Delmenhorst - Das Zimmer mit dem Schaukelpferd, dem Spielzeugboot und der Minirutschbahn ist verwaist, Zutritt verboten. Corona regiert auch bei den kleinsten Patienten im Delme Klinikum, auf der Kinderstation 27. Einen bunten Roller durfte sich Lukas* trotzdem schnappen. Nun fährt der Zweijährige grinsend durch das große Krankenzimmer Nummer fünf. Die Luft ist abgestanden, der Fernseher läuft ohne Pause. Lukas ist zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder hier, dem einjährigen Tobias*. Dessen Neurodermitis hat sich in den letzten Tagen stark verschlimmert.
Doch die Krankheit ist nur das eine, hinzu kommt in diesem Fall der soziale Faktor einer überforderten Familie. „Diese Familie ist ein klassischer Fall auf unserer Station“, sagt Kinderkrankenschwester Tanja Kruse, die ich für zwei Schichten bei ihrer Arbeit begleiten werde.
Die Idee zu diesem Artikel entstand durch einen Begriff, der unheilvoll klingt, aber doch so abstrakt bleibt, dass er seinen Schrecken fast verloren hat: Pflegenotstand. Es ist eine nüchterne Diagnose, und sobald sie gestellt wird, fallen weitere Begriffe, die nicht weniger abstrakt bleiben. Es geht dann um Fallpauschalen, den Fachkräftemangel und Gehaltssätze.
Immer mehr Arbeit verteilt sich auf immer weniger Schultern
Was aber verbirgt sich dahinter? Was bedeutet es für den Alltag in Kliniken und Heimen, wenn sich immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt? Wenn Pflegekräfte notorisch zu wenig Zeit für diejenigen haben, die ihrer Pflege bedürfen? Wenn junge Menschen einen Bogen um diesen Beruf machen, weil sie so viel Schlechtes darüber hören? Und was macht diese Tätigkeit auf der anderen Seite so erfüllend, dass sich viele auch nach langen harten Jahren nichts anderes vorstellen können?
Um das herauszufinden, bin ich in das Delmenhorster Krankenhaus gekommen. Zwei Tage lang werde ich auf der Kinderstation hospitieren. Es ist eine besondere Station, denn neben der medizinischen Seite hat die Tätigkeit hier viel auch mit Sozialarbeit und Psychologie zu tun. Kinder benötigen besondere Aufmerksamkeit, um mit der belastenden Situation in einem Krankenhaus umzugehen, sie brauchen Zuwendung und Fürsorge. Zugleich sind auch die Eltern angespannt und voller Sorge. „Oft haben eher die Eltern ein Problem, nicht die Kinder“, sagt Tanja Kruse. „Viele Eltern schreien förmlich nach Hilfe.“
Nun erschwert die Coronapandemie die anspruchsvolle Arbeit auf der Kinderstation zusätzlich.
„Oft genug ist so viel los, dass man es kaum auf die Toilette schafft“
Dienstbeginn Montagmittag, 12.48 Uhr: Die Krankenschwestern um Pflegedienstleiterin Tanja Kruse besprechen sich beim Schichtwechsel vom Früh- in den Spätdienst. 15 Betten gibt es auf der Station für Kinder und Jugendliche plus sechs bis sieben Intensivbetten. Sieben Patienten sind momentan hier; die Kleineren mit Mama oder Papa, die Teenager bekommen das schon allein hin.
Ein Blick auf die Falldaten des Tages: eine neurologische Erkrankung, einmal unklare Bauchschmerzen, eine Diabetikerin mit Komplikationen. Zudem grassieren schwere Atemwegserkrankungen wie das Respiratorische Synzytial Virus (RSV) mit größerer Heftigkeit, da viele Infekte wegen der Kontaktbeschränkungen ausfielen und die Kinder nun anfälliger sind.
Tanja Kruse erklärt unserem Autor York Schaefer, was sie an diesem Tag auf Station 27 erwartet. Bild: Torsten von Reeken
In Zimmer zehn liegt ein acht Tage alter Säugling mit Neonatalem Abstinenzsyndrom. Die Mutter hat während der Schwangerschaft Drogen genommen. Entzug mit dem Tag der Geburt, bevor das Leben überhaupt richtig begonnen hat. Auch einen Verdachtsfall auf häusliche Gewalt gegen eine junge Mutter mit drei Monate altem Baby gibt es.
182.000 Pflegekräfte werden Deutschland im Jahr 2030 fehlen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Bremen. Davon entfallen 81.000 Stellen auf Fachkräfte, 87.000 auf Hilfskräfte und 14.000 auf Menschen ohne Ausbildung.
Sechs Millionen Menschen in Deutschland werden 2030 auf Pflege angewiesen sein, so die von der Barmer-Krankenkasse in Auftrag gegebene Studie. Das sind rund eine Million mehr als in vorherigen Studien.
Insgesamt scheint es ein ruhiger Nachmittag zu werden. Üblich ist das nicht. „Oft genug ist so viel los, dass man es kaum auf die Toilette schafft“, sagt Tanja Kruse, 44 Jahre alt, selbst kinderlos, aber eine überzeugte Kinderkrankenschwester mit freundlich-bestimmter und zugleich humorvoller Ansprache. Seit zwei Jahren ist die gebürtige Delmenhorsterin Pflegeleiterin auf der Kinderstation. Schon ihre Ausbildung hat sie im Delme Klinikum gemacht.
Auf ihrem Namensschild prangt ein buntes Pferd. An den Wänden im Flur hängen Bilder einer heilen Kinderwelt: Panda, Elefant und von den jungen Patienten gemalte Unterwassertiere.
Ganzkörperanzug, zweite Maske: Corona erschwert die Arbeit zusätzlich
Erfreulicherweise gibt es an diesem Wintertag keinen akuten Coronafall. Trotzdem ist die ständige Bedrohung durch das Virus eine Belastung für die Arbeit der Krankenschwestern. Schon die sich ständig ändernden, rechtlichen Vorgaben für Tests, Besuchsregelungen und Hygienebestimmungen zehren an den Nerven.
Das aufwendige Prozedere mit der Schutzkleidung zum Beispiel lerne ich vor der Eingangsuntersuchung von Tobias und Lukas. Ich schlüpfe in den flattrigen Ganzkörperumhang, binde die Plastikschnüre zu, so gut es geht, ziehe Handschuhe an und setze eine zweite Maske auf. Bei einem nachgewiesenen Positivfall muss man zudem einen Gesichtsschutz tragen.
Die Hygieneauflagen sind streng. Das wiederholte Desinfizieren und Wechseln der Bekleidung kostet viel Zeit. Bild: Torsten von Reeken
Über dem Bett im Untersuchungszimmer baumelt ein bunter Holzpapagei. Zieht man an einer Schnur, schwingen die Flügel langsam auf und ab. Das soll die Kinder von der Kanüle im Arm ablenken. Assistenzärztin Tabea Siegert setzt die Spritze, Tanja Kruse hält Lukas’ Arm fest. In der Kinderheilkunde arbeiten Krankenschwestern und Ärzte enger zusammen als in anderen medizinischen Bereichen. Nur Ärzte dürfen Kindern und Säuglingen Blut abnehmen und es muss immer mindestens eine Pflegekraft dabei sein, um das Kind bei Bedarf zu beruhigen oder auch festzuhalten.
Aus wirtschaftlicher Perspektive ist das hier ein Verlustgeschäft
Der erhöhte Personaleinsatz verursacht Mehrkosten, die sich in den Fallpauschalen der Krankenhäuser pro Patient nicht wiederfinden. „Es gibt keinen besonderen pädiatrischen Schlüssel“, sagt Oberarzt Philipp Jachertz. Finanziell rentabel seien lediglich Bereiche wie die Neonatologie, also die Behandlung von Frühgeborenen. „Wir machen aber hauptsächlich die Grundversorgung, die sprechende Medizin“, erklärt Jachertz. Das sei rein wirtschaftlich gesehen ein Verlustgeschäft.
Tobias und Lukas sind tapfer, wenig Geschrei, nur ein paar Tränchen rollen. Zur Belohnung dürfen sie in eine Spielzeug-Schatztruhe greifen.
In der Pädiatrie geht es viel um Vertrauen zwischen Pflegenden und Patienten sowie deren Eltern. Blutentnahmen zum Beispiel finden nie in den Zimmern der Kinder statt, damit die Orte nicht mit negativen Gefühlen verbunden werden. „Man sollte immer ehrlich bleiben und den Kindern nie sagen, dass eine Untersuchung nicht weh tut, wenn das nicht stimmt“, sagt Tanja Kruse, die ihren Job trotz aller Widrigkeiten mag. „Es ist schön, wenn man das Vertrauen der Kinder gewinnt, ihnen Ängste nehmen kann und auch wenn man die Dankbarkeit der Familie spürt.“
„Wir machen hauptsächlich die Grundversorgung“, sagt Oberarzt Philipp Jachertz.
Nach dem Aufenthalt im Untersuchungszimmer entledigen wir uns der Schutzkleidung und desinfizieren uns zum x-ten Mal an diesem Tag gründlich die Hände. „Normalerweise ziehe ich mich acht- bis zehnmal pro Tag um“, berichtet Tanja Kruse. Das kostet viel Zeit, 15 bis 30 Minuten pro Patient, schätzt sie.
Die knappste Ressource hier ist Zeit, da sind sich alle einig
Zeit, die dann fehlt für den eigentlichen Job der Krankenschwestern: die Pflege, die Untersuchungen und Behandlungen, die Gespräche mit den Patienten und Eltern. „Wer in der Pflege arbeitet, möchte sich ganzheitlich um die Patienten kümmern. Dafür wäre es wichtig, dass man wieder mehr Zeit hat“, betont Tanja Kruse. Ihre Kollegin Kirstin Jandt bestätigt das: „Für die eigentliche Pflegearbeit war schon vor Corona zu wenig Zeit.“
Mehr Zeit für eine qualitativ hochwertige Pflege und für menschliche Zuwendungen ist es auch, die laut einer Umfrage der Arbeitnehmerkammer Bremen ganz oben auf der Liste der Bedingungen steht, unter denen ehemalige Pflegekräfte wieder in den Job einsteigen oder ihre Stunden erhöhen würden. Ein verlässlicher Dienstplan sowie die Wertschätzung durch Vorgesetzte gehören ebenfalls zu den Top Ten auf der Liste der Arbeitnehmerkammer.
„Ich hätte lieber zwei zusätzliche Kollegen als 300 Euro mehr“
22 Pflegekräfte arbeiten in der Kinderstation der Klinik, zwei Stellen sind momentan unbesetzt. „Ich hätte lieber zwei zusätzliche Kollegen als 300 Euro mehr“, sagt Schwester Kirstin Jandt. Die Bezahlung in der Krankenpflege ist, zumindest verglichen mit der Altenpflege, gut. Um die 300 Euro mehr haben die Beschäftigten hier im Portemonnaie, etwa 3500 Euro brutto plus Zulagen verdient eine examinierte Kinderkrankenschwester laut Tarif.
Einen erheblichen Teil ihrer Zeit verbringen Tanja Kruse und Philipp Jachertz nicht bei den Patienten, sondern am Schreibtisch. Bild: Torsten von Reeken
Ein Grund für den Zeitdruck in der Pflege ist die aufwendige Dokumentation, die Tanja Kruse und ihre Kolleginnen betreiben müssen. Nach der Untersuchung von Tobias und Lukas sitzt sie vor dem Computer im „Stationsstützpunkt“ Raum E232, scrollt die Seiten rauf und runter und setzt Häkchen in den entsprechenden Feldern. Im Schnitt eine Stunde pro Schicht mache das aus, schätzt die Krankenschwester. „Und wenn wir es nicht erledigen, könnte es juristische Probleme geben oder kein Geld.“
Statt am Krankenbett verbringen Pflegekräfte viel Zeit am Schreibtisch
„Es hat eine Bedeutung, wenn Pflegekräfte dauerhaft gegen die eigenen berufsethischen Ansprüche verstoßen müssen“, kritisiert Jennie Auffenberg, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Seit einigen Jahren gibt es dafür den Begriff der „moralischen Verletzung“ der Pflegenden. Statt sich um ihre Patienten zu kümmern, müssen sie viel Zeit vor dem Computer verbringen.
5000 Schritte zeigt die Gesundheitsapp auf meinem Handy zum Feierabend um 21 Uhr. Meine Beine sind schwer, dabei war die Schicht an diesem Tag vergleichsweise ruhig.
Um sechs Uhr muss ich am nächsten Tag zur Frühschicht erscheinen. Normalerweise sollen mindestens zehn Stunden zwischen zwei Schichten liegen. Doch nicht immer reicht das Personal dafür aus. Die kurze Nacht gibt mir ein Gefühl dafür, wie sich ein unzuverlässiger Dienstplan für die Krankenschwestern anfühlen muss, wenn sie immer wieder kurzfristig einspringen müssen.
Schwester Tanja bleibt freundlich, aber bestimmt
Kurz nachdem wir anderntags wieder auf der Station sind, kommt dann auch noch eine Krankmeldung rein, „die dritte für diese Woche“, stöhnt Schwester Tanja. Ansonsten herrscht morgendliche Ruhe, nur das Summen der Computer und Tippgeräusche sind zu hören. Erst ab 7.30 Uhr wird es betriebsamer auf der Station 27. In Zimmer fünf läuft schon der Kinderkanal im Fernseher, Lukas und Tobias sind quicklebendig. Die gestrige Behandlung mit Salben und das Betupfen der großflächigen Rötungen an Rücken, Beinen und Bauch mit Schwarztee haben Wirkung gezeigt. Tanja Kruse fragt sich, ob Tobias in der Vergangenheit die falsche Medikation erhalten hat oder ob sie schlicht falsch angewendet wurde.
Tanja Kruse und York Schaefer am Bett einer Patientin. Bild: Torsten von Reeken
Besuch in Zimmer sechs bei Diabetikerin Lisa*, die drei Tage vorher wegen einer schweren Mandelentzündung aufgenommen wurde. „Ich weiß, ich bin ein Drill-Instructor“, sagt Tanja Kruse mit sanftem Druck und nötigt die junge Frau, mehr zu trinken und trotz Schmerzen zu frühstücken . „Bis 14 Uhr sechs Gläser Wasser, bitte“, ordnet sie an. Lisa ist bereits Mitte 20 und gehört somit eigentlich nicht mehr auf die Kinder- und Jugendstation. Sie liegt dort, da das Delme Klinikum eine Expertise bei der Behandlung von Diabetikern hat. Die junge Frau war scheinbar nie richtig eingestellt auf ihre Krankheit, mit der sie seit fünf Jahren lebt. Nun soll sie hier noch mal neu lernen, ihre Kalorien- und Insulinwerte selbst zu berechnen.
Wenn die Eltern Doktor Google fragen, wird es anstrengend
Die Arbeit als Kinderkrankenschwester habe sich verändert, sagt Tanja Kruse. „Es ist nicht mehr der Job, der es noch vor 15 Jahren war.“ Einen großen Teil der Zeit verschlingt heute die Beratung der teils überbesorgten Eltern. Eltern, die alle möglichen Krankheiten googeln und denken, dass ihr Kind stirbt, wenn es mal einen Tag 40 Grad Fieber hat. Doch trotz solcher Widrigkeiten würde Tanja Kruse nie einen anderen Job machen wollen.
Was bräuchte es, um mehr Menschen dafür zu begeistern? Studien schätzen den Fachkräftemangel in der Pflege auf 40 000 bis 100 000 Vollzeitstellen. Dabei wäre das Arbeitskräftepotenzial durchaus da, sagt die Arbeitnehmerkammer Bremen. Sie schätzt, dass bundesweit 90 000 bis 120 000 Menschen durchaus in der Pflege arbeiten würden. Voraussetzung: bessere Bezahlung, mehr Zeit für die eigentlichen Pflegetätigkeiten und mehr Anerkennung durch die Gesellschaft.
Sich auf den Balkon zu stellen und sie als ungewollte Helden zu beklatschen, wie in der erste Coronawelle geschehen, reicht jedenfalls nicht aus.
* alle Patientennamen von der Redaktion geändert
