Westrittrum - Sie sehen aus wie Bambi in groß, sind aber gar keine Rehe: die Sikahirsche. Das Ehepaar Klaus und Irmgard Ritterhoff züchtet sie auf seinem Grundstück in Westrittrum. Eigentlich können die Wildtiere nicht gestreichelt werden. In diesem Rudel ist das anders. In diesem lebt auch Paula, eine zahme Hirschkuh.
„Paula kommt, wenn wir sie rufen und sie frisst aus der Hand“, sagt Irmgard Ritterhoff. Der 69-Jährigen ist es zu verdanken, dass Paula noch lebt. 2012 hörte die Seniorin ein Fiepen aus der Weide. Ehemann Klaus fand ein Neugeborenes im Gras, kaum größer als eine Katze. „Ihre Mutter hatte sie verstoßen und das Kleine schrie vor Hunger“, erinnert sich die 69-Jährige. Kurzerhand nahmen sie das Kalb mit in die Küche und zogen es mit Schafsaufzuchtmilch aus der Flasche auf.
Paula wuchs schnell. Tagsüber durfte sie auf dem Grundstück herumlaufen, abends kam sie mit ins Haus. Getrennt vom Rudel gewöhnte sich Paula an Menschen, wurde oft von den drei Enkelkindern der Ritterhoffs gekuschelt oder mit Brot gefüttert. „Mit unserer Hündin Alma verstand sie sich auch prima“, sagt Irmgard Ritterhoff.
Bekommt Ohrmarke
Bevor Paula zum Rudel kam, bekam sie eine Ohrmarke verpasst, wie sie sonst Kühe oder Schweine tragen. „Das haben wir gemacht, um Paula von den anderen Tieren unterscheiden zu können“, sagt der 74-Jährige. Denn eigentlich plante das Paar, eine Zucht aufzuziehen und Gewinn mit dem Verkauf von Tieren zu machen. Und zwar lebend, an andere Züchter, oder tot, als Fleischware zum Verzehr. Eine sentimentale Bindung zu einem der Tiere war für die beiden eigentlich nicht vorgesehen. „Paula ist eine Ausnahme. Sie wird nicht geschossen und auch nicht verkauft“, sagt Irmgard Ritterhoff.
Nun lebt die inzwischen sechsjährige Paula schon lange beim Rudel. Sechs Alttiere, davon vier Kühe und zwei Hirsche, sowie ein Kalb umfasst dieses. „30 Tiere hatten wir vor Jahren“, weiß Klaus Ritterhoff noch. Nachdem das Ehepaar 2002 mit der Züchtung begann, wurde ihnen schnell klar, dass mit Sikahirschen kein großer Gewinn zu machen ist. Seitdem lassen sie das Rudel ausdünnen.
Auf einem drei Hektar großen Grundstück, mit einem zwei Meter hohen Zaun umgeben, fühlen sich die Tiere wohl. „Ihre Art ist in Sibirien beheimatet“, weiß Ritterhoff, Dybowskihirsch heißt diese Unterart. In freier Wildbahn seien sie vom Aussterben bedroht. Die Tiere können knapp über einen Meter Widerristhöhe erlangen und bis zu 80 Kilo schwer werden.
Vom Veterinäramt des Landkreises Oldenburg gab es einige Vorschriften für die Ritterhoffs zu erfüllen. Auf eine Genehmigung des Geheges mussten sie knapp ein Jahr warten. „Im Grunde sind die Hirsche aber sehr pflegeleicht“, sagt der Westrittrumer. Auf dem Gelände gibt es sowohl einen kleinen Bach, als auch genügend schattige Bereiche. Wilde Brombeeren, Himbeeren und Eicheln dienen den Wiederkäuern als Nahrung. „Und sie lieben Löwenzahn“, weiß Irmgard Ritterhoff. Zusätzlich gibt es Mais und Obst in einem Futtertrog, den Klaus Ritterhoff alle paar Tage auffüllt. Dort hinein mischen sie auch eine Wurmkur, damit die Tiere nicht befallen werden.
Noch ein langes Leben
„Es sind schöne Tiere“, sagt der Westrittrumer. Ritterhoff ist seit 40 Jahren Jäger, er habe nie Probleme mit dem Töten von Tieren gehabt, doch mittlerweile gehen ihm die Tiere nahe. „Mit dem Alter ändert sich die Einstellung zum Töten“, vermutet er. Somit steht den meisten Hirschen wohl noch ein langes und friedvolles Leben bevor. Auf Paula kommt diesen Sommer jedoch noch eine ganz eigene Herausforderung zu. „Sie erwartet ihr erstes Kalb“, verrät Irmgard Ritterhoff.
