WIEFELSTEDE - Meine Gastschwester Sara, bei deren Familie ich hier in Kolumbien bereits seit vier Monaten lebe, ist gerade in Deutschland. Sie absolviert dort einen sogenannten Incoming-Dienst, was so etwas ähnliches ist wie ein freiwilliges Soziales Jahr – für Ausländer, die nach Deutschland kommen wollen. Sie wird in Saarbrücken in einer Camphill-Einrichtung arbeiten – einem kleinen Dorf, in dem behinderte Menschen in betreuten Wohngemeinschaften leben und arbeiten.

Die letzten Wochen vor der Abfahrt – und besonders die Wochenenden – haben wir so noch mal richtig ausgenutzt. Wir fuhren mit der gesamten Familie – Onkel, Tanten und Cousinen – in ein nahe gelegenes Dorf. Dort gibt es einen berühmten Berg und viele Seen, in denen wir schwimmen waren und sogar den Luxus genießen durften, einmal Jetski und Wakebord zu fahren. Es war ein superschönes Abschiedswochenende für alle. Der endgültige Abschied am Flughafen fiel dann aber doch recht traurig aus für die Familie.

Und auch ich werde in der nächsten Zeit kaum Gelegenheit haben, meine Gasteltern zu sehen, denn mein Zwischenseminar beginnt. Es ist unglaublich, aber ich bin nun schon ein halbes Jahr in Kolumbien. Das Seminar wird zuerst in Cali beginnen, der drittgrößten Stadt Kolumbiens. Dort ist es sehr heiß. Die zweite Hälfte des Seminars wird bei uns in der Fundacion stattfinden, also in Medellin.

Ansonsten haben wir einen normal-verrückten Alltag mit unseren Kindern, die uns Freiwilligen immer mehr ans Herz wachsen. Zum Beispiel Ana-Cristina, die von morgens bis abends die ganze Woche lang behauptet, dass heute Montag ist. Am liebsten fragt sie aber, welche Farbe meine Kleidung hat. Doch egal, was ich antworte: Es ist immer falsch, denn bei ihr existiert nur die Farbe blau. Sie ist ein sehr heiteres Kind, das immer in den Arm genommen werden möchte. Doch von der einen auf die andere Sekunde bekommt sie einen Umschwung, hüpft auf und ab und schreit, dass man sie los lassen soll – auch wenn man sie gar nicht berührt. Dann fängt sie gern an, mit Dingen um sich zu werfen. Viele Kinder in unserer Einrichtung haben solche überraschenden Stimmungswechsel. Und ich bin froh, dass ich mich daran schon gewöhnt habe. Ich habe auch festgestellt, dass man die Kinder viel schneller wieder in den Griff bekommt, wenn man selbst ruhig reagiert. Mittlerweile übernimmt jeder von uns eigene Unterrichtsstunden. Ich habe das Backen für die 16 Jugendlichen aus der Weberei und Schreinerei unserer Einrichtung übernommen. Zudem habe ich noch meine Bewegungstherapien, die natürlich auch vorbereitet werden müssen. Alles in allem haben wir fast den ganzen Tag mit der Arbeit zu tun, aber ich hätte mir für dieses Jahr kaum eine bessere Arbeit vorstellen können. (wird fortgesetzt)