Cäciliengroden - Am 30. August 1996 läuteten um 21 Uhr die Glocken der Christuskirche in Cäciliengroden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich etwa 16 000 Demonstranten, alle mit Fackel in der Hand, nicht nur an der damaligen Deichbaustelle in Cäciliengroden eingefunden, sondern standen rund um den Jadebusen von Wilhelmshaven bis nach Eckwarden in Butjadingen. Schweigend und in fast besinnlicher Atmosphäre demonstrierten sie für den Küstenschutz.
„Bereits am frühen Abend zogen die ersten Kolonnen zum Deich“, berichtete die NWZ am 31. August 1996 über die Protestaktion: „Gegen 21 Uhr wurden die Fackeln, die von den Feuerwehren und vielen Hilfskräften verteilt worden waren, angezündet.“
Auslöser für die eindrucksvolle Großdemonstration war ein handfester Streit zwischen Küsten- und Naturschützern über die Deicherhöhung, mit der bereits 1992 in Mariensiel bei Wilhelmshaven begonnen wurde. Als die Baustelle Cäciliengroden erreicht hatte, erwirkten Naturschützer Ende Juni 1996 vor dem Oldenburger Verwaltungsgericht einen Baustopp. Der BUND als federführender Naturschutz-Verband wollte mit der Klage aus seiner Sicht umweltschonendere Deichbaumethoden durchsetzen und durch einen Neubau landseits der bereits bestehenden Deichlinie Eingriffe in die schützenswerten Salzwiesen auf der Seeseite verhindern.
Die Küstenbewohner sahen sich in ihrer Sicherheit bedroht – und setzten sich mit der geballten Kraft örtlicher Kommunen, Politiker, des mächtigen Deichbands und sogar der Kirche im Rücken gegen die Gerichtsentscheidung zur Wehr. „Wer nich wüll dieken, de möt wieken“, sagte der damalige niedersächsische SPD-Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke, der sich ebenfalls mit den Deichanliegern und ihrem Protest gegen das Gerichtsurteil solidarisierte.
1997 schlossen die Naturschützer und die damalige Bezirksregierung schließlich einen Vergleich, der vor allem Ausgleichsmaßnahmen für die Überbauung der Salzwiesen beinhaltete. Der Konflikt riss seinerzeit tiefe Gräben zwischen Natur- und Küstenschützern auf. Inzwischen sind die alten Wunden zumindest vernarbt.
Obwohl die Deicherhöhung auf dem sechs Kilometer langen Abschnitt entlang des Jadebusens inzwischen längst abgeschlossen ist, halten die Anlieger die Erinnerung an die Protestaktion unter anderem mit Deichgottesdiensten wach: Zum zehnten Jahrestag der Mahnwache fand in Cäciliengroden am 30. August 2006 eine Gedenkveranstaltung statt, in deren Mittelpunkt die Enthüllung der „Koyer“-Skulptur aus der Werkstatt der ostfriesischen Bildhauer Hans-Christian und Anders Petersen stand. Die lebensgroße Bronze-Figur zeigt einen Deich-Arbeiter, der – auf einer Stele sitzend – nach getaner Arbeit stolz und zufrieden auf sein Werk blickt.
Bei der aktuellen Erhöhung des Elisabethgrodendeichs im Wangerland gelang sogar ein wegweisender Konsens. Ein Teil des Kleis für den Deichbau wurde aus dem Deichvorland entnommen – also aus genau dem Bereich, der 1996 zum Streit geführt hatte. Der maßgeblich vom Landkreis Friesland moderierte Planungs- und Entscheidungsprozess gilt als beispielhaft in Niedersachsen.
