WIEFELSTEDE - Als ich gefragt worden bin, ob ich jeden Monat einen Bericht für die Zeitung schicken möchte, sagte man mir: Erzähle doch davon, was das Leben in Kolumbien von dem in Deutschland unterscheidet.

Das ist schwieriger als erwartet. Ich fühle mich hier nicht viel anders als in Deutschland, lebe allerdings in einer Stadt mit 3,2 Millionen Einwohnern: Medellin eben. Die meisten Menschen wohnen hier in Steinhäusern, genauso wie bei uns auch. Schaut man genauer hin, sieht man Unterschiede. Wir leben hier in einem Tal, unten wohnen die eher reicheren Menschen. Je höher man kommt, desto ärmer werden die Einwohner – Menschen, die vom Land in die Stadt geflüchtet sind vor den Guerillagruppen. Einen Tag sind wir mit unserer Einrichtungsleiterin Sandra in ein höher gelegenes Dörfchen gefahren und haben Familien besucht, die alle auf engstem Raum wohnen. Eine der Familien hatte keinen Strom, keine richtigen Wände und die Decke war voller Löcher, so dass es bei Regen immer durchtropft. Aber: Es gab fließend Wasser – die Bewohner hatten sich von irgendwoher eine Wasserleitung gelegt. Und drinnen war alles blitzsauber.

In einem anderen Haus fanden wir eine typische Familienkonstellation vor. Die 16-jährige Mutter lag mit ihrem Neugeborenen im Bett, daneben stand die 32 jährige Großmutter, die uns dann erzählt, dass ihre Mutter 48 Jahre alt sei. Die Familie hat hier eine besondere Bedeutung. Wenn man in einem Haus zu Besuch ist, ist nie nur die Familie anwesend, die dort wohnt; auch Cousinen, Cousins, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen und so weiter schauen vorbei.

Der Straßenverkehr in Medellin ist beängstigend. Einmal bin ich mit einem Lehrer Motorrad gefahren – immer knappe zehn Zentimeter an Bussen und Autos vorbei. Zudem gibt es auch nicht wirklich Verkehrsregeln, sondern jeder fährt hier so, wie er will und wie er sich noch irgendwo durchquetschen kann im Verkehr.

Typisch für die Kolumbianer ist ihre Vorliebe für Kitsch. Jüngst war hier so etwas wie Valentinstag und die ganzen Bars und Restaurants waren voll behängt mit Herzen und Luftballons. Und sogar das Essen war überall in Herzform angerichtet worden. Auch die kleinen Parks, die es in jedem Stadtteil gibt, waren mit Herzen und Schmetterlingen behängt – einfach schrecklich.


Pünktlichkeit ist der Kolumbianer Sache nicht. Wenn man sagt, man trifft sich um 15 Uhr, dann kann man damit rechnen, dass es damit nichts wird vor 17 Uhr. Da hilft nur: selbst unpünktlich sein. Allerdings habe ich damit noch zu kämpfen.

Ich habe mich entschieden, in unserer Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene für die Zeit meines Aufenthaltes in der Weberei zu arbeiten – mit den Älteren. Wie mit Johanna. Sie kann kaum alleine laufen oder essen. Sie sitzt meist nur da und krampft die Hände zusammen. Mit ihr gehe ich jetzt jeden morgen eine halbe Stunde spazieren und mache danach Bewegungsübungen.

Täglich wird von 8 bis 17 Uhr gearbeitet, meist ein wenig länger. Wir haben zwar eine Mittagspause, aber in der müssen wir auf die Kinder aufpassen. Also bin ich abends immer ziemlich erschöpft und falle meist todmüde ins Bett. (wird fortgesetzt)