WILHELMSHAVEN/HELGOLAND/HANNOVER - Aus den Augen, aus dem Sinn. Dass dieses Motto das Problem nicht löst, zeigt sich auch bei den Altlasten in der Nordsee. Dort wurde nach Kriegsende massenhaft Munition entsorgt. Allein vor Niedersachsens Küste rosten laut Expertendarstellung bis zu eine Million Tonnen Kampfmittel am Meeresgrund vor sich hin. Jetzt drohe der Umwelt eine erste Welle der Verseuchung, sagt Meeresbiologe und Umweltgutachter Stefan Nehring.

Niedersachsens Umweltministerium warnt vor Panikmache. Die Belastung werde als „nicht signifikant“ eingestuft, eine Anreicherung von Schadstoffen etwa in Fischen sei „bisher nicht nachgewiesen“, sagt Rudolf Gade. Und im Meer gebe es „extrem hohe Verdünnungsraten“. Aber Gade räumt ein, dass die Bewertung schon rund 15 Jahre alt ist. Neuere Zahlen gibt es nicht. Bis 2010 soll es jedoch „eine Überprüfung der ökotoxikologischen Lage“ geben.

Nehring spricht dagegen von „behördlichen Mythen“, mit denen wissenschaftliche Fakten ignoriert würden. „Es gibt aktuell viel mehr munitionsbelastete Flächen als auf den Karten verzeichnet.“ So sei zum Beispiel die Hooksiel Plate in der Jade bisher nicht auf Altlasten untersucht worden. Dabei lagerten dort Hunderttausende Tonnen. „Nach Angaben des Wasser- und Schifffahrtsamtes Wilhelmshaven können es sogar bis zu eine Million sein“, so Nehring. Brisant sei, dass in der Nähe der Jade-Weser-Port entstehe. Bei den vielen Sandbewegungen gab es im Sommer fast täglich explosive Funde.

Laut Nehring ist die Unterschätzung der Gefahr auch dem Hickhack um Verantwortlichkeiten geschuldet. Südlich Helgolands seien etwa 1949 rund 90 Tonnen Granaten versenkt worden, die den tödlichen Chemie-Kampfstoff Tabun enthalten. Die Geschosse lägen dort noch immer, Aufzeichnungen der ehemaligen Bezirksregierung Weser-Ems und der Wasserschutzpolizei ließen keine Zweifel zu. Nehring: „Wenn man da nachbohrt, gibt es beharrliches Schweigen.“ Grund: Das Gebiet zähle heute zu Schleswig-Holstein – die Granaten stammten aus dem niedersächsischen Diepholz. Keine Seite wolle zuständig sein.

Dabei dränge die Zeit, sagt der Meeresbiologe. Munition im Meer sei in der Regel erst nach 60 bis 70 Jahren so weit zersetzt, dass ihr Inhalt entströme. Bei nach 1945 versenkten Kampfstoffen müsste es also bald so weit sein. Für eine Neubewertung der Gefahr dürfe daher keine Zeit verstreichen.