WILDESHAUSEN - „Aquarium (ohne Inhalt) zu verschenken“ steht auf dem Schild im Eingangsraum der Arztpraxis von Dr. Volker Kuhlmann. Im Garten verteilt ein Bauarbeiter eifrig Füllsand auf das Areal, das einst eine malerische Teichanlage zierte, während Volker und Babette Kuhlmann Kartons mit den restlichen Patientenakten stapeln, die noch nicht abgeholt wurden.
„Der Vermieter möchte, dass wir alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen“, sagt der Mediziner mit Blick auf die Arbeiten im Vorgarten. „Da steckt viel Herzblut drin, und es ist schon traurig, wenn so eine lange Ära zu Ende geht“, ergänzt er und deutet auf den wandgroßen, von einer Patientin gefertigten Batikvorhang mit Indianermotiven, der bislang das Wartezimmer zierte und jetzt ebenfalls einen neuen Besitzer sucht. Vor 32 Jahren hat Volker Kuhlmann zusammen mit Ehefrau Babette seine Praxis an der Neuen Straße eröffnet – an diesem Freitag schließt er die Tür für immer.
Schatz geht verloren
„Für mich ist es jetzt Zeit, in Ruhestand zu gehen“, sagt der große schlanke Mann, dem man nicht ansieht, dass er in wenigen Tagen 68 Jahre alt wird. Kuhlmanns Praxis ist groß und modern. „Seit 16 Jahren pflegen wir unser Computersystem, geben hier sämtliche Befunde ein und verbuchen die anstehenden Untersuchungen und Impfungen“, erzählt er nicht ohne Stolz. Ein riesiger Schatz an Wissen geht hier verloren, denn Kuhlmann hat für seine schöne etablierte Praxis im Herzen Wildeshausens keinen Nachfolger gefunden.
„Wir haben uns bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Oldenburg und Bremen gemeldet, unser Glück bei der Jobbörse, im Internet und per Headhunter versucht und eine freche Anzeige im Ärzteblatt geschaltet nach dem Motto ,Suchen einen Neuen für die Alten’, aber alles ohne Erfolg“, berichtet er. Es hätten sich zwar immer wieder Interessenten gefunden, aber zugesagt habe letztlich keiner. Einigen sei die Gegend zu provinziell gewesen, anderen die Praxis zu groß. Allein in den vergangenen 16 Jahren hat Kuhlmann mehr als 20 000 Patienten verbucht. Das ist nur mit einer 80-Stunden-Woche zu schaffen.
„70 Prozent aller Ärzte sind heute Frauen, von denen viele Beruf und Familie kombinieren müssen“, gibt der Wildeshauser zu bedenken. Große Hoffnungen setzt er in die neue European Medical School in Oldenburg. „Hier müssen wir Ärzte und auch das Krankenhaus dranbleiben und uns einbringen“, betont er. Das sei entscheidend für die ganze Region.
„An den besten Doc“
Kuhlmanns drei Mitarbeiterinnen sind inzwischen in benachbarten Praxen untergebracht. Das Ultraschallgerät geht – für ein Abendessen – an eine andere Hausärztin. Die vielen Abschiedsgeschenke und Briefe wird er mitnehmen in die neue, kleinere Wohnung am Reepmoorsweg. „An den besten Doc der Welt“ oder „Für Kuli“ steht auf den bunten Karten, die dem überzeugten Hausarzt den Abschied schwer machen.
Seine Berufswahl hat der Vielbeschäftigte nie bereut. „Ich habe einen der schönsten Berufe der Welt“, betont er. Gerade der Hausarzt erlebe das volle menschliche Spektrum von der Geburt bis zum Tod. „Ich bin immer Idealist geblieben, und die tägliche Bestätigung durch die Patienten hat mir geholfen, den Zwängen der Bürokratie standzuhalten, dem Druck, ,Fünf-Minuten-Medizin’ machen zu müssen“, resümiert er nachdenklich. Das einzige, was ihm wirklich zu schaffen gemacht hat, war die Ungeduld vieler Patienten. „Ich hatte nie einen Burn-Out oder Ähnliches, aber ein Albtraum hat mir immer wieder zugesetzt, nämlich der, dass Patienten sich beschweren, weil sie warten müssen“, berichtet er ganz offen. Weniger Egoismus und Anspruchsdenken und mehr Respekt und Solidarität wünscht sich der scheidende Mediziner.
In Zukunft freut Kuhlmann sich auf mehr Zeit für Familie und Freunde, Paddeln auf der Hunte, Radeln und Wandern. Vielleicht geht er auch für einige Zeit nach Afrika oder übernimmt eine Praxisvertretung. Und so ganz hat der Idealist die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich in den nächsten Monaten vielleicht doch ein anderer Idealist findet und seine alte Praxis mit neuem Leben erfüllt.
