WILDESHAUSEN - Hellseherische Qualitäten entwickeln manche Mitglieder der Schützengilde. Wohl auch Volker Böttjer: „Morgen bin ich König“, hatte er am Pfingstmontagabend 2009 beim Fackelumzug noch geunkt. Da stand er mit Familie und Freunden noch ahnungslos an der Ecke Bahnhofstraße/Westerstraße. Keine 24 Stunden später trug er Königskette und Zylinder mit Mooskranz. Insgesamt 35 Königsanwärter waren letztes Jahr in den Schießstand getreten.
„Es waren so viele Eindrücke. Das habe ich immer noch nicht alles verarbeitet“, blickt der 42-jährige Ingenieur nun auf ein ereignisreiches Jahr als Majestät zurück. Allein die Krönungszeremonie im Gasthaus Wolters sei ein Ereignis für sich. „Hermann Schröder hat eine tolle Rede gehalten“, erzählt Böttjer. Und als Schützenbote Gerd Tschöpe den Papagoy überreicht, bekommt er eine Gänsehaut. Bei Wolters wird auch Ehefrau Imke (43) gekrönt. „Manches erfährt man erst später“, erzählt sie. So wie beispielsweise nach dem Triumph im Krandel rasch die Nachbarn zum Helfen bei Wolters zusammengetrommelt werden. Als ihr Chef vorbeifährt, stellt Imke noch rasch den Urlaubsantrag für die folgenden Tage.
Vor 25 Jahren tritt Böttjer in die Gilde ein. Damals mit seiner Handball-Clique, darunter Jürgen Wiesner und Rudi Pelz. Mit dem Pfingstclub „PFC“ marschiert er regelmäßig aus. „Das ist ein toller Haufen“, sagt er. Jedes Jahr gibt es ein festes Programm – mit Frackprobe und Angrillen. Imke Böttjer steht mit ihrer Frauengruppe, die „Pfingst-Feger“, regelmäßig beim Ausmarsch an der Straße.
Als König erlebt Volker Böttjer nun das Jahr aus einer anderen Perspektive. Gemeinsam mit Schaffer Jörn Ahlers („Wir haben ein super Verhältnis“) besucht er jeden Offizier an dessen Geburtstag. Als Geschenk kredenzen sie das „kleine König- und Schaffermahl“: selbst gemachte Erdbeermarmelade und eine kleine Mettwurst. „Egal, wo wir hinkommen: Überall werden wir herzlich empfangen“, lobt Böttjer den großartigen Gemeinschaftsgeist. Es gibt Ausflüge mit der Wache nach Oldenburg und mit dem Offizierskorps zum Klimahaus nach Bremerhaven. Beim „Tannenbaum-Schauen“ sind 45 Gäste in der guten Stube der Böttjers. Auch so manchen Schabernack müssen König und Schaffer mitmachen: Während des Rockappells werden Zylinder und Handschuhe „entführt“. Die wichtigen Gegenstände lösen sie später bei einer kleinen Feier in Holzhausen ein.
Im Wohnzimmer hat sich Volker Böttjer eine kleine „Gilde-Ecke“ eingerichtet – mit Papagoy, Figuren und einem schmucken Bild des alten, silbernen Papagoy. Auch die Kinder Lea (11) und Jette (7) stehen dort oft staunend. Auf das Schild zur Königskette hat der Ingenieur Helm, Zirkel und Winkel und die stilisierte Brücke über die A 281 bei Bremen, an der er maßgeblich mitgebaut hat, gravieren lassen. Auch die Raute seines Vereins Borussia Mönchengladbach fehlt nicht.
„Dreimal darf ich noch einmal auf den Papagoy schießen“, freut sich Böttjer bereits auf den Pfingstdienstag und die offizielle Eröffnung des Königsschießens. Zuvor wird er zum 25. Mal ausmarschiert sein. Den Orden hat er sich redlich verdient.
