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Medizin Der beste Beruf der Welt kränkelt

Karsten Krogmann

WILDESHAUSEN - Warum das hier der beste Beruf der Welt ist? Volker Kuhlmann lächelt: „Weil ich nie weiß, was mich hinter der nächsten Tür erwartet!“

Hinter der nächsten Tür liegt Behandlungszimmer 1, auf Kuhlmann wartet eine sehr unglückliche Frau, 34 Jahre alt. Sie kauert da hinten auf der Liege, die Beine hat sie angewinkelt: diese Krämpfe, der Durchfall, das Erbrechen, Herr Doktor, bitte! „Das kriegen wir hin“, tröstet Kuhlmann. Er klopft den Bauch ab, „ja, da haben wir ganz viel Luft“, er misst Fieber, er guckt in die Ohren, er verschreibt der Frau feuchte Umschläge und lindernde Tropfen.

Dann schließt er die Tür und sagt fröhlich: „Wir bekommen wieder besseres Wetter – die Brechdurchfälle häufen sich immer, wenn es draußen milder wird.“

Dr. med. Volker Kuhlmann, 67 Jahre alt, muss es wissen: Er ist seit 40 Jahren Mediziner, seit 32 Jahren betreibt er eine eigene Hausarztpraxis in Wildeshausen. Am 30. Juni wird er in den Ruhestand gehen; einen Nachfolger hat er nicht.

Denn der spannendste Beruf der Welt ist schon lange nicht mehr der populärste.


Nachwuchs-Sorgen

An der Oldenburger Huntestraße sitzt in einem Büro hinter Doppeltüren ein Mann, der das beweisen kann: Helmut Scherbeitz, 55 Jahre alt, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Bezirksstelle Oldenburg.

Scherbeitz rechnet vor: Von zehn Medizinern, die ihr Studium abschließen, gehen nur sechs in die bundesdeutsche Patientenversorgung, der Rest sucht sich einen Job im Ausland oder in der Industrie.

Von den verbleibenden sechs Ärzten wird nur ein einziger Allgemeinmediziner. „Wir bräuchten aber vier, um die derzeitige Versorgung mit Hausärzten aufrecht zu erhalten“, sagt Scherbeitz.

In Wildeshausen tritt Hausarzt Kuhlmann durch die nächste Tür, jetzt ahnt er doch, was ihn erwartet. Ein junger Mann liegt da in Behandlungszimmer 4, 24 Jahre alt: Krämpfe, Durchfall, Übelkeit! „Brechdurchfall“, diagnostiziert der Doktor. Er schreibt auf: akute Gastroenteritis, dann tippt er den ICD-Code in den Computer ein, für die Statistik der Krankenkassen, „A09.0G“, und schreibt ein farbiges Rezept. Grün bedeutet, der Patient muss das Medikament selbst bezahlen, rot heißt, die Kasse zahlt, blau: Privatpatient.

Das ist der nicht so gute Teil im besten Beruf der Welt: die Bürokratie.

Die Bürokratie ist ein Grund dafür, dass immer weniger Medizinabsolventen Hausarzt werden wollen. Ein anderer ist die hohe Arbeitsbelastung.

Volker Kuhlmann sagt, er arbeite jede Woche 70 bis 80 Stunden in seiner Praxis. Seine Ehefrau Babette arbeitet dort auch mit, die beiden haben sich im Krankenhaus kennengelernt, Kuhlmann lacht, „wie in einem billigen Arztroman“. Sie haben drei Kinder, keines davon wollte Medizin studieren. Warum nicht?, hat Kuhlmann sie einmal gefragt oben in der geräumigen Arztwohnung. „Weil ihr nie da wart“, haben die Kinder geantwortet.

Die Eltern waren bei der Arbeit: in der Hausarztpraxis, ein Stockwerk tiefer.

Lieber nicht alleine

Helmut Scherbeitz, der KVN-Geschäftsführer, rechnet weiter: Zwei Drittel der Medizinabsolventen seien heute Frauen. „Die sagen: Ich will keine Einzelpraxis auf dem Land machen, da kann ich keine Familie haben.“ Teilzeitarbeit, längere Urlaubszeiten, Ausfallzeiten wegen kranker Kinder – das alles werde zum Problem in der kleinen Hausarztpraxis. „70 Prozent der neuen Ärzte wollen deshalb in Gemeinschaftspraxen arbeiten“, sagt Scherbeitz, und zwar am liebsten in der Stadt: „In Oldenburg haben wir keine Probleme.“

Natürlich gibt es Vorschläge, wie die Versorgungslücken auf dem Land zu stopfen sind. Langfristig soll zum Beispiel die neue European Medical School in Oldenburg einen Teil dazu beitragen: Die Hälfte der Studenten muss ihre Praktika auf dem Land machen; so will man sie für den besten Beruf der Welt begeistern.

Für kurzfristige Versorgungslücken fühlt sich Sabine Lizarraga zuständig.

Neue Firma in Berlin

Die 52-Jährige sitzt in einer Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. Eigentlich ist das hier ein Wohnzimmer, aber Lizarraga hat ein Schild mit der Aufschrift „Office“ an die Wand gepappt, „das ist jetzt mein Büro“, sagt sie. Neben der Tür steht ein schwerer Schreibtisch, oben drauf lärmen zwei Computer und drei Telefone. Das ist die Zentrale der neuen Firma „DocBack“: die erste Vermittlungsagentur für Ärzte im Ruhestand.

Lizarraga sagt: „Man muss die Ärzte unterstützen, die arbeiten ja bis zur Erschöpfung.“ Weil es aber so wenig junge Ärzte gibt, dachte sie sich: Dann lass’ uns doch die alten nehmen! „Die Ruheständler sind erfahren, sie sind hoch qualifiziert, sie sind heute vom biologischen Alter her wesentlich jünger als vom kalendarischen Alter“, sagt Lizarraga. „Und: Kein Arzt muss sich mehr Sorgen machen, dass ihm seine Vertretung Patienten abwirbt.“

„DocBack“ funktioniert so: Eine Praxis meldet Vertretungsbedarf an, und Lizarraga sucht gegen Vermittlungsgebühr in ihrer bundesweiten Datenbank nach passenden Vertretungsärzten. „Es gibt so viele Ruheständler, die gern wieder arbeiten wollen“, sagt sie. Da ist zum Beispiel die 69-jährige Hausärztin, die ihre Praxis aufgab und jetzt bei „DocBack“ anrief: „Ich habe mich eineinhalb Jahre lang ausgeruht – jetzt will ich wieder auf die Piste!“ Oder der 70-jährige Augenarzt, der Lizarraga erzählte: „Mein Herz ist richtig hochgehüpft, als ich von Ihnen hörte!“

Dr. Kuhlmann sagt in Wildeshausen, nach dem 30. Juni will er reisen, lesen, malen. tanzen. Er will nicht: Patienten behandeln.

Er geht durch die nächste Tür ins Behandlungszimmer 3. Da liegt ein Mann, 56 Jahre alt, der eine moderne Maulwurffalle aufstellen wollte. Der Maulwurf entkam, die Falle schoss dem Mann durch die Hand. Kuhlmann zieht 18 Fäden.

Hinter der Tür von Zimmer 2 sitzt ein Kind, fünf Jahre alt. „Hier krabbelt jetzt ein Lichtlein in dein Ohr“, singt Kuhlmann. Er diagnostiziert eine Mittelohrentzündung, und das tapfere Kind bekommt zur Belohnung Lakritz aus dem Bonbonglas.

Hinter der Tür von Zimmer 1 wartet eine Frau, 51 Jahre alt, „ich muss mal wieder meinen Rücken durchchecken lassen“. Kuhlmann greift ihr unter die Arme, hebt sie an, es knackt: Chiropraktik. Die Frau umarmt den Arzt. „Wo soll ich denn hin, wenn Sie im Ruhestand sind?“, fragt sie ihn.

Problem Alterspyramide

Noch, sagt Helmut Scherbeitz von der KVN, gibt es den Hausärztemangel nicht. Er nennt ein paar Zahlen: Laut KVN-Berechnung braucht der Landkreis Oldenburg für eine Vollversorgung 79 Mediziner. Zurzeit gibt es 77, die Versorgungsquote liegt also bei 98 Prozent. „Aber“, mahnt Scherbeitz, „das Problem ist die Alterspyramide.“ Mehr als jeder dritte Arzt im Landkreis sei älter als 55, „in fünf Jahren werden wir den Mangel haben“.

„Der demografische Wandel hat begonnen“, sagt auch Sabine Lizarraga in Berlin. „Warten Sie noch drei bis fünf Jahre, dann ist unser Modell nicht mehr wegzudenken!“

„Moment!“ Der 24-jährige Patient aus Zimmer 4 fängt Dr. Kuhlmann auf dem Flur ab. „Hier“, sagt er und drückt dem 67-Jährigen eine Schachtel Pralinen in die Hand, eine Karte klebt daran: „Für den besten Arzt der Welt“.

Für einen Augenblick wird es sehr still in der Arztpraxis. Dann lächelt Volker Kuhlmann und öffnet ganz schnell die nächste Tür.

 @ Mehr Infos unter

http://www.docback.euundwww.kvn.de

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