Wildeshausen/Landkreis - Zwei Meter hoch war der Zaun, den ein Wolf am Dienstag vergangener Woche im Vechtaer Ortsteil Telbrake übersprungen hat. Drei Wildschafe wurden in dem Gehege gerissen, das zusätzlich mit einem Untergrabschutz gesichert ist und sich direkt hinter dem Haus des Halters befindet. Bereits am Montag waren im benachbarten Lutten (Gemeinde Goldenstedt) zwei Ziegen gerissen worden.
Der Wolfsberater des Landkreises Vechta, Dr. Torsten Schumacher, ordnet die Vorfälle dem Rudel in Barnstorf (Landkreis Diepholz) zu. 2014 wurde dort eine residente Wölfin nachgewiesen. In diesem Juni bestätigten Wolfsexperten Nachwuchs. Vier Welpen tappten in eine aufgestellte Fotofalle. Es gebe auch Berichte, dass es mehr sein könnten, so Schumacher.
Die Fähe habe seit 2015 mehrfach ihr Sprungvermögen unter Beweis gestellt, während das Erklettern des zwei Meter hohen Zauns wohl eher auf das Konto des Rüden gehe. Schumacher hält es für sehr wahrscheinlich, dass die Welpen das Überwinden hoher Hinternisse von ihren Eltern gelernt haben, wenn sie sich nächstes Jahr ihre eigenen Reviere suchen. Eines davon könnte im benachbarten Landkreis Oldenburg liegen.
Der Wolfsberater
Noch sieht der für diese Region zuständige Wolfsberater Carsten Sauerwein aus Delmenhorst die Situation allerdings gelassen. „Wir haben zwar schon häufiger Spuren gefunden, es bleibt aber insgesamt überschaubar.“ Es gebe zwar vereinzelt Meldungen von Rissen, die jedoch meist nicht eindeutig Wölfen zugeschrieben werden könnten. Im Raum Dötlingen, Harpstedt und Wildeshausen habe man aber schon mehrfach Wölfe in Fotofallen erwischt.
„Momentan gibt es kein Indiz für einen dauerhaft ansässigen Einzelwolf im Landkreis Oldenburg, sondern Abstecher von Tieren aus den Landkreisen Vechta und Diepholz“, bilanziert Sauerwein.
Diese Abstecher reichen allerdings aus, um den Landkreis Oldenburg zu einem anerkannten Gebiet für Wolfsschutz zu machen. Das heißt, es gibt Billigkeitsleistungen für Züchter, die trotz aktiven Herdenschutzes Risse hinnehmen müssen. Gerade kleinere Züchter schrecken jedoch vor Schutzzäunen und ähnlichen Maßnahmen zurück, denn die kosten trotz Subventionierung viel Geld und bringen – wie im Fall Telbrake – nicht unbedingt viel.
Dennoch rät Sauerwein allen Tierhaltern, sich mit dem Thema Herdenschutz auseinander zu setzen. Informationen und Ansprechpartner finde man im Internet unter www.nlwkn.niedersachsen.de unter den Menüpunkten „Naturschutz“, „Tier- und Pflanzenartenschutz“, „Wolfsbüro“. Gerne seien er und seine Kollegen auch zu Beratungsgesprächen am Telefon oder vor Ort bereit.
Die Landwirte
Viele betroffene Landwirte mögen allerdings nicht mehr länger nur auf Herdenschutz setzen und fühlen sich von der Landesregierung allein gelassen. Demgemäß macht sich das Landvolk schon seit längerem für ein „Ende der unkritischen Willkommenskultur für Wölfe“ stark.
Die Diskussion um Einzäunung und andere Schutzmaßnahmen sei reine Showpolitik. Einzelne Wölfe, die stark übergriffig gegenüber Nutztieren sind, sollten gejagt werden dürfen.
Diese Position vertritt auch Jürgen Seeger, Vorsitzender des Kreislandvolkverbandes Oldenburg aus Großenkneten: „Man kann sich nicht wirklich vor dem Wolf sichern, denn er geht in jeder Hinsicht über Grenzen.“ Wenn die Grenze des Zumutbaren erreicht sei, wo auch immer diese liege, müsse der Mensch regelnd eingreifen, eventuell über die Jägerschaft.
Die Jäger
Dass „der Wolf schon da ist“, weiß Karl-Wilhelm Jacobi, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Oldenburg-Delmenhorst, schon seit längerem. „Es gibt schon viel mehr als wir denken“, ist er sich sicher. Ein hohes Interesse an der Bejagung seitens der Jäger im Landkreis sieht er indes nicht: „Der Wolf ist da für uns eher uninteressant.“ Das bedeute aber nicht, dass man den Umgang mit dem Wildtier nicht genau regeln müsse. „Wichtig ist, dass wir sachlich diskutieren und dass es endlich geregelt wird“, so Jacobi. Ein Aussitzen und Warten auf eine „natürliche“ Regelung werde nichts bringen. „Der Wolf steht an der Spitze der Nahrungskette und wird sich seinen Platz sichern.“
Vorbereitungen auf den Wolf seien für Jäger nicht möglich: „So steuerbar ist der Wolf nicht.“
Der Nabu
Genau beobachtet wird die aktuelle Entwicklung auch vom Naturschutzbund (Nabu). „Als anpassungsfähige Tierart können Wölfe in sehr vielen Landschaften leben – auch in der heutigen modernen Kulturlandschaft. Auf Deutschland bezogen bedeutet dies, dass es in nahezu jedem Bundesland geeignete Wolfsregionen gibt“, betont der Sprecher der Nabu-Ortsgruppe Wildeshausen-Dötlingen, Wolfgang Pohl.
Doch der Nabu weiß natürlich auch um die Probleme mit auffälligen Rudeln wie zum Beispiel in Barnstorf. „In Abhängigkeit vom Verhalten sollten auffällige Wölfe zunächst per Satellitensender überwacht werden. Gegebenenfalls sind für eine Verhaltensänderung des Tieres weitere Vergrämungsmaßnahmen notwendig, zum Beispiel der Einsatz von Gummigeschossen“, sagt Pohl. Die Entnahme eines Tieres dürfe nur im absoluten Ausnahmefall erfolgen.
