide holen“, erinnert er sich; 1986, da gab es den GAU in Tschernobyl. „Das war 1000 Kilometer weit weg, und wir mussten die Kühe reinholen? Da bin ich stutzig geworden“, sagt Brader. Später wurde er Mitbegründer von „Aktion Z“, dem Anti-Atomkraft-Bündnis.

Manche Leute in der Gemeinde Stadland grüßen ihn seitdem nicht mehr, berichtet Brader. Bei einer Podiumsdiskussion wurde der Landwirt neulich ausgebuht.

Aufträge für 25 Mio. Euro

„So einfach ist das ja alles auch nicht!“ Der Chef im Blaumann haut mit der flachen Hand auf den Tisch, er ist wütend. Er sagt, seinen Namen will er auf keinen Fall in der Zeitung lesen, „sonst sage ich gar nichts mehr!“ Er steht einige Kilometer von Braders Hof entfernt in seinem Büro vor einem Regal, in dem Aktenordner mit der Aufschrift „Eon“ lagern. Er schimpft: „Die Politik spielt Kasper mit uns!“

Eon ist der beste Kunde seines Handwerksbetriebs, ein Viertel des Umsatzes machen die Aufträge aus dem Kernkraftwerk aus. Wie bei vielen anderen Unternehmen in der Wesermarsch auch: „Soll ich Ihnen die alle aufzählen? Das dauert mindestens eine Stunde!“ Rund 25 Millionen Euro gibt Eon jährlich für Arbeiten regionaler Firmen aus.

Der Chef beruhigt sich langsam wieder. Über einen Atomausstieg könne man ja reden, sagt er, aber doch nicht so: „Erst heißt es, man steigt aus der Kernkraft aus, dann wird die Laufzeit verlängert, jetzt steigt man wieder aus. Hier nach Rodenkirchen sind wegen der Laufzeitverlängerung Menschen hergezogen, die haben sich ein Leben aufgebaut – so kann man mit den Leuten nicht umgehen!“

Schlechte Stimmung

Die Leute selbst halten sich heute bedeckt. Das Tor des Kernkraftwerks Unterweser bleibt geschlossen, man will zunächst unter sich bleiben. Die KKU-Leitung tagt, der Betriebsrat auch, am Mittwoch soll es dann eine Betriebsversammlung geben, bei der man die 600 Mitarbeiter „über die aktuelle Lage informiert“, wie KKU-Sprecher Dr. Thomas Burgdorff sagt.

Wer Mitarbeiter vorher nach der aktuellen Lage fragt, etwa beim Schichtwechsel vor dem Werkstor, bekommt knappe Antworten: „Mies!“ „Schlecht!“ „Die Stimmung ist im Keller!“ Und er sieht das typische Unterweser-Kopfschütteln: „Vom Sicherheitsstandard sind wir besser als die meisten neuen Kraftwerke.“

Betriebsrat Ewald Haubold bellt deshalb kurz: „Wir sind sauer“, und Sprecher Burgdorff sagt das Gleiche, nur länger: Die Position der Bundesregierung sei im doppelten Wortsinne „bedenklich“, man brauche eine Energiewende „mit Augenmaß“.

Hoffnung hängt am Kabel

Oben links im Rathaus am Rodenkircher Marktplatz hat der Bürgermeister der Gemeinde Stadland sein Büro. Boris Schierhold (parteilos) sagt, er stehe vor einem Scherbenhaufen. Wenn das Kernkraftwerk weg sei, fehlten seiner Gemeinde der größte Arbeitgeber, der größte Gewerbesteuerzahler und ein gehöriges Maß Kaufkraft: Zimmervermietungen, Restaurants, Handwerksbetriebe, „hier hängt doch fast alles irgendwie am Kernkraftwerk“. Aber, sagt der 42-Jährige dann und guckt ein bisschen trotzig: „Ich kann jetzt Mord und Brand schreien – ändern kann ich das alles nicht.“

Er schiebt ein paar Papiere auf seinem Schreibtisch zusammen, also wolle er Platz für Neues schaffen. „Wir müssen nach vorn schauen“, betont er. „Nach vorn“ bedeutet für ihn: Die Gemeinde müsse alles tun, das Energiekabel aus Norwegen zum KKU-Standort zu leiten, um dort eine Konverterstation und ein Umspannwerk zu bauen. „So könnten wir wenigstens einen Teil der Arbeitsplätze und der Gewerbesteuer halten“, hofft Schierhold.

Wir leben in einer strukturschwachen Gegend, fügt er an. „Als der Wesertunnel kam, hieß es, da wachsen mehr Gewerbebetriebe nach, als ihr unterbringen könnt.“ Er rümpft die Nase. „Die sind vielleicht mit dem Auto da durchgefahren auf ihrem Weg in andere Gegenden!“ Der Bürgermeister steht auf, das Leben geht auch in Krisenzeiten weiter: Er muss nach Seefeld zum Seniorennachmittag, der Bauchredner kommt.

In Beckum blinzelt Hinrich Brader gegen die Sonne und sagt: In Stade haben die Grünen nach Abschaltung des Atomkraftwerks ja eine Abschaltparty gefeiert. „So was kann man nicht machen“, findet er. Atomkraftgegner und Kernkraftbefürworter müssten jetzt alle gemeinsam an einem Strang ziehen, oder besser: an einem Kabel. „Der KKU-Standort ist ideal dafür“, sagt er, „und gut ausgebildete Fachkräfte gibt es hier auch.“

Aber was ist, wenn das Kabel nicht kommt?

Schrumpfende Bevölkerung

Knapp 300 Kilometer südlich von Rodenkirchen gibt es einen Amtskollegen von Bürgermeister Schierhold, der Erfahrung mit abgeschalteten Atomkraftwerken in strukturschwachen Regionen hat: Christian Haase (CDU) ist Bürgermeister der Stadt Beverungen und damit auch des Dorfes Würgassen. 1997 wurde das dortige AKW stillgelegt, seitdem läuft der Rückbau.

Der Rückbau federe zwar zunächst den Wegfall von Arbeitsplätzen ab, sagt Haase, „aber die Region hat deutlich gelitten“: Die Bevölkerung schrumpfte, viele Familien zogen weg, gut bezahlte Fachkräfte. „Diesen Kaufkraftverlust haben Einzelhandel und Handwerk sehr gespürt“, sagt der 45-Jährige. Seit 1997 sei die Bevölkerung von 16 500 Einwohner auf 14 200 gesunken. „Neulich mussten wir die erste Grundschule schließen“, so Haase, „und unsere Infrastrukturanpassung ist damit längst nicht abgeschlossen.“

Die Gewerbesteuereinnahmen durch Eon sind während der Rückbauphase um 50 Prozent gesunken; statt 5 bis 6 Millionen Euro kassiert die Kommune jetzt nur 2 bis 3.

2012 soll der Rückbau abgeschlossen sein. Dann fehlt Haase auch dieses Geld.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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