WILHELMSHAVEN - Werner H., Claudia, Joachim, Boris – Namen stehen schwarz umrandet auf Pappschildern, die wie Grabsteine aussehen. Davor stehen Friedhofskerzen – 43 an der Zahl. Ein Mann mit Sense sitzt auf einem Stuhl, Trauermusik ist zu hören.
Hinter den Namen auf den Schildern verbergen sich Schicksale: Es waren Heroinabhängige aus Wilhelmshaven, die in den vergangenen Jahren an den Folgen ihrer Sucht gestorben sind. Die Polizei in Wilhelmshaven registrierte im vergangenen Jahr fünf Drogentote. In diesem Jahr war es einer. Betroffene erinnern sich aber an jeden einzelnen. Man kennt sich in der Szene.
Mit der provokanten Aktion in der Fußgängerzone vor der Nordseepassage wollten am Mittwoch die Bürgerinitiative für die Sicherstellung der Versorgung von Drogenabhängigen (BI) sowie die Wilhelmshavener Aids-Hilfe den Betroffenen ein Gesicht geben. Anlass war der Gedenktag für gestorbene Drogenabhängige, der seit 1998 bundesweit in 40 Städten begangen wird.
„Wir wollen um die Menschen trauern, über die man kaum spricht“, sagt Susanne Ratzer von der Wilhelmshavener Aids-Hilfe. „Wenn sich die medizinische Versorgung von drogengebrauchenden Menschen in Wilhelmshaven nicht verbessert, wird die Zahl der Toten steigen.“
400 Suchtkranke
Gemeint ist die wohnortnahe Versorgung von Drogenkranken mit Heroin-Ersatzmedikamenten – Substitution genannt. Sie ist in Wilhelmshaven immer noch nicht gewährleistet, weil es an substituierenden Ärzten fehlt.
Methadon soll den Betroffenen ein normales Leben ermöglichen, am besten ganz vom Heroin und den Folgen wie Beschaffungskriminalität und Verwahrlosung wegbringen. Im Gegensatz zu Heroin bleibt bei den Ersatzstoffen der Rauschzustand aus.
Rund 400 Suchtkranke soll es statistisch in Wilhelmshaven geben, schätzt Johann Janßen und bezieht sich auf den bundesweiten Durchschnitt. Viele von ihnen warten auf einen Platz im Methadonprogramm. Knapp 100 würden heute versorgt. Janßen engagiert sich in der Bürgerinitiative und kennt als ehemaliger Hausarzt, der selbst Heroinabhängige mit Methadon versorgt hat, die Ängste und Sorgen der Betroffenen.
In Wilhelmshaven werden zurzeit nur noch so genannte „Take-Home“-Patienten von Hausarzt Matthias Abelmann mit Methadon versorgt. Die Patienten nehmen ihre Wochenration mit nach Hause oder erhalten sie in der Apotheke. Die Abgabe ist streng reguliert, birgt aber Gefahren. Zudem könnte ein Teil der Medikamente auf den Schwarzmarkt gelangen, so Janßen. Einige Junkies würden sich Methadon spritzen. das sei besonders gefährlich. Wer die Therapie abbricht und wieder Heroin spritzt, setze sich oft den „goldenen Schuss“.
Keine Unterstützung
Der substituierende Hausarzt Matthias Abelmann hatte immer wieder damit gedroht, die tägliche Behandlung einzustellen, da die Arbeitsbelastung zu groß war. Er hoffte auf Unterstützung von Kollegen. Rückhalt von der Kassenärztlichen Vereinigung und der Ärzteschaft blieben aus. Dass es schlicht an der Bereitschaft scheitert, hätte zuletzt eine Informationsveranstaltung gezeigt, zu der die BI 160 Hausärzte schriftlich eingeladen hatte. Ein substituierender Arzt aus Oldenburg referierte. „Nur ein Wilhelmshavener Arzt hat an der Veranstaltung teilgenommen“, erzählt Janßen.
Die Beratungsstelle der Aids-Hilfe teilt indes erheblich mehr Insulinspritzen an Heroinabhängige aus. In diesem Jahr bereits 1500. So sinke zwar das Risiko für Betroffene, sich mit HIV oder anderen Krankheiten zu infizieren – für Johann Janßen und Susanne Ratzer ist es aber auch ein deutliches Indiz dafür, dass wieder „mehr gedrückt“ wird.
